Fremdschämen im Tigerzoo

«Tiger King»
Keine Fernsehserie ist zurzeit so hoch im Kurs wie «Tiger King», eine siebenteilige Dokumentation über einen Tigersammler und seine Freunde und Feinde. Wir haben reingeschaut und fanden sie zugleich schrecklich und faszinierend.

Es ist kaum verwunderlich, dass gerade jetzt, inmitten der Corona-Wirren, eine neue Serie alle Netflix-Rekorde bricht. Dass es aber gerade die hier ist, lässt aufhorchen: Das halbe Internet redet zurzeit vom «Tiger King», dem König der Tiger. Da kann die «Tierwelt» kaum anders als selber reinzuschauen – und sich verwundert die Augen zu reiben. Denn was da über den Bildschirm flimmert, lässt jeden Schwiegermuttertausch und jedes Dschungelcamp wie Bildungsfernsehen erscheinen. Was hier zu sehen ist, ist zum Fremdschämen, zum Auslachen, zum Kopfschütteln – und doch: fantastische Unterhaltung!

In «Tiger King» dreht sich alles um einen schrillen Vogel namens Joe Schreibvogel, genannt: Joe Exotic. Der trägt Schnauzbart und Vokuhila und hat, was eigentlich nur in Amerika möglich ist: zwei Ehemänner aufs Mal, eine gehörige Waffensammlung und rund 250 Tiger in seinem Privatzoo in Oklahoma. Er züchtet sie, handelt mit ihnen und lässt Besucher mit den Tigerbabies knuddeln und für Selfies posieren. Eine exotische Vermarktungsmaschinerie, die notwendig ist, um die tausenden von Dollars reinzuholen, die jeden Tag für Raubkatzenfutter anfallen.

Joe Exotic hat die grösste Tigersammlung in den Vereinigten Staaten, doch er ist bei weitem nicht der Einzige, der Gefallen an exotischen Grosskatzen gefunden hat: Insgesamt, rechnet uns der Dokumentarfilmer Eric Goode vor, der hinter «Tiger King» steht, leben allein in den USA mehr Tiger in Zoos und privaten Sammlungen als weltweit in freier Wildbahn. Zwischen 5000 und 10’000 seien es, während die Weltnaturschutzunion IUCN den Tigerbestand in ganz Südostasien auf rund 3000 Tiere schätzt.

Sieben dreiviertelstündige Folgen lang lädt uns Joe Exotic ein in seine que(e)re Welt und in seinen wirren Gedankenpalast. Er ist aber bei weitem nicht der einzige Querkopf, der in «Tiger King» zu Wort kommt. Da sind seine Ehemänner, angezogen von Raubkatzencharme und gratis Crystal Meth. Da ist sein Konkurrent Doc Antle, ein anderer Raubkatzensammler, der in seinem Privatzoo eine regelrechte Sekte führt – inklusive einem Harem von rund einer Handvoll gefügiger Frauen. Und da ist vor allem die grosse Gegenspielerin: Carole Baskin.

Die Tierschützerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Joe Exotic aus dem Verkehr zu ziehen und seinem Raubtierzoo einen Riegel zu schieben. Das leuchtet dem Zuschauer sofort ein. Nur zu gerne möchte man für Baskin Partei ergreifen und ihr Erfolg wünschen, schliesslich ist keinem Tiger der Welt (und auch keinem Menschen) zu wünschen, bei Joe Exotic aufzuwachsen. Nur hat eben auch Carole Baskin ziemlich viel Dreck am Stecken. Sie bereichert sich offenbar genauso an ihren «geretteten» Grosskatzen wie Joe an seinen gezüchteten. Und die Tiere in ihrer Auffangstation scheinen noch weniger Platz zu haben als diejenigen im Privatzoo des selbst ernannten Tigerkönigs.

Und dann wäre da noch Don, ihr Ehemann, der eines heiteren Tages spurlos verschwunden ist. Hat Carole Baskin ihn etwa an ihre Tiger verfüttert? Dies vermutet jedenfalls Joe Exotic, der seinen Hass gegenüber der Tierschützerin offen heraustrompetet und sich nicht scheut, ihr vor laufenden Kameras den Tod zu wünschen. So erstaunt es auch nicht, sitzt der schrille Tiersammler, der übrigens 2016 sogar als US-Präsident kandidierte, derzeit im Knast. Er habe einen Auftragsmörder auf Carole Baskin gehetzt, heisst es...

Carole Baskin mit einem ihrer Tiger

Die Dokuserie «Tiger King» schafft es, ihren Zuschauern während fast sechs Stunden Menschen vorzuführen, über die man nur den Kopf schütteln kann, von denen kaum ein einziger alle Tassen im Schrank hat oder auch nur sympathisch ist. Die Serie schafft es aber auch – wenn auch erst mit Abstand und nach etwas Erholungszeit von all der Kopfschüttelei – ein ganz grundlegendes Problem aufzuzeigen. Nämlich dass es in den Vereinigten Staaten von Amerika jedem dahergelaufenen Querulanten erlaubt und möglich ist, in seinem Garten hunderte von exotischen Tieren zu sammeln, auszustellen und zur eigenen Bereicherung unter ärmlichen Bedingungen zu halten.

Ob in Amerika jemand privat Tiger halten darf, ist von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden. Um eine einheitliche Regelung zu schaffen, ist schon seit Jahren ein Gesetzesentwurf in der Schwebe. Der «Big Cat Public Safety Act», der solche privaten Grosskatzen-Haltungen verbieten würde, wurde vom US-Kongress 2017 sogar schon angenommen, aber – aus welchem Grund auch immer – nie in Kraft gesetzt. Nun scheint aber neuer Wind in die Sache zu kommen: «Tiger King» hat eine neue Debatte um diesen Gesetzesartikel entfacht; gut möglich, dass er schliesslich irgendwann doch noch umgesetzt wird. Dann hätte sich das ganze Fremdschämen – zumindest für die Tiger – doch noch gelohnt.

«Tiger King» / «Grosskatzen und ihre Raubtiere», jetzt auf Netflix.

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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