Diebische Katzen

Katze stibitzt Fleisch vom Tisch
Verhalten
Viele Katzen stibitzen gerne mal etwas vom Tisch. Jene der «Tierwelt»-Autorin sind hierbei besonders dreist. Kann sich das ändern?

Ein Rascheln ertönt aus der Küche. Rasch überschlage ich im Geist, welche Katzen auf Pirsch oder bei mir im Wohnzimmer sind. «Baghira! Runter!» könnten sie mich nun rufen hören. Stille. Doch nach einem kurzen Moment geht das Rascheln weiter.

Katrin Held, Verhaltens- und Ernährungsberaterin für Katzen aus Rottenschwil AG, weiss warum. «Baghira ist klar, dass sie das nicht darf, hat aber auch gelernt, dass mehr als ein ‹Nein› nicht kommen wird.» Daher hält Held auch nichts vom Lautwerden. Besser wäre, ich würde in die Küche gehen und Baghira von dort verbannen. So hatte ich das früher immer gemacht. Doch leider sind sich meine drei Katzen trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere beim Thema Küchenplünderei erstaunlich ähnlich: Baghira stiehlt von den Tellern auf dem Esstisch und das, obwohl wir noch am Tisch sitzen. Alle drei Samtpfoten stolzieren auf der Küchenzeile herum, schlecken die auf dem Herd stehen gelassene Pfanne aus oder betteln bei Tisch. Zita öffnet manchmal nachts sogar mit der Pfote die Küchenschranktüre, um den Inhalt des Mülleimers (mithilfe der Hunde) in der Wohnküche zu verteilen. Was für Zustände! 

Katzen habe ich seit über dreissig Jahren. Mehr als zwei Jahrzehnte lang gab es keine Probleme. Zu dreisten Essensdieben wurden alle erst vor einigen Jahren. Mit zwei Jugendlichen und einer stark frequentierten, offenen Küche sowie familienbedingt weitaus weniger Zeit, sieht die Situation einfach anders aus.

Grosse Wohnküchen wie unsere sieht Held generell als Problem. «Da ist die Katzenerziehung teils wirklich mühsam, weil man die Küche nicht abschliessen kann.» In Haushalten wie meinem mit Kindern, Hunden und mehreren Katzen, beruhigt mich Held, seien solche Probleme überdies normal. «Die Katzen wissen, dass immer viel los ist und sie oftmals unbeobachtet sind. Das nutzen sie aus.» Zudem seien die Besitzverhältnisse eher verschwommen, was die Katzen offen für alles mache. So wie mich für Tipps, um der Plünderei ein Ende zu setzen.

Geduldiges Training gefragt
Im Internet kursieren hierzu viele Ideen: Zum Beispiel Blechdosen mit Steinchen zu füllen und strategisch wirksam zu platzieren. Beim nächtlichen Besteigen des felinen Küchenparadieses müssen meine Samtpfoten allerdings sowieso die Durchquerung eines Wechselgebirges aus Gläsern, Tassen, Schüsseln und Tellern meistern. Eine einzige Dose werden sie da wohl kaum umschmeissen! Dieses Schicksal ereilt höchstens die Topfdeckel. Der Lärm scheppernden Metalls hatte bislang keinen nachhaltig abschreckenden Effekt.

So dämpft auch Held meine Hoffnung auf rasche Besserung. «Schnell mal ausprobierte Tipps nützen langfristig nichts. Ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen, dann hilft nur noch geduldiges Training.» Denn: Gerade das Thema Nahrung sei für Katzen mit Überleben gleichzusetzen. Deshalb steht es ganz oben auf der Kontrollliste: Sind die Katzen wirklich satt? Ist ihr Futter artgerecht und stets pünktlich verabreicht?

