Riskante Rohfütterung

Zwei Hunde fressen Rohfutter
Barf
Wer seinen Hund mit rohem Fleisch füttert, gefährdet seine Gesundheit. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Zürich zum Thema. Umso entscheidender ist es, Hygienemassnahmen zu berücksichtigen.

Hunde- und Katzenhalter, die ihre Tiere mit rohem Fleisch füttern, tun das in der Regel, weil sie diese Art der Fütterung für die artgerechteste halten. Indem sie ihren Vierbeinern nicht industriell hergestelltes Futter als Nahrung vorsetzen, sondern das, was deren Vorfahren in freier Wildbahn gefressen haben: rohes Fleisch sowie Innereien und Knochen von Beutetieren (siehe Box).

Die unter dem Akronym Barf (Biologisch artgerechte Rohfütterung) bekannte Methode wird jedoch immer mehr kritisch hinterfragt. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass die Rohfütterung mögliche Risiken birgt. Das gilt auch für Produkte, die in der Schweiz erhältlich sind. So hat eine Studie der Universität Zürich am Institut für Lebensmittelsicherheit und -hygiene der Vetsuisse-Fakultät 2019 ergeben, dass 29 von 51 untersuchten Proben von im Schweizer Handel erhältlichen Rohfuttermitteln von acht verschiedenen Anbietern mit multiresistenten Darmbakterien kontaminiert waren (lesen Sier hier mehr dazu). Für Roger Stephan, der die Studie leitete, war deshalb klar: «Barfen ist ein Risiko-Faktor.»

Gefährliche Bakterien
Nachdem es in der damaligen Studie vor allem um resistente Bakterien ging, die selber nicht direkt krank machen, gingen Stephan und sein Team in einer neuen Untersuchung der Frage nach, ob und wie stark das im Handel erhältliche Rohfutter auch mit krankmachenden Bakterien kontaminiert ist. Dabei fokussierten sie sich auf Shigatoxin-produzierende Escherichia coli, kurz: Stec. Diese Bakterien kommen im Magendarmtrakt vieler Wildtiere vor und können das Fleisch während des Schlachtens, Ausnehmens und Zerlegens kontaminieren.

 

Das Beutetier im Fressnapf

Mit der Methode der biologisch artgerechten Rohfütterung (Barf) probieren Hunde- und Katzenhalter, ihre Tiere so zu ernähren wie deren Vorfahren in der Wildnis. So reisst der Wolf ja bekanntlich Rehe, Hirsche, Hasen, Hühner, Rinder oder Schafe, die Wildkatze kleinere Tiere wie Mäuse, Vögel oder Kaninchen. Daraufhin werden die Beutetiere fast komplett verwertet: von den Knochen über das Fell bis hin zu den Innereien samt Inhalt. So bekommen Wölfe und Wildkatzen alle für sie wichtigen Nährstoffe. Diesem Menüplan ist das soge-nannte Barfen nachempfunden. In den Napf von Hund und Katze kommt also, was die Natur auch deren wilden Vorfahren hergibt: rohes Fleisch, Innereien, Knochen, Gemüse, Früchte und Kräuter.

So besteht ein Barf-Menü für den Hund aus 80 Prozent tierischen Erzeugnissen wie Fleisch, Knochen sowie Inneren wie Leber und Herz sowie 20 Prozent pflanzlichen Erzeugnissen wie Gemüse und Obst.

Bei der Katze als reinem Fleischfresser liegt der Anteil tierischer Erzeugnisse bei fast 100 Prozent, ebenfalls zusammengesetzt aus Muskelfleisch, Knochen, Innereien und Fett. Anders als Hunde können Katzen die überlebenswichtige Aminosäure Taurin nicht selber produzieren; ihr gilt daher ein grosses Augenmerk bei der Berechnung eines Barf-Menüs, allenfalls muss es in Form von Pulver dem Fleisch zugefügt werden.

Da die ideale Zusammensetzung je nach Tier, dessen Gewicht und Aktivitätsgrad variiert, sollte ein Barf-Plan von Ernährungsberatern individuell zusammengestellt werden.

Um herauszufinden, ob und in welchem Ausmass Stec auch in Barf-Produkten vorhanden sind, untersuchten die Wissenschaftler an der Universität Zürich 59 Proben von im Schweizer Handel erhältlichen Rohfuttermitteln von zehn Anbietern, darunter Fleisch von 14 Tierarten – vom Rind übers Huhn, Pferd, Rentier, Elch bis hin zum Barsch.

