Katzen leiden still

Katze liegt da und hat Schmerzen
Schmerzen
Katzen sind hart im Nehmen, Schmerzen sind bei ihnen schwer zu erkennen. Werden Anzeichen richtig gedeutet, kann der Katze viel Leid erspart bleiben.

Als Einzelgängern fehlt es Katzen an einer sozialen Rudelstruktur, die sie bei körperlichen Problemen auffangen könnte. Mit gravierenden Folgen: «Da Katzen auf sich selbst gestellt sind, kommen sie in den Nahrungskreislauf und werden zur Beute», erklärt Katrin Held aus Rotten­schwil AG den Grund, weshalb Katzen Schmerzen möglichst lange verbergen. Die Verhaltens- und Ernährungsberaterin für Katzen kennt die Problematik nicht nur aus der Praxis. Vor Kurzem stellte sie durch Zufall eine Wunde an der Pfote ihrer Katze Samba fest. Zugezogen hatte Samba sich die Verletzung am Vortag beim Freigang, zuhause verbarg sie es jedoch gut. Erst am nächsten Morgen fiel sie durch Humpeln auf. Für Held ein Alarmzeichen. «Merkt man einer Katze ihre Schmerzen an, bedeutet dies, dass der Schmerzpegel bereits sehr hoch ist.»

So wie Samba leiden die meisten Katzen im Stillen. Zu oft werden Schmerzen von Katzenhaltern spät bemerkt oder gar verkannt. Dabei unterscheiden sich die Gründe der Schmerzentstehung und die Mechanismen des Schmerzes nicht von denen des Menschen, erklärt Veterinärmedizinerin Sabine Schroll. «Es kommt zu einer Reizung von Rezeptoren und bestimmten Nervenfasern. Diese leiten das Signal über das Rückenmark bis ans Gehirn, wo die Schmerzempfindung ankommt.» Unzählige chemische Substanzen würden daraufhin von den beschädigten Geweben ausgeschüttet, die eine Entzündung und im besten Fall Reparaturmechanismen aktivierten. 

«Viele Katzen ziehen sich bei Schmerzen zurück, sie liegen mit dem Rücken zum Menschen, starren an die Wand oder werden ängstlich.»
Katrin Helf
Verhaltens- und Ernährungsberaterin für Katzen

Empfindliche Pfoten
In ihrer Praxis im österreichischen Krems behandelt Schroll ausschliesslich Katzen. Sie weiss, wie gross hingegen der Unterschied beim Ausdruck von Schmerzen ist. «Der subtile Ausdruck der Katze führt oft zur Unterstellung, etwas würde für die Katze nicht so schmerzhaft sein.» Doch auch eine Katze bräuchte nach einer Kastration eine Schmerztherapie. Neben Operationen bereiten auch akute Verletzungen wie Bisswunden, Abszesse und Knochenbrüche Katzen sehr wohl Schmerzen. Entzündungen der Blase, der Haut, der Zähne, des Zahnfleisches oder Probleme im Magendarm- oder Harntrakt tun der Katze ebenso heftig weh. Für am schmerzvollsten hält Schroll Verletzungen im Kopfbereich. Zähne, Augen, Ohren und Zunge seien äusserst schmerzempfindliche Stellen ebenso wie Krallen, Pfoten und der Schwanz. Von zahlreichen Haltern schlichtweg verkannt werden laut Schroll Bauchschmerzen und chronische Schmerzen. Bei Osteoarthrosen ist der Leidensweg von Katzen daher oft besonders lang. «Diese sind am häufigsten durch degenerative Veränderungen im Bewegungsapparat verursacht, was nicht nur alte Katzen betrifft.»

