Bereit für eine lange Reise

Katze im Koffer
Katzen
Geht Mensch in die Ferien, bleibt die Katze am besten (gut betreut) im vertrauten Zuhause. Was aber, wenn ein längerfristiger Ausland-Aufenthalt oder gar ein Umzug für immer ansteht?

Katzen sind stark ortsgebundene Tiere. Aus diesem Grund tut man seinem Liebling in der Regel auch keinen Gefallen, wenn man ihn in die Ferien mitnimmt. Was aber, wenn eine längere Reise nicht vermieden werden kann, weil etwa ein vorübergehender oder dauerhafter Umzug in ein anderes Land ansteht? Die Katze zurückzulassen ist für viele Besitzerinnen und Besitzer schlicht keine Option. Gleichzeitig sind manche Katzen bereits von kurzen Autoreisen (etwa zum Tierarzt) hör- und sichtbar gestresst. «Katzen können es tatsächlich schwierig finden, Transport und Reisen sowie eine veränderte Umgebung zu akzeptieren», sagt Olivier Levionnois vom Tierspital Bern dazu. Gerade während des Transports könne der Stress sehr hoch werden und die Katze verändere ihr Verhalten erheblich. 

Die bei Weitem effektivste Lösung zur Linderung von Angstzuständen und Reisekrankheiten bei Katzen besteht gemäss Levionnois darin, eine vertraute und angenehme Umgebung zu schaffen, also dafür zu sorgen, dass sich die unfreiwillig Reisenden im Transportkäfig wirklich wohlfühlen. Dieser Schritt werde häufig zu wenig ernst genommen. So genüge es nicht, die Katze in ihrem Zuhause mit der Box vertraut zu machen. Vielmehr müssten der Käfig und die Bewegungen des Käfigs während des Transports zu einer «bequemen Banalität» für die Katze werden. «Dies erfordert ein langfristiges Training mit verschiedenen Situationen», sagt Levionnois. 

Wickel gegen Stress
Neben dieser gründlichen Gewöhnung trägt auch der Komfort zum Wohlbefinden der Katze bei. Dazu gehört, dass der Käfig von aussen gegen Lärm und Durchzug isoliert wird. Dass Innere sollte gemütlich und warm und dem Passagier insbesondere in Bezug auf Gerüche und Kontaktpheromone möglichst vertraut sein. Statt mit einer frisch gewaschenen Decke polstert man den Käfig besser mit einem Tuch, einer Decke oder einem Kleidungsstück aus, auf der oder dem das Büsi in seinem ehemaligen Zuhause bereits viele gemütliche Stunden verbracht hat. Eine regelmässige Interaktion mit einer Vertrauensperson trägt ebenfalls zur Entspannung bei – sofern diese auf der Reise mit dabei ist. Die regelmässige Anwendung von synthetischen beruhigenden Pheromonen (etwa als Spray oder Steckdosen-Verdampfer erhältlich) können gemäss Anästhesie-Experte Levionnois ebenfalls helfen. Natürliche Produkte zur Beruhigung und Verringerung von Angst wie Baldrian, Kamille, Zitronenmelisse oder der Nahrungsmittelzusatz Tryptophan haben zwar «keine getestete Wirksamkeit, scheinen aber bei bestimmten Katzen zu helfen». 

Frachtraum-Verbot für Stumpfnasige Büsi

Ob die Katze ihre Flugreise in der Kabine oder im Gepräckraum antritt, hängt etwa bei der Swiss vom Gewicht und der Grösse des betreffenden Tieres inklusive Transportbox ab. Unter acht Kilo ist ein Transport in der Kabine erlaubt. Achtung: In einigen Flugzeugtypen (Airbus 330, Airbus 340 und Boeing 777) ist es in der Businessclass nicht möglich, den Transport­behälter unter dem Vordersitz zu verstauen. Die Crew verstaut das Büsi in diesen Fälle bei Start und Landung in der Garderobe, in einem der oberen Gepäckfächer oder unter einem anderen Sitzplatz.
Ebenfalls wichtig zu wissen: Die Swiss transportiert seit Anfang dieses Jahres keine stumpfnasigen Hunde und Katzen mehr im Frachtraum. Gemäss Swiss-Mediensprecherin Sonja Ptassek hatten einige stumpfnasige Tiere während des Flugs Atemprobleme. Bei den Katzen gilt dieses Transportverbot für Britisch Kurzhaar, Exotic Kurzhaar, Himalayan, Perser und Schottische Faltohrkatze. Katzen dieser Rassen, die das Maximalgewicht von acht Kilo inklusive Box überschreiten, werden von der Swiss entsprechend nicht mehr trans­portiert. Im Jahr 2019 hat die Swiss in ihren Maschinen insgesamt 31 000 Tiere transportiert. Der Transport in der Kabine läuft gemäss Ptassek in der Regel reibungslos: «Es gibt nur äusserst selten Rückmeldungen von Kunden zu Tieren in der Kabine.» 

