Ziervogellexikon
Grüntaube: Wunder im Ituri-Wald im Kongo
Grüntauben oder Rotnasen-Grüntauben werden sehr selten gehalten. In ihrem Verbreitungsgebiet im tropischen Afrika kommen sie aber zahlreich vor. Normalerweise verhalten sie sich auch dort heimlich. Grüne Tauben in der Kronenschicht des Regenwaldes zu erspähen ist schier unmöglich. Doch es gibt einen geheimnisvollen Ort mitten im Wald, wo sie plötzlich wie in einem Märchen auftauchen.
Steckbrief
Wissenschaftliche Bezeichnung: Treron calvus
Unterarten: Nach Auflistung des Europäischen Fruchttaubenprojekts: 15 anerkannte Unterarten: T. c. nudirostris, T. c. sharpei, T. c. calvus, T. c. poensis, T. c. virescens, T. c. uellensis, T. c. gibberifrons, T. c. brevicera, T. c. wakefieldii, T. c. granti, T. c. salvadorii, T. c. ansorgei, T. c. schalowi, T. c. vylderi und T. c. delalandii
Herkunft: Tropisches Afrika südlich der Sahara
Grösse: 30 cm, manche Unterarten kleiner
Wildfarbe: grüne Oberseite, grünlich-graue Unterseiten, weinrote Schulterpartien, weisslicher Schnabel mit roter Basis und deutlich sichtbarer Wachshaut
Mutationen: keine
Geschlechtsunterschiede: sehr gering, Weibchen ist manchmal blasser gefärbt
Ringgrösse: 7,5 bis 8 mm (gemäss dem Europäischen Fruchttaubenprojekt)
Lebenserwartung: ca. 10 Jahre
Platzansprüche: Voliere von ca. 2 x 2 m
Ausstattung: viele Äste, robuste Pflanzen, Badestelle
Stimme: Tonfolge, die als gackern und gurren bezeichnet werden kann
Haltung: paarweise, in Grossvolieren ausserhalb der Zucht im Schwarm
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Herkunft und Geschichte
Ein Morgen mitten im tropischen Tieflandregenwald des Kongobeckens. Ein Morgen, wo sich der Himmel verdunkelt. Ein Morgen wie im Märchen.
Die Nacht gehört den Insekten. Sie sirren und summen. Zwischen den Baumkronen funkeln Sterne. Im Lager der Bambuti-Pygmäen huschen dunkle, kleine Gestalten davon. Die Bewohner des Ituri-Walds im Kongo machen sich auf zum geheimnisvollen Mewa-Edo. Als Wegbeleuchtung dienen ihnen glühende Äste, die sie aus dem noch vom Abend glimmenden Feuer gezogen haben. Zurück lassen sie ihre Laubhütten.
Nach knapp einer Stunde auf sich durch dichte Vegetation schlängelnden Pfaden geht es bergab, der Boden wird sumpfig, nach Dung riechende, warme Luft schlägt ins Gesicht. Plötzlich zeigt sich der Sternenhimmel ganz, da Baumkronen fehlen. Unzählige Sterne glitzern am Firmament. Die Bambuti spähen aus einem Busch heraus auf die im Dunkeln liegende Lichtung. Nichts tut sich. Kein Schnauben oder Trotten. Der richtige Moment also, um ins Blätterversteck zu huschen, das sie auf der Lichtung errichtet haben. Kaum drinnen, wird es im Osten über den Baumkronen heller. Ein neuer Morgen bricht an. Es geht nicht lange, und erste Pfiffe hallen durch den Wald. Es sind Graupapageien, die da angeflogen kommen, und auf der Lichtung landen. Ihre roten Schwänze leuchten jetzt in der aufgehenden Morgensonne. Alles geht sehr schnell. Nach einer halben Stunde ist der Trupp von vielleicht etwa 50 Vögeln auf und davon. Sie haben mit ihren Schnäbeln mineralhaltige Erde aufgenommen und teilweise an den Wurzeln von Wasserpflanzen geknabbert.
