In der Eisriesenwelt floss das Wasser einst bergauf

Forschung
Neue Forschungsergebnisse zur Eisriesenwelt im Tennengebirge bei Salzburg bringen erstaunliches zutage: Einst war der Druck in der gigantischen Höhle so gross, dass das Wasser einst 140 Meter bergauf floss.

Das Höhlensystem ist imposant. Über 42 Kilometer erstreckt sich die Eisriesenwelt im Salzburger Tennengebirge. Fürs Publikum ist nur ein kleiner Teil des verzweigten Höhlensystems zugänglich, nämlich derjenigen gleich hinter dem Einstieg. Die Gänge dieser gigantischen Karsthöhle sind durch Erosion entstanden. Kohlensäurehaltiges Wasser löste den Kalk einst auf und schuf diese unterirdischen Hohlräume.

Nun hat ein Forschungsteam des Naturhistorischen Museums Wien und der Universität Innsbruck die Herkunft und Fliessrichtung des Wassers zur Entstehungszeit der Eisriesenwelt untersucht. Ergebnisse zeigen, dass es vor Jahrmillionen unter mächtigem Druck stand. Er war so gross, dass das Wasser sogar auf einer Strecke von 140 Metern empor floss.

«Wasser fliesst bergab, möchte man meinen», wird Lukas Plan in einer Medienmitteilung vom Dienstag zitiert, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Karst- und Höhlen-Arbeitsgruppe am NHM Wien. «Forschungen haben nun jedoch ergeben, dass das für seine Eisformationen bekannte Höhlensystem bei der Entstehung völlig mit Wasser gefüllt war und dass es im ansteigenden, für Besucherinnen und Besucher geöffneten Teil, unter Druck empor floss.» Über die Herkunft und Fliessrichtung des Wassers im Höhlensystem der Eisriesenwelt wusste man bisher wenig. 

Rundgang durch die Eisriesenwelt

So wurde der Wasserfluss in der Höhle erforscht 

Um dies zu erforschen, wurden Raumprofile und Lösungsformen untersucht. Sie zeigen, dass die Eisriesenwelt zur Zeit ihrer Entstehung komplett mit Wasser gefüllt war. Bei der Entschlüsselung der Entstehungsbedingungen kommt den sogenannten Fliessfacetten besondere Bedeutung zu. Diese asymmetrischen muschelförmigen Vertiefungen in der Höhlenwand bildeten sich durch Wasserwirbel und geben heute Auskunft über die ehemalige Fliessrichtung und –geschwindigkeit.

Eine Kartierung der Fliessfacetten habe laut der Medienmitteilung gezeigt, dass vor Millionen von Jahren bei Hochwässern zirka 100.000 Liter Wasser pro Sekunde in Richtung Nordosten durch das Tennengebirge flossen – vom heutigen Höhleneingang im eisführenden Schauhöhlenabschnitt 140 Meter hinauf. 

Dieser war der ansteigende Teil eines mindestens so tiefen Siphons, einer mit Wasser gefüllten U-förmigen Strecke. Das umgebende Kalkgestein vor dem heutigen Eingang ist im Laufe der Jahrmillionen der Erosion zum Opfer gefallen und nicht mehr vorhanden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit stammte das Wasser aus den südlich des Tennengebirges gelegenen Zentralalpen, deren Gesteinsbruchstücke in Form von Sand und Kies in der Höhle häufig zu finden sind. Die Eisriesenwelt ist somit das erste Höhlensystem in den Nördlichen Kalkalpen, für das eine ehemalige Speisung durch Flüsse aus den Zentralalpen gut belegbar ist. 

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