Klassiker unter den Leidensfaktoren sind allerdings Zahnprobleme und Zahnfleischentzündungen. An diese denkt Verhaltens­expertin Katrin Held bei mäkeligen Fressern stets zuerst. «Bei Zahnproblemen jonglieren Katzen das Futter von rechts nach links, sie fressen, lecken etwas ab und hören urplötzlich auf.» Es ähnele dem schmerzlichen Moment des Auftreffens von Salatsosse auf Aphten im menschlichen Mund. Der Gedanke, dass eine Katze, solange sie frisst, auch keine Probleme im Maul haben kann, sei schlichtweg falsch, sagt Held. «Nahrung ist eine der Grundlagen des Überlebens. Denken wir nur einmal an uns selbst: Wie gross müssen Schmerzen sein, damit wir aufhören zu essen?»

Stetiges Lecken als Indiz
Um Schmerzen frühzeitig zu erkennen, rät Held zum Beobachten der Katze  – vom ersten Tag an. «Nur wenn der Halter sein Tier im gesunden Zustand gut kennt, kann er später Veränderungen im Verhalten wahrnehmen.» Indikatoren für Schmerz gibt es nämlich etliche. «Viele Katzen ziehen sich bei Schmerzen zurück, sie liegen mit dem Rücken zum Menschen, starren an die Wand oder werden ängstlich.» Appetitverlust, reduzierte Aktivität, Schnurren, Markierverhalten und Unsauberkeit seien ebenfalls oft zu beobachten. «Berührt man die bequem liegende Katze mit Schmerzen, dann fängt sie mit dem Schwanz an zu peitschen oder schaut rasch nach hinten zur Stelle der Berührung, einem eventuellen Schmerzpunkt.»

Bei Kopfschmerzen wiederum kauere sich die Katze zusammen, bei Magen-Darm-Problemen sei wie in vielen Stress- und Schmerzsituationen häufig der sogenannte Fake Sleep mit minimal geöffneten Augen zu beobachten. Auch stetiges Lecken kann auf Schmerzen hinweisen, möglicherweise an anderer Stelle. «Insbesondere Lecken am Bauch und an den Flanken deutet nicht unbedingt auf Bauchschmerzen oder Gelenkprobleme hin, sondern kann sogar oftmals psychischer Natur sein.» Attackiere eine Katze unerwartet andere Haushaltsmitglieder, könne auch dies ein Anzeichen für ein körperliches Leiden sein.

Schmerztherapie wirkt Wunder
Neben der Vielfalt an Hinweisen erschwert ein anderer Faktor das Erkennen von Schmerz: Es gibt keine allgemeingültigen Anzeichen, sagt Held. «Jedes Tier geht anders mit Schmerzen um. So gibt es auch Katzen, die zeigen ihren Schmerz ganz klar oder suchen Kontakt zu ihrem Menschen.» Eine Generalisierung hält Held daher für problematisch. Sie rät zu einer simplen Herangehensweise. «Wir müssen davon ausgehen, dass etwas, das uns wehtut, auch der Katze wehtut. Verhält sich die Katze also anders als gewohnt, sollte dies den Halter stutzig machen.»

Meistens lohnt sich dann der Gang zum Tierarzt. Eine individuell auf die Katze zugeschnittene Schmerztherapie wirkt nämlich rasch Wunder. Laut Schroll erfolgt diese multimodal. «Ganz vorne stehen die klassischen Schmerz- und Entzündungshemmer, Opiate und weitere neurologisch wirksame Substanzen.» Grundsätzlich gilt: Je mehr Bausteine für die Schmerztherapie benützt werden, desto geringer kann das jeweilige Präparat dosiert werden. So werden Risiken und
Nebenwirkungen minimiert, der Effekt potenziert. «Zusätzlich helfen je nach Fall auch Kälte, Wärme, Physiotherapie, Akupunktur und Nahrungsergänzungen.» Greift die Therapie, bekommt der Halter zusehends seine «alte Katze» zurück, erklärt Held. «Die Katze frisst besser, ihre Verdauung läuft wieder, sie wird anhänglicher, schläft tiefer und entspannter, aber vor allem verändert sich ihr Blick.» Die Augen leuchten wieder.

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