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Die Sonne scheint, die Hitze nimmt zu, nichts tut sich mehr. Über die Lichtung fliesst klares Wasser in einem flachen Lauf, Steine ragen auf, ansonsten ist das Gras kurz oder es kommen Erdstellen zum Vorschein. Vermutlich wächst so wenig aufgrund der besonderen Bodenzusammensetzung. Das Ausharren im Blätterversteck lohnt sich. An diesem abgeschiedenen Ort geschehen sonderbare Dinge, die der Welt sonst verborgen bleiben.
Plötzlich ein Klatschen und Rauschen, als breche ein Wasserfall über die Lichtung. Was ist hier los? Schon flattert es vor dem Versteck: Hunderte von Grüntauben! Jetzt sind es schon tausende, denn der Himmel wird dunkel, so viele sind es. Überall wimmelt es plötzlich von Grüntauben! Dass sie so überhaupt noch fliegen können ist verwunderlich. Taube an Taube schiesst durch den Himmel, immer mehr fliegen im Kreis – bis eine den Anfang macht und landet. Hunderte tun es ihr anschliessend gleich. Kein Stück Boden ist mehr zu sehen. Dicht an dicht trippeln die Grüntauben auf der Erde. Sie flattern, fliegen, picken und trinken gierig Wasser. Ein Wunder mitten im Regenwald der Demokratischen Republik Kongo.
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Wo leben sie denn sonst, die Grüntauben? In der Literatur steht, dass sie nur zum Trinken auf den Boden fliegen und sich sonst in den Baumkronen aufhalten. Warum kommen sie zu Hunderten an diesem bestimmten Vormittag auf die Lichtung? Die Natur bietet viele Rätsel und Mysterien, die nicht immer geklärt werden können. Der Taubenregen endet nach etwa einer Stunde. Dann liegt wieder alles still da, als wäre nichts geschehen. Von den Grüntauben fehlt jede Spur. Keine ist mehr im Wald zu sehen, keine fliegt mehr am Himmel. Ein Erlebnis, das Pygmäen sehr wohl und seit jeher kennen, das aber sonst verborgen bleibt.
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Im Ituri-Wald dominiert die Baumgattung Gilbertiodendron. Zwischen den Stämmen und Dickichten schlüpfen Okapis hindurch, die kaum je in der Natur beobachtet wurden. Nur ihre Losung findet man regelmässig im Wald. Auf den Lichtungen halten sich immer auch Waldelefanten, vielleicht Rotbüffel, Pinselohr- und Riesenwaldschweine sowie Sitatungas auf. Auch für andere Tiere sind die Lichtungen ein Anziehungspunkt. Die Lichtungen werden im Kongo Edo genannt, ansonsten wird in Zentralafrika von Bai gesprochen.
Grüntauben können sonst im Regenwald nicht gut beobachtet werden. Obwohl sie so gross wie Stadttauben sind, verbergen sie sich im Blattwerk der Kronenschicht. Über ihre Verhaltensweisen ist wenig bekannt. Auch eine Jahrzahl, wann die Art erstmals nach Europa eingeführt wurde, ist nicht in der Literatur vorhanden. Grüntauben werden seit jeher nur selten in Privathand gehalten. Vermutlich fing der Schweizer Charles Cordier auf seiner Kongoexpedition Grüntauben und brachte sie in den New Yorker Bronx Zoo, denn dort wurden sie 1949 in Beiträgen erwähnt und gehalten. Die Sierra-Leone-Grüntaube (Treron calvus sharpei) wird im Zoo von Leipzig, Deutschland, und von Dvur Kralove, Tschechien, gehalten. Im Europäischen Fruchttaubenprojekt werden sicher vier Unterarten gepflegt.
