Verwandlungen und Metamorphosen
Diese Tierkinder sind ausgewachsen nicht wiederzuerkennen
Manche Jungtiere sehen so fremd aus, dass kaum zu erkennen ist, was einmal aus ihnen wird. Zwischen Larve, Küken oder Welpen und dem erwachsenen Tier liegen oft Welten. Diese Unterschiede sind jedoch kein Zufall, sondern das Ergebnis evolutionärer Anpassungen.
Bei manchem tierischen Nachwuchs fragt man sich unweigerlich: «Was willst denn du mal werden, wenn du gross bist?». Starke Unterschiede zwischen Jung- und Adultstadium sind dabei kein Zufall, sondern das Ergebnis evolutionärer Anpassungen. Jungtiere und erwachsene Tiere stehen oft vor völlig unterschiedlichen Herausforderungen: Während ausgewachsene Individuen Nahrung suchen, Reviere verteidigen oder sich fortpflanzen müssen, geht es für den Nachwuchs in erster Linie um Schutz, Versorgung und Überleben. Unterschiedliche Körperformen, Farben oder Verhaltensweisen erlauben es Jungtieren, diese Anforderungen optimal zu erfüllen, ohne in direkte Konkurrenz zu den Erwachsenen zu treten.
Bei vielen Arten übernehmen auffällige Farben oder ungewöhnliche Merkmale eine Signalwirkung – etwa, um Fürsorge auszulösen oder innerhalb sozialer Gruppen besser erkannt zu werden. In anderen Fällen dienen unscheinbare Gestalt und Färbung der Tarnung und verringern das Risiko, von Fressfeinden entdeckt zu werden. Besonders bei Tieren mit Metamorphose ermöglicht die drastische Umgestaltung zudem eine klare Trennung der Lebensräume und Nahrungsquellen von Larve und Adulttier, was Konkurrenz innerhalb der eigenen Art reduziert. Schon in der Schule lernen wir, wie sich Kaulquappen zu Fröschen und Raupen zu Schmetterlingen entwickeln.
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Verwandlung per Metamorphose
Alle bekannten Insekten durchlaufen eine Metamorphose, während welcher sie ihr Aussehen oft komplett verändern. Rund drei Viertel durchlaufen dabei auch ein Ruhestadium als Puppe (holometabole Insekten), während beim Rest das Puppenstadium fehlt (hemimetabole Insekten). Bei den holometabolen Insekten ist die Veränderung grundliegender als bei den hemimetabolen. Während man also einer Made kaum ansieht, dass sie einmal zur Fliege wird, kann man es bei einer Heuschreckenlarve durchaus erahnen.
Ein Blick unter Wasser zeigt, dass die Metamorphose von Meerestieren ungeahnt bizarre Formen annehmen kann. So ist allen Krebsen die sogenannte Naupliuslarve gemein. Im Gegensatz zu den ausgewachsenen Krebsen tragen die Larven lediglich drei Extremitätenpaare (erste Antenne, zweite Antenne und Mandibeln), wobei die zweiten Antennen zu Schwimm-beinen umgebaut sind. Wie kleine Zyklopen besitzen sie ein einzelnes Auge (Ocellus) in der Mitte der Stirn. Absolut nichts lässt hier erahnen, was aus den oft nur wenige Millimeter grossen Larven einmal wird, sobald sie das ausgewachsene Stadium erreicht haben.
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Von Flaum zu Federn
Auch bei frisch geschlüpften Vogelküken, die noch blind und nackt in den Nestern hocken, ist oft schwer zu erahnen, um welche Art es sich handelt. Lediglich Experten, zum Beispiel Pfleger auf Wildvogelstationen, können Findelkinder zuverlässig bestimmen. Sobald die ersten Federn sichtbar werden, erkennt man zumindest bei den Singvögeln nach und nach, wen man vor sich hat. Bei anderen Vogelarten sind die Unterschiede zwischen Küken und ausgewachsenem Tier deutlicher. Das zeigt sich nicht nur beim Haushuhn, sondern auch bei Wildvögeln wie dem Uhu (Bubo bubo). Bis auf die Grösse lässt sich hier kaum erahnen, dass aus den flauschigen Bällen mit dem stets leicht verschlafenen Blick einmal die beeindruckendste Eule Europas werden will. Die Flaumfedern schützen die Eulenküken vor dem Auskühlen, bevor sie ihre Körpertemperatur eigenständig regulieren können. Gerade bei Uhus ist dies wichtig, da die Eltern kein Nest bauen. Zudem sind Eulenküken durch die graue Färbung optimal getarnt und nur schwer zu entdecken.
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Auch Blässhuhnküken (Fulica atra) sehen ihrenEltern nur wenig ähnlich. Während ausgewachsene Blässhühner einheitlich grau-schwarz gefärbt sind und nur der weisse Schnabel farblich hervorsticht, warten ihre Küken mit leuchtend rot gefärbten, kahlen Köpfen und einem orange-gelben Kragen auf. Man geht davon aus, dass die Farben ein starkes optisches Signal für die Eltern sind, die sie dazu animieren, die Küken ausgiebig zu füttern. Bis zu zwei Monate werden die Jungtiere so durch die Eltern versorgt, was ihre Überlebenschancen in den ersten Wochen erhöht. Zudem hilft die auffällige Färbung den adulten Tieren wahrscheinlich dabei, ihre Küken von jenen anderer Rallenarten zu unterscheiden. Bei Teichhühnern (Gallinula chloropus) beispielsweise fehlen die orangen Dunen am Hals.
Auffallend unfertig
Nicht nur bei Vögeln, auch bei Säugetieren wird der Unterschied zwischen ausgewachsenen Individuen und Jungtieren, besonders bei Nesthockern, deutlich. Haarlos und mit geschlossenen Augen sehen die Welpen von Hunden, Katzen und Co. ihren Eltern kaum ähnlich. Auch unsere eigenen Babys kommen völlig unfertig und hilflos zur Welt – ein evolutionärer Kompromiss zwischen aufrechtem Gang (schmales Becken) und grossem Gehirn. Im Gegensatz dazu können sich Affenbabys bereits kurz nach der Geburt an ihren Müttern festklammern und so mit der Horde mithalten.
Doch auch hier gibt es frappante Unterschiede im Aussehen zwischen Jungtieren und Erwachsenen. Das extremste Beispiel findet sich bei den Haubenlanguren (Trachypithecus), einer in Südostasien heimischen Affengattung mit 22 Arten. Während die adulten Tiere schlicht grau oder braun gefärbt sind, haben die Neugeborenen meist ein goldgelbes Fell. Man geht davon aus, dass sie so aufgrund der auffälligen Färbung für die Horde in der dunklen Umgebung des tropischen Regenwaldes besser erkennbar sind und die Affengruppe sie besser im Auge behalten kann. Es fördert nicht nur das mütterliche Verhalten, sondern auch die gemeinschaftliche Aufzucht durch andere Weibchen, wenn die Mutter auf Nahrungssuche ist. Das führt so weit, dass verwaiste Jungtiere gar von anderen Weibchen adoptiert werden. Nach etwa sechs bis sieben Monaten verblasst die goldene Farbe der Jungaffen und ihr Fell wandelt sich zum dunklen Grau der Erwachsenen.
Ob durch radikalen Körperumbau, besondere Flauschigkeit oder auffallende Farben: Die oft erstaunliche Fremdheit vieler Jungtiere ist kein Entwicklungsfehler, sondern ein bewährtes Konzept der Evolution – angepasst an die jeweiligen ökologischen und sozialenBedingungen einer Art.
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