Bärchenstunde in Chengdu

China
Chengdu im Zentrum Chinas ist aus mehreren Gründen eine Reise wert. Liebhaber alter Ingenieurskunst kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie Panda-Fans. Nirgendwo sonst sehen sie so viele der putzigen Bären wie in der «Panda Base».

Chengdu, sagen sie in China, sehe die Sonne an nur 25 bis 30 Tagen im Jahr. Gegen den Nebelblues in der Hauptstadt der Provinz Sichuan hilft einerseits ihre berühmte, schmackhafte und scharfe Chili-Pfeffer-Küche. Und der dichten Glocke aus Dunst und Smog entflieht andererseits, wer unweit des Zentrums der Millionenmetropole die beiden Hauptattraktionen besucht: das über 2200 Jahre alte Bewässerungssystem von Dujiangyan und die «Chengdu Research Base of Giant Panda Breeding». Denn hier im waldreichen Sichuan mitten im Reich der Mitte ist der «da xiong mao» respektive die «Grosse Bären-Katze», wie der Riesenpanda auf Mandarin heisst, heimisch.

Weil die Pandas vor allem am frühen Morgen aktiv sind, geht es nach der Ankunft in Chengdu zuerst 60 Kilometer gen Nordwesten, wo an diesem Frühlingsnachmittag tatsächlich die Sonne scheint. Das Bewässerungssystem bei der Ortschaft Dujiangyan gehört seit dem Jahr 2000 zu den Unesco-Weltkulturerbestätten und ist das älteste bis heute betriebene Stauwehrsystem Chinas. Seit seiner Fertigstellung 251 vor Christus zähmt das dreiteilige System den einst für seine Überschwemmungen berüchtigten Min-Fluss.

Ein flacher Deich, nach seiner Form Fischmaul genannt, trennt den Min in einen inneren Lauf für die Bewässerung und einen äus­seren Kanal für den Hochwasserschutz. Eine 240 Meter breite Öffnung im Deich, das Flugsandwehr, dient als Überlaufrinne und leitet in der Regenzeit Wasser vom inneren in den äusseren Flusslauf ab. Durch den Flaschenhals schliesslich fliesst der innere Strom und versorgt gut 600’000 Hektar Ackerland in der Ebene von Chengdu mit Wasser.

Bei den Halbstarken geht die Post ab
Das ausgeklügelte System begeistert nicht nur Ingenieure. Mit unverhohlenem Stolz auf die uralte Errungenschaft kommentieren die Chinesen sämtliche Info-Tafeln – und dokumentieren alles mit ihren Fotoapparaten und Handykameras. Selbstverständlich stets mit einem Menschen im Bild, denn einfach nur Landschaft, Tempel und Wasser abzulichten, erscheint Chinesen sinnlos.

Auch am nächsten Tag knipsen sie drauflos, als ob es kein Morgen gäbe. Dafür gilt es, früh aufzustehen, sehr früh. Um 7.30 Uhr öffnet die «Panda Base» ihre Pforten. Und es lohnt sich, bereits um diese Zeit durch das postfuturistisch anmutende Panda-Eingangstor zu gehen und den Weg unter wogendem Bambus zu den Tieren zu nehmen. Erstens weil der Andrang dann noch nicht so gross ist. Zweitens, weil Fressenszeit und auf der 67 Hektaren grossen Anlage gewaltig was los ist.

Vor allem im «Giant Panda Kindergarten» geht die Post ab, wenn die halbjährigen Halbstarken sich aufeinanderstürzen, miteinander rangeln und sich ineinander verbeissen. Kaum lassen sie voneinander ab, klettert einer schnell und flink auf einen Baum hoch. Der Bruder – vielleicht ist es eine Schwester – haut mit der Tatze immer wieder auf den Stamm, als ob er – oder sie – sagen wollte, «hey, wir sind noch nicht fertig!». Dann ein Plumps – und wieder unten ist das Bärchen.