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Eignung als Heimtier
Die attraktive Art wird nur von wenigen gehalten, in der Schweiz vermutlich gar nicht. Sie eignet sich für Spezialisten, die sich Fruchttauben widmen. Einmal eingewöhnt, ist die Grüntaube ein ausgezeichneter, interessanter Pflegling.
Erwerb
Es ist nur möglich, die Art im europäischen Ausland bei Züchtern zu finden und dort zu erwerben. Für die Einfuhr sind Bewilligungen notwendig.
Ernährung und Pflege
Grüntauben können in Volieren mit Bepflanzung gehalten werden. So eignen sich Ficus-Arten hervorragend. Auch Schefflera, Monstera und andere Arten mit robusten Blättern eignen sich hervorragend zur Gestaltung einer Innenvoliere für Grüntauben. Im Winter benötigen sie eine Mindesttemperatur von 15 °C, doch in der warmen Jahreszeit kann ihnen auch Zugang zu einer Aussenvoliere gewährt werden.
In der Natur spielen Feigen eine wichtige Rolle in der Ernährung der Fruchttauben. Die Samenkerne der wilden Feigen werden im Muskelmagen zerrieben und im langen Darm mitverdaut. Dies unterscheidet die Grüntauben von den Eigentlichen Fruchttauben, welche die Samen unverdaut wieder ausscheiden und meist einen an ihre frugivore Ernährung angepassten, sehr kurzen Darm haben. Vermutlich stellen die Grüntauben ein Bindeglied von den Tauben, die sich von Körnern ernähren und alle einen Muskelmagen haben, zu den Eigentlichen Fruchttauben dar. Nebst Feigen ernähren sich die Grüntauben von verschiedenen anderen Früchten und Beeren. Unter menschlicher Obhut sollte auch ein kommerzielles Futter für frugivore Tauben oder Vögel gereicht werden. Weiter gehören Mineralien und Kalzium zum Angebot für Grüntauben in menschlicher Obhut.
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Zucht
Grüntauben legen ein bis zwei Eier. Es scheint, dass solche aus dem südlichen Afrika eher nur ein Ei legen. Sie brüten 13 bis 14 Tage, die Jungen verlassen das Nest nach etwa zwölf bis 13 Tagen. Die Art wurde bisher unter Menschenobhut nur sehr spärlich gezüchtet, so dass nicht viele Angaben vorhanden sind.
Lustig
Manfred Kästner, stellvertretender Leiter des Europäischen Fruchttaubenprojekts ist begeistert von Fruchttauben. Er sagte auf einer Tagung: «Sie sind bunt wie Papageien, nicht so laut und beschädigen keine Pflanzen.» In der Tat verhalten sich Grüntauben sehr ähnlich wie Papageien, denn sie klettern viel im Geäst umher und hängen sich auch kopfüber an Zweige. Fruchttauben führen in der Vogelhaltung ein stiefmütterliches Dasein, sind aber reizvolle und farbige Pfleglinge, die mit ihrem Schnabel nicht kneifen können.
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Namensgebung
Die Artbezeichnung calvus wurde 1808 von Conraad Jacob Temminck (1778–1858) begründet. Temminck war niederländischer Zoologe, der von 1820 bis zu seinem Tod Direktor des Reichsmuseums für Naturgeschichte in Leiden, Niederlande, war. Er war auf Tauben spezialisiert. Die Gattung Treron für Grüntauben wurde 1816 durch den französischen Ornithologen Louis Pierre Vieillot begründet.
Besonderheit
Fruchttauben sind eine besondere Disziplin in der Vogelhaltung. Nicht viele halten Fruchttauben, doch es gibt ein Europäisches Fruchttaubenprojekt, das Halterinnen und Halter vernetzt. Das Projekt wird von Bernd Marcordes geleitet. Er ist Kurator des Kölner Zoos. Oft finden Treffen der Züchter, die beim Projekt mitmachen, im Zoo Köln statt.
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