Keine Frage! Meine zwei Hauptübeltäter bekommen sogar zweimal am Tag eine kulinarische Maus gebastelt. Doch Fett, so lerne ich von der Katzenexpertin, steht hoch im Kurs bei den Samtpfoten. «Zudem können bei Katzen, die auf der Strasse aufgewachsen sind, frühere Erfahrungen und natürlich epigenetische Faktoren ebenso eine Rolle spielen.» Es liegt ihnen also sozusagen im Blut. Vielleicht können meine drei Ex-Stras­sentiger einfach nicht anders? Verständnis keimt in mir auf. 

«Während man Essen kocht, sollte man der Katze nichts abgeben.»
Katrin Held
Verhaltens- und Ernährungsberaterin für Katzen

Ausserdem rät Held mir zum Beobachten der eigenen Bewegungsabläufe. «Während man Essen kocht, sollte man der Katze besser nichts abgeben. Nur ein einziges Mal ist für die Katze nämlich bereits ein Erfolgserlebnis und viele Tiere werden es dann erneut versuchen.» Wie soll ich das nur meinem Mann beibringen? In unserem Fall wäre zudem sicherlich eine Optimierung der Abwaschabläufe angebracht, damit abends kein Geschirr mehr herumsteht. Oftmals helfe aber nur Verriegeln. Für die Katze gut Riechendes sollte in geruchsfesten Behältern aufbewahrt und der Inhalt des Mülls stets im Auge behalten werden, so Held. «Häufig sind nämlich die Dinge im Abfall lecker, die gut riechen.» Den Schrank mit dem Müll­eimer verriegeln wir meist mit einem Hundehalsband, Geflügelknochen und Fleischreste kommen gleich in die Tonne. Jede Schlamperei unsererseits wird nachts von Zita bekanntlich bestraft.

Eine Chance auf Besserung gibt es dennoch in unserem Haushalt. Wie häufig im Leben ist auch hier der Weg zum Ziel lang und steinig. «Wenn zum Leidwesen ihrer Halter Katzen gerne an der Aktion in der Küche teilnehmen, ist es am besten ihnen eine Alternative anzubieten und diese per Clickertraining beizubringen», erklärt Held. Wenn also Baghira in der Hoffnung etwas vom Essen zu bekommen am Esstisch auftaucht, wäre der perfekte Zeitpunkt, ihr per Clicker-Training das Warten auf einem der Stühle beizubringen.

Langeweile kann Grund sein
«Erlerntes Verhalten braucht aber sehr viel Zeit, bis es in andere Bahnen gelenkt ist», erklärt Held. «Alle Lösungsversuche scheitern oft aber an der Konsequenz des Halters.» So leider auch in unserem Haushalt. «Die Katze kommt an den Esstisch und miaut. Der Halter reagiert umgehend, wenn auch nur mit: ‹Nein, jetzt gibt es nichts.› Diese Aufmerksamkeit reicht aus, um die Katze in ihrem Tun zu bestätigen.» Natürlich reagiert bei uns immer jemand. Bevor ich also mit dem Clickern loslegen könnte, müsste ich zuerst die anderen drei Familienmitglieder und mich «erziehen». 

Dennoch gibt es auch für unseren Haushalt Hoffnung. Nach Ansicht Helds ist nämlich Langeweile oftmals der Grund für solch diebisches Verhalten. Sollten meine Katzen trotz beliebig langem Freigang unterfordert sein? Mir wird bewusst, dass das Küchenproblem ein ausschliesslich winterliches ist. Für Tüftler wie Zita empfiehlt mir Held ein Fummelbrett als alternative Beschäftigung zu bauen. Im Sommer sind meine Katzen täglich mit Jagen beschäftigt und werden höchstens an Grillabenden zu diebischen Elstern. «Jagen ist gleichzeitig ein Erfolgserlebnis, das im Winter zum grossen Teil wegfällt», erinnert mich Held daran, dass dann sogar die neben der Mikrowelle entdeckte rohe Nudel zum Tageshighlight werden kann. Wie kann ich denn jetzt noch die Küche blitzblank putzen?

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