Panzer bringen neues Leben

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Panzer pflügen durch die Thuner Allmend und schaffen dadurch Gewässer für die Amphibien.
David Külling
Umwelt
Waffen- und Schiessplätze der Armee: Das klingt nach Höllenlärm und einem Meer aus Patronenhülsen. Doch Militäranlagen bergen auch eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten.

Begeisterte Vogelfreunde sorgten im September 2009 für grosse Aufregung auf dem Schiessplatz Bière. Dort schickte sich gerade eine Abteilung Panzerhaubitzen zur ersten Schussabgabe an, als über Funk der Befehl «Feuer einstellen!» kam. Die Ornithologen waren auf ihrer Pirsch unerlaubt in das Waffenplatzgelände eingedrungen – den Warntafeln und rot-weissen Schiessfahnen zum Trotz. Der Grund für ihr Verhalten waren zwei Blauracken – eine exotische Sensation in der Schweiz. Die «Birdspotter», fahrlässigerweise auch noch in Tarnkleidung unterwegs, hatten per SMS-Alarm vom Auftauchen der prächtigen Vögel in Bière erfahren und waren sogar aus fernen Landesteilen herbeigeeilt. Dieses Ereignis wollten sie sich nicht entgehen lassen.

Mit neun Quadratkilometern zählt Bière zu den grössten Waffenplätzen der Schweiz. Und er gilt als artenreiches Biotop. Das Areal beherbergt die Hälfte aller Brutvogel- und Amphibienarten und einen Viertel aller Pflanzenarten der Schweiz. Aktiv wird nur etwa die Hälfte des Terrains für militärische Zwecke betreten, befahren oder beschossen. Der Rest gilt als Sicherheitsgebiet. Grosse Teile sind magere Brachfläche, wo Vögel reichlich Futter finden. Über 130 Vogelarten wurden hier gezählt. Selbst die Detonationen der Geschosse scheinen sie nicht abzuschrecken.

Ohne ständige Pflege würde die Artenvielfalt innerhalb weniger Jahre schrumpfen. Die Areale würden rasch verbuschen, stehende Gewässer verlanden, wertvolle Trockenweiden und Pionierstandorte überwuchern. Damit dies nicht geschieht, werden militärische Areale oft zur Pachtwirtschaft an Bauern abgegeben.

Pflege mit Entminungspanzern
Für die Pflege der verbuschten Zielhänge greift man in Bière aber auch auf ferngesteuerte Entminungsfahrzeuge zurück, die das Zielgelände abschnittsweise «durchklopfen». Diese Massnahmen haben Wirkung gezeigt: Innerhalb von drei Jahren hat sich die Pflanzenzahl verdoppelt. «Nach solchen Eingriffen verzeichnen wir jedes Mal eine explosionsartige Vermehrung von seltenen Pionierarten», sagt David Külling, Leiter Kompetenzzentren Natur- und Denkmalschutz von armasuisse Immobilien des Militärdepartements VBS. «Insofern sind Waffenplätze mit ihrer ökologischen Leistung auch eine Überlebenshilfe für Arten, was den strategischen Zielen des Bundes zum Schutz der Artenvielfalt entspricht.» Als Biologe ist Külling zuständig für die Umsetzung des NLA-Programms (Natur, Landschaft, Armee) des VBS. Mit diesem vor 16 Jahren gestarteten Projekt prüft das VBS, welche schützenswerten Lebensräume, Arten und Landschaftsmerkmale auf seinen Militärarealen vorkommen. Das NLA ist letztlich ein Ergebnis der Rothenthurm-Initiative zum Schutz der Moore im Jahr 1987. «Rothenthurm war für die Armee wie ein Fanal», sagt Külling. Die Armee habe nach der Abstimmung begonnen, ihre Verantwortung in Sachen Naturschutz «sehr ernst zu nehmen».