Kürzlich wurden nun die Ergebnisse der Untersuchung publiziert: Aus insgesamt 41 Prozent der Proben wurden Stec isoliert. «Darunter fanden wir auch solche Varianten, die hochpathogen sind, also zu schweren Krankheitsverläufen beim Menschen führen können», fügt Stephan an. Speziell an dieser Erregergruppe sei, dass die minimale Infektionsdosis, die es braucht, um zu erkranken, sehr tief liege. «Das heisst, dass eine sogenannte Schmierinfektion in der Regel bereits reicht, um erkranken zu können. Also etwa im Umgang mit dem Futter oder dem Geschirr.» Ausserdem scheiden Tiere, die mit kontaminiertem Rohfutter ernährt werden, die Erreger mit dem Kot aus. Womit eine weitere mögliche Infektionsquelle gegeben ist.

Gesundheit des Menschen in Gefahr
Und mit einer Stec-Infektion ist nicht zu spas­sen, wie Stephan betont. Sie kann beim Menschen zu schweren Magendarm-Erkrankungen sowie zu lebensbedrohlichem Nierenversagen führen. «Stec verursachen jährlich weltweit schätzungsweise 2,8 Millionen akute Erkrankungen und knapp 4000 Fälle von Nierenversagen», ist in der Studie zu lesen. Stephan verweist ausserdem auf zwei dokumentierte Ausbrüche von Stec, bei denen die Rohfütterung als Quelle vermutet wird: 2017 erkrankten daran fünf Personen in England, wovon eine Person an Nierenversagen starb. 2020 kam es zu fünf Krankheitsfällen in Kanada, wonach es gar zu einer gross angelegten Rückrufaktion des jeweiligen Barf-Produktes kam.

 

Hygiene im Umgang mit Rohfütterung

Das gilt es zu beachten (hier klicken)

Wer sein Haustier nach den Prinzipien von Barf füttert, sollte ein grosses Augenmerk auf die Hygiene bei der Zubereitung richten. Dazu gehören folgende Massnahmen:

  • Das rohe Fleisch muss durchgehend und ausreichend gekühlt werden.
  • Rohfutter sollte nicht zusammen mit Lebensmitteln für den Menschen aufbewahrt werden.
  • Die Rationen müssen rechtzeitig aus dem Gefrierschrank genommen werden, um schonend auftauen zu können.
  • Ist eine Verpackung aufgebläht, ist das ein Hinweis auf krankmachende Bakterien, das Fleisch sollte entsorgt werden.
  • Aufgetaute Rohfuttermittel sollten möglichst rasch verzehrt werden.
  • Vor und nach der Zubereitung des Rohfutters ist das Händewaschen unumgänglich.
  • Gegenstände, die in Kontakt mit dem Futter kamen, sind vor und nach dem Gebrauch mit Abwaschmittel und heissem Wasser zu waschen. Dazu gehören Futter- und Trinknäpfe, Messer sowie die Arbeitsfläche.
Forscher fanden in Proben von Rohfuttermitteln gesundheitsschädliche Bakterien.

Dass Barfen ein Risikofaktor sein kann, zeigten auch andere Studien. So hat ein Forscherteam der Universität Utrecht in den Niederlanden 35 Rohfutterproben von acht verschiedenen Anbietern untersucht. In mehr als der Hälfte, namentlich in 19 Produkten, fanden die Forscher Listerien (Listeria monocytogenes), die beim Menschen Infektionen verursachen können. Sieben Produkte enthielten Salmonellen, die meldepflichtige Durchfall­erkrankungen auslösen können. In zwei Produkten wurde zudem der Parasit Toxoplasma gondii nachgewiesen. Dieser Erreger wird nicht zuletzt von Schwangeren gefürchtet, weil er in seltenen Fällen beim ungeborenen Kind zu Augenentzündungen und Hirnschäden führen kann.

Hygienemassnahmen sind wichtig
Das hohe Auftreten von Stec-Bakterien in Rohfuttermitteln, schlussfolgern die Zürcher Forscher, stelle ein bedeutendes Gesundheitsrisiko für Personen dar, die in der Küche mit rohem Heimtierfutter hantieren, sowie für Personen mit engem Kontakt zu Tieren, die roh gefüttert werden. «Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man auf mögliche Risiken und vor allem auch auf die notwendige Hygiene im Umgang mit solchem Futter und auch mit gebarften Tieren hinweist», sagt Stephan.

Der Appell scheint in der Praxis bereits gelebt zu werden. So empfiehlt die Schweizerische Vereinigung für Kleintiermedizin (SVK) im Positionspapier zum Thema «Barf» von November 2020 konkrete Hygienemassnahmen im Umgang mit Barf-Produkten (siehe ausklappbare Box). Da die SVK eine Weiterbildung von Tierärzten in «Ernährung von Hunden und Katzen» anbietet, gelangt dieses Wissen am Ende auch an die Hunde- und Katzenhalterinnen und -halter, die sich in der Praxis beraten lassen. Doch auch Halter, die ihr Tier auf eigene Faust nach den Prinzipien von Barf ernähren, werden bei der Besorgung des Rohfutters von den meisten Onlineshops auf die nötige Hygiene hingewiesen.

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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