Wenn sich das Büsi blutig kratzt

Katze Miusa mit Allergie frisst
Allergien
Laut Studien leidet rund ein Drittel aller Katzen mit Hautproblemen an einer Allergie. Doch auf dem Weg zur richtigen Therapie gibt es viele Fallstricke, wie die Geschichte von Miusa zeigt.

Der Therapiemarathon beginnt vor über einem Jahr. Im März 2020 hat Miusa plötzlich eine kahle Stelle am Hals. «Wir dachten erst, es sei eine Verletzung», sagt Dona Mascherin aus Schaffhausen. Als die fünfjährige Katze ein paar Tage später auch im Gesicht Fell verliert, geht die Familie mit ihr zum Tierarzt. Dort geht man direkt von einer Futterallergie aus. Für die Halter klingt das plausibel, da sie genau zu der Zeit mal das falsche Trockenfutter für Miusa gekauft hatten.

Miusa bekommt Kortisontropfen und auf Anraten des Tierarztes beginnt die Familie mit verschiedenen Futtersorten zu experimentieren. Durch den Wechsel von Huhn zu Rind oder Fisch will man herausfinden, worauf die Katze allergisch ist. Doch trotz intensiver Behandlung, verschlechtert sich Miusas Zustand weiter. Ein halbes Jahr später hat die Katze am ganzen Körper grosse kahle Stellen, die sie immer wieder blutig kratzt. 

Jetzt geht der Tierarzt von einem Pilzbefall aus und spritzt Miusa einen Monat lang wöchentlich ein Medikament. Der Zustand der Katze verbessert sich kurz, doch als die Behandlung abgeschlossen ist, geht es ihr rasant schlechter. Die Familie holt eine Zweitmeinung ein. In der zweiten Praxis schliesst man einen Pilzbefall aus und diagnostiziert stattdessen einen bakteriellen Infekt und ebenfalls eine Allergie. Die behandelnde Ärztin ist zuversichtlich und will das Problem mit einer Antibiotika-Creme und einem weiteren Allergiedämpfer «in wenigen Wochen» in den Griff kriegen. Später verschreibt sie Miusa noch ein gut verträgliches Spezialfutter, um eine Futtermittelallergie abzuklären.

Katze Miusa mit schwerer Allergie

Mit Body und Krallenschoner
Doch als sich Miusas Zustand nach zwei Monaten noch immer nicht verbessert hat, gibt sie auf und verweist die Familie an eine Spezialistin. Die Fahrt ins Marigin – Zentrum für Tiermedizin nach Feusisberg SZ – dauert eineinhalb Stunden. Als Sylvie Wilhem, Tierärztin und Spezialistin für Allergien, Miusa das erste Mal sieht, bekommt die Katze bereits seit rund zehn Monaten Kortison. Sie trägt einen Body und Krallenschoner. Beides soll verhindern, dass sie sich weiter aufkratzt. Miusa hat sich inzwischen nicht nur optisch stark verändert. Vor die Tür geht sie nur noch in Begleitung. Die meiste Zeit liegt sie lethargisch herum.

Sie ist nicht mehr stubenrein und sucht eine extreme Nähe zu ihren Menschen. «Am liebsten lag sie bei uns auf der Brust, wie ein Baby, das Bäuerchen macht», sagt Mascherin. Dabei krallte sie sich jeweils so fest, dass man sie kaum noch ablegen konnte. «Sie sprang uns auch auf die Schulter und hat sich uns wie ein Schal um den Hals gelegt. Das hatte sie zuvor nie gemacht.» Allergie-Spezialistin Wilhelm diagnostiziert bei Miusa eine schwere Allergie. Um den Therapieerfolg besser zu beurteilen, rät sie der Familie, der Katze den Body unter Beobachtung auch immer mal wieder auszuziehen.

So kann sich das Tier zwischendurch auch wieder normal verhalten und putzen. Zudem verschreibt sie Miusa ein neues Medikament und weist die Familie an, ihr das Spezialfutter weiterhin zu geben. Denn nur wenn die Futterumstellung konsequent und während mindestens sechs Wochen durchgeführt wird, lässt sich eine Futtermittelallergie abklären. Leider schmeckt Miusa das Futter überhaupt nicht. Sie verweigert es weitestgehend und zeigt ihrer Familie, dass sie Hunger hat. Mascherin: «Sie hat an unseren Beinen und Armen geleckt. Wenn wir mit ihr im Garten waren, hat sie versucht, Erde zu fressen oder Sachen aus dem Kompost zu fischen.»

Neben dem schlechten Gemütszustand und den wunden Stellen auf der Haut nimmt die Katze über die Wochen auch immer mehr ab. Die Familie ist verzweifelt. Es wird auch diskutiert, ob man der Katze mit den Therapien am Ende nicht mehr schade als helfe und ob man sie nicht besser erlösen sollte