Dem VBS als grösstem Landbesitzer der Schweiz fällt eine spezielle Verantwortung und Vorbildfunktion zu. Die Waffen-, Schiess- und Flugplätze im Besitz des VBS ergeben zusammen circa 250 Quadratkilometer oder in etwa die Fläche des Kantons Zug. Viele der Plätze befinden sich im voralpinen Gelände. Rund die Hälfte der Militärareale liegen in schützenswerten Landschaften; Militärareale bergen also bedeutende Naturwerte. Daher arbeitet das VBS auch mit dem Bundesamt für Umwelt zusammen, wenn es um Fragen wie Naturgefahren, Altlasten- oder Lärmsanierungen geht. Viele Waffen- und Schiess-plätze weisen nämlich nicht nur eine hohe Artenvielfalt auf, sondern auch Schwermetallbelastungen, die für Gewässer oder Weidetiere ein Problem darstellen können.

Goldammer und Neuntöter
Der Waffenplatz Cholloch oberhalb Ricken SG ist ein typischer Schiessplatz in den Voralpen. Das Areal weist eine vielfältige Topografie auf und erstreckt sich von 800 bis 1300 Meter über Meer hinauf.

Auf dem Cholloch werden Landwirtschaftsflächen von 27 Pächtern bewirtschaftet. Sie arbeiten nach klaren Auflagen des Platzkommandos, was Grasschnitt und Düngung betrifft oder wann das Riedgras in den Flachmooren gemäht oder Waldsäume und Hecken zurückgeschnitten werden können. Diese Massnahmen haben in den vergangenen Jahren Wirkung gezeigt. So konnten in einer monotonen Haselhecke, die vor fünf Jahren abschnittsweise durch arten- und strukturreiche Gehölze aufgelockert wurde, 2011 erstmals wieder ein Goldammer- und ein Neuntöterpaar beobachtet werden. Im Sommer 2012 startete das VBS ein Biodiversitätsmonitoring auf 34 grösseren Militärarealen. Es beschränkt sich allerdings auf die Erfassung von Brutvögeln und Gefässpflanzen. Letztere werden zweijährlich auf zehn Grünlandflächen pro Waffenplatz erfasst. Dabei hat ein Umweltberatungsbüro im Cholloch insgesamt 122 Gefässpflanzen gezählt. Bei den Brutvögeln waren es 44 Arten.

Zum Schutz der Natur-Preziosen muss die Truppe sensibilisiert werden. «Die Zusammenarbeit mit der Truppe ist unerlässlich», sagt David Külling. WK-Einheiten oder Rekrutenschulen werden jeweils vom Schiessplatzchef instruiert, wo sich die naturschützerischen Sperrzonen befinden. Diese Flächen sind im Schiessplatzdossier schraffiert und draussen mit blauen Pfählen markiert. Die Übersichtskarte vom Cholloch gleicht einem Mosaikteppich mit grün schraffierten Flächen – mit artenreichen Magerwiesen, Trockenweiden, speziellen Waldstandorten und Feuchtgebieten. Nicht heimische Arten werden entfernt.

Der mit der jährlichen NLA-Umsetzungskontrolle beauftragte Ökologe Urs Weber erzählt von Goldfischen, die er in einem Weiher im Cholloch entdeckt hat, offenbar illegal ausgesetzt. «Wir mussten sie abfischen, da die Exoten sonst den Amphibienlaich fressen.» An einem Standort hat er ein Goldrutennest ausgemacht; sie müssen vom Pächter ausgerissen werden.

Die Militärareale befinden sich im Spannungsfeld zwischen dem Auftrag der Armee, dem Naturschutz und ziviler Nutzung. Durch den militärischen Übungsbetrieb werden manchmal Biotope zerstört, aber auch neue Landschaftselemente geschaffen oder gefördert. Beispiel Thun: Wo tonnenschwere Panzer zwischen Kieshügeln den Boden verdichten, können Flachgewässer entstehen – ideale Lebensräume für Amphibien. Sie gedeihen besonders gut, wenn ihr Biotop immer wieder durchgepflügt wird – eine unerwartete Artendynamik also. Denn wenn die Feuchtbiotope zuwachsen, gelangt zu wenig Licht und Wärme auf den Boden und nehmen die Fressfeinde der Amphibien überhand.

Der Unterhalt eines Teils der Waffenplätze ist im Zuge der Armeereform XXI von 2004 infrage gestellt. «Mittelfristig könnte das ein Problem geben», sagt David Külling. Würden die Areale in die Naturschutzhoheit der Kantone übergehen, könnten zulasten der Natur widersprüchliche Nutzungsansprüche verschiedenster Bevölkerungsgruppen aus dem Boden schiessen «wie Pilze».

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