Nebenan plantschen zwei in einer Pfütze, drücken sich gegenseitig die Köpfe in das trübe Wasser. Beliebt ist auch das Klettergerüst. Rauf und runter geht es hier. Die Frau Mama, die energischen Schrittes herangerückt ist, hat alle Pfoten voll zu tun, um ihre Racker zu bändigen. Mit Gekicher und der ganzen
Palette an Jöh-Ausdrucken verleihen die Chinesen ihrem Verzücken Ausdruck. Gleichzeitig fahren sie im Kollektiv ihre Selfie-Sticks aus und nehmen jede Panda-Aktion für die Familie zu Hause auf. Doch auch die Westlerin und der Westler können sich kaum satt sehen an den tapsigen Kleinen.

Panda-Pornos für die Sexmuffel
Noch nicht satt ist der erwachsene Panda-Mann, der sich wenige Meter weiter auf dem Rücken liegend einen Bambus-Halm nach dem andern schnappt und diese, Panda-untypisch, im Eiltempo reinfuttert und von uns deshalb «Stressfresser» getauft wird. Im Normalfall kauen die Bären ihre Leibspeise derart langsam, dass man beim Zuschauen fast in Trance fällt. Pro Tag vertilgen die bis 1,80 Meter grossen und bis zu 125 Kilogramm schweren Riesenpandas gemäss WWF 9 bis 18 Kilogramm Bambus.

Und so sind die dämmerungs- und nachtaktiven Tiere zig Stunden mit Fressen beschäftigt, sonst ruhen und schlafen sie. Wollen sie dies ungestört tun, können sich die Pandas in ihren grosszügigen Gehegen zurückziehen. Der Park von Chengdu ist zwar nicht die Wildnis. Doch wenn die Besucher auf Naturwegen und Holzstegen die weitläufige Anlage erkunden, fühlen sie sich inmitten der Bäume und Pflanzen wie in einem Wald in Sichuan und damit im natürlichen Panda-Lebensraum.

Dieser ist allerdings längst geschrumpft und besteht meist aus schmalen, von Ortschaften und Strassen voneinander getrennten Waldgürteln. Eine Wanderung und damit eine Fortpflanzung zwischen den einzelnen Tieren ist kaum möglich. Lange galt der Panda-Bestand als gefährdet. Seit der Zählung im Jahr 2004 wuchs er um 17 Prozent. Für 2015 gibt der WWF 1864 frei lebende Pandas und den Status «verletzlich» an.

Nachdem die Chinesen die Bambuswälder und den Lebensraum ihrer Pandas vernichtet haben, unternehmen sie nun allergrösste Anstrengungen, die heiklen Kostgänger bei Laune zu halten. Sei es, indem sie täglich tonnenweise frischen Bambus jener wenigen Sorten, die die Pandas mögen, aus den umliegenden Wäldern nach Chengdu karren.

Oder sei es, dass sie ihnen Panda-Pornos zeigen, um die Sexmuffel zur Paarung anzuregen. Während gut drei Tagen im Jahr, zwischen März und Mai, ist eine Panda-Dame paarungsbereit. Wer die Aufzuchtstation der Panda Base von Chengdu im Herbst besucht, sieht frisch Geborene. Gerade mal so gross wie Hamster sind sie dann und nackt. Ihr typisch schwarz-weisses Fell bekommen die Bärchen erst mit drei Wochen.

Panda-Mütter gebären bis zu drei Junge, ist in der Aufzuchtstation zu erfahren. Da sie aber nur eines annehmen, ist es Aufgabe der Pflegerinnen und Pfleger, die anderen mit der Flasche aufzuziehen. Stets begleitet von Jöh- und Ah-Rufen der Besucher. Und manch einer oder eine hegt in diesem Moment den Berufswunsch «Panda-Nanny».

Hinweis

Diese Reise fand vor der Corona-Pandemie statt. Da unklar ist, wie sich die Flugbranche nach der Krise erholt, verzichtet die «Tierwelt» auf Tipps zur Anreise.

Viele Hotels in Chengdu bieten Touren an. Öffnungszeiten, Anfahrt und Eintrittspreise der «Panda Base» finden Sie auf: http://m.panda.org.cn/en/

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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