Dürfen wir Tiere in Gefangenschaft halten? Dürfen wir sie zu unseren Zwecken nutzen? Und wenn ja, wie sieht eine artgerechte Tierhaltung aus? Die Diskussion darüber, wo Tierschutz anfängt und wo er aufhört, wird immer kontroverser geführt. Da gibt es jene, die am liebsten keine Vorschriften hätten und finden, «ich mache mit meinem Tier, was ich will». Andere wiederum möchten den Tieren in unserer Obhut dieselben Grundrechte geben, die wir Menschen haben. Und wieder andere würden die Tierwelt am liebsten gleich ganz von unserem Einfluss befreien. In der Konsequenz würde das aber bedeuten, dass der Mensch aufhören müsste zu existieren. Denn schon bei einem simplen Waldspaziergang töten wir Unmengen von Kleinstlebewesen, die wir zertreten oder einatmen.

Tierschutz und Tierethik haben ein hehres Ziel: das Wohlergehen von Tieren zu garantieren und ihre Würde zu wahren. Dabei geht aber gerne vergessen, dass es sich hierbei um kulturelle Errungenschaften handelt. Der Mensch drückt also sein Wertesystem dem Tier auf, was dazu führen kann, dass er die wahren Bedürfnisse seiner Mitgeschöpfe verkennt.

Bernd Schildger, Präsident des Kompetenzzentrums Wildtierhaltung (KWH) und Direktor des Tierparks Bern, spricht in diesem Zusammenhang von einer «so grossen Entfremdung des Menschen vom Tier wie noch nie». Dies zeigt sich, wie er anlässlich eines Medienanlasses des KWH Ende August im Zoo Zürich darlegt, auf verschiedenen Ebenen. «Wir missbrauchen Tiere tagtäglich, indem wir sie vermenschlichen oder gar zum Accessoire machen.» Man denke nur an den Hund, der vegan ernährt wird, die Perserkatze, die keinen Auslauf mehr erhält, weil ihr schönes Fell sonst dreckig werden könnte, oder den Leguan, der auf dem Sofa liegen muss statt in einem adäquat ausgestatteten Terrarium. 

Einen weiteren Grund für die Entfremdung sieht Schildger in der Nahrungsmittel­industrie. So wie Fleisch heutzutage im Supermarkt präsentiert werde, verschwinde das Tier (und der Schlachthof) dahinter komplett. «Die Kinder von heute glauben, dass Chicken Nuggets am Baum wachsen.»

Einschläfern ist besser als Einzelhaft
Diese Entwicklung – vor allem die Vermenschlichung und die zum Teil falsch verstandene Tierliebe – beeinflusst unweigerlich auch die Einstellung, die Menschen gegenüber Wildtieren und deren Haltern haben. Schildger nennt ein Beispiel aus dem Zoo: «Paviane leben in Gruppen. Dabei kann es schon mal rabiat zugehen und ein Tier in einem Kampf um die Rangordnung ‹verbissen› werden.» Würde man nun den verletzten Pavian aus Mitleid aus der Gruppe entfernen, ihn gesund pflegen und erst nach längerer Genesung wieder zur Gruppe lassen, würde diese ihn als Eindringling sehen und sofort töten. Daher sei es besser, ihn nur notdürftig zu versorgen und sogleich wieder ins Gehege zu lassen. «Diese Vorgehensweise ist nicht tierquälerisch, sondern entspricht voll und ganz der Natur dieser Tiere.» 

Schildger geht sogar so weit zu sagen, es sei besser, einen Pavian einzuschläfern, wenn er nicht mehr in die Gruppe reintegriert werden könne. Ein Leben in «Einzelhaft» wäre für das Tier das viel grössere Übel, weil es dessen biologischen Bedürfnissen komplett entgegenläuft.

Es seien denn auch die biologischen Bedürfnisse des Tieres, die bei der Haltung im Zentrum stehen müssen, nicht die des Menschen. Entsprechend orientiert sich das KWH, das seit seiner Gründung 2008 private und institutionelle Wildtierhalter berät und Gutachten für Kantonstierärzte erstellt, jeweils an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sogar das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen will künftig auf das Fachwissen der KWH- Experten zurückgreifen. 