Gegen den Reisestress können auch sogenannte Thundershirts eingesetzt werden (lesen Sie hier mehr dazu). Die  Methode, bei der ein Shirt oder auch Bandagen einen leichten, aber kontinuierlichen Druck auf Brust, Bauch und Rücken ausüben, ist hierzulande vor allem durch die Anwendung bei Hunden bekannt. Der Druck verändert das Körpergefühl und die Körperwahrnehmung und damit überschiessende Reaktionen des Nervensystems auf Reize von aussen. Damit das Thundershirt oder die Wickelbandagen ihre entspannende Wirkung aber auch wirklich entfalten können, ist viel Übung notwendig. «Man muss es in kleinen Schritten und lange genug üben», sagt die in der Methode erfahrene Tiertherapeutin Lisa Leicht aus Münsingen BE dazu: «Schliesslich soll das Tier nicht noch mehr verängstigt werden, sondern das Ganze als angenehm und beruhigend empfinden.»

Manche Tiere leiden auch an Reisekrankheit, sagt Levionnois. Hintergrund seien nicht selten schlechte Transporterfahrungen. In solchen Fällen sollte der Käfig möglichst stabil gehalten und die Tiere nicht gefüttert werden. Ausserdem könnten im Vorfeld gemeinsam mit dem Tierarzt Medikamente gegen Reisekrankheit ausprobiert werden. 

«Überraschend unkompliziert»
Auf die Frage, ob die Tiere nicht einfach  narkotisiert und das Transport-Problem auf diese Weise einigermassen simpel gelöst werden könnte, winkt der Anästhesie-Experte ab: «Beruhigungsmittel, welche üblicherweise bei Untersuchungen und veterinärmedizinischen Eingriffen eingesetzt werden, sind zu stark, weisen ein zu hohes Risiko für Nebenwirkungen auf und erfordern eine ärztliche Überwachung.» 

Einige Produkte können gemäss Levionnois – als «letzter Ausweg» – in moderaten Dosen ausprobiert werden. Dabei müsse berücksichtigt werden, dass jede Katze anders reagiert und Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen werden können. In enger Absprache mit dem Tierarzt ausprobiert werden könnten etwa beruhigende Phentotiazine, Anti­histaminika, Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, bestimmte Opioide, Benzodiazepine und Anxiolytika. Dem Büsi Medikamente für Menschen zu verabreichen könne gefährlich werden, weil Katzen einen anderen Stoffwechsel hätten als Menschen: «Es dürfen nur Arzneimittel verwendet werden, die speziell für Katzen getestet wurden.»

«Tierwelt»-Redaktorin Heidi van Elderen und ihre Lieblinge haben bereits zwei sehr lange Reisen überstanden – einmal per Flugzeug und einmal mit dem Auto. Auf das Flugzeug war die Familie beim Umzug von Portugal nach Neuseeland im Jahr 2018 angewiesen. Damals hätten ihr verschiedene Tierärzte ausdrücklich davon abgeraten, ihren Hund Muffin für die lange Flugreise zu sedieren. Der Mischling musste aufgrund seiner Grösse im Frachtraum reisen (siehe Box) und nach der Ankunft in Neuseeland für zehn Tage in Quartantäne.

Die Flugreise sei problemlos verlaufen, erinnert sich van Elderen. Die Quarantäne hingegen habe Muffin «ziemlich doof» gefunden: «Sie wich mir anschliessend wochenlang nicht von der Seite.» Bei einem weiteren Umzug etliche Jahre zuvor von Schweden nach Portugal waren zwei Katzen mit von der Partie. Die beiden verbrachten die Reise  in einer grossen Hundebox mit Katzenklo und Decken hinten in einem VW-Bus. «Es war überraschend unkompliziert», sagt van Elderen. «Nach einer halben Stunde Rummaunzen haben sie einfach geschlafen. Und ab und an durften sie durch den Bus toben – aber wie entspannt die Reise verläuft, hängt sicher sehr stark von der jeweiligen Katze ab.»

Autor

Andrea Trueb

Andrea Trueb

Andrea Trueb hat die Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern absolviert und die letzten zwanzig Jahre auf verschiedenen Redaktionen gearbeitet. Ihr Privatleben teilt sie unter anderem mit Sittichen und Katzen.

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