«Tierschutzgesetz und -verordnung können nicht alles regeln», sagt Schildger. «Es ist schlicht unmöglich, Haltungsnormen für 65 000 Wirbeltierarten zu erstellen.» Also brauche es in vielen Fällen eine individuelle Abklärung und Beurteilung, wo und wie Wildtiere gehalten werden können. Auch weil der Gesetzgeber in jenen Fällen, die geregelt seien, jeweils nur Mindestanforderungen an die Haltung vorschreibe. «Wer sich auf diese Mindestanforderungen beschränkt», sagt Schildger, «hält seine Tiere zwar legal, aber nicht artgerecht und oftmals hart an der Grenze zur Tierquälerei.» Wer seine Tiere hingegen vorbildlich halte und ihnen deutlich mehr biete, als das Gesetz vorschreibe, könne paradoxerweise trotzdem als Tierquäler gelten. «Nämlich dann, wenn zum Beispiel das Gehege eines Tieres drei Zentimeter kleiner ist, als vom Gesetzgeber vorgeschrieben», sagt Schildger. «Selbst wenn die Anlage als Gesamtes hervorragend gemacht ist.»

Jedes Tier hat einen Beruf
Wie ein vorbildliches Habitat aussehen kann, erklärt Alex Rübel, Direktor des Zoos Zürich und Vorstandsmitglied des KWH, am Beispiel der Gemeinschaftsanlage von Brillen- und Nasenbären im Zürcher Zoo. Diese sei einem Bergnebelwald nachempfunden und so konzipiert, dass die darin lebenden Tiere sich so verhalten können, wie sie das in freier Wildbahn tun würden. «Ich sage immer: Jedes Tier hat einen Beruf, tut etwas, geht einer Beschäftigung nach», erklärt Rübel. Dieser «Beruf» umfasse drei Bereiche: das Sozialverhalten, die Futterbeschaffung und «schauen, dass man nicht gefressen wird». 

Letzteres sei auch mit ein Grund, warum es in Zoos Wohngemeinschaften wie diese gebe. Indem die Nasenbären instinktiv Abstand halten zu den Brillenbären und ihnen aus dem Weg gehen, leben sie damit ihren Selbsterhaltungstrieb aus. Damit dies möglich ist, reicht es nicht, ein genügend grosses Gehege zu haben (es misst 2700 Quadratmeter), es muss auch entsprechend strukturiert sein, heisst: über genügend Ausweich-, Flucht-, Rückzugs- und Versteckmöglichkeiten wie Höhlen und Büsche verfügen. Diese dienen im Übrigen auch einzelnen Tieren innerhalb einer Gruppe oder Familie. Etwa zum Aufziehen von Jungen oder in Konfliktsituationen.

«Da Brillenbären sehr aktiv sind und oft nach Futter suchen, haben wir 120 verschiedene Futterstellen eingerichtet, die aber nicht immer alle bestückt sind», sagt Rübel. Der Bär muss also, wie in der Natur, auf Futtersuche gehen und findet manchmal etwas und manchmal eben nicht. Nebst lebenden Bäumen sind auch Totbäume in der Anlage zu finden: als Klettermöglichkeit oder um die Krallen zu wetzen und unter der Rinde nach Insekten zu suchen. Auch Wühl- und Wälzareale, sonnige und schattige oder regengeschützte Bereiche sind vorhanden. «Zudem haben wir einen Wasserfall und vier Teiche in der Anlage», sagt Rübel, «weil die Bären gerne schwimmen oder Fische jagen gehen.» Dass sich sowohl die Brillen- als auch die Nasenbären Tag und Nacht frei bewegen können, sich also nach Belieben draussen oder drinnen aufhalten, ist ein letzter von vielen weiteren Punkten.

Mancher Privathalter besser als Zoo
Wer nun denkt, nur ein Zoo habe die finanziellen Ressourcen, die Spezialisten und den Raum, den es benötigt, um Wildtieren ein adäquates Leben bieten zu können, der irrt: «Es gibt genügend Beispiele von Privatleuten, die ihren Tieren, etwa Reptilien, bessere Haltungsbedingungen bieten als so mancher Zoo», sagt KWH-Präsident Schildger. Die Frage sei also nicht, ob jemand Wildtiere halte, sondern wie er das tue.

Ebenfalls klar ist, dass in Gefangenschaft lebende Tiere (bei vorbildlicher Haltung) auch Vorteile geniessen. Denn sie befinden sich in einem geschützten Habitat, müssen nie hungern, werden medizinisch versorgt und «leben oft viel länger, als sie das in freier Wildbahn tun würden», wie Schildger sagt. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass ebendiese vom Menschen geschaffenen «Vorteile» der Idee einer naturnahen, artgerechten Haltung eigentlich zuwiderlaufen. Es ist jedem selbst überlassen, ob er das gut oder schlecht findet. Aber wie eingangs erwähnt: Wollen wir jeglichen Einfluss des Menschen auf die Tierwelt unterbinden, müssen wir aufhören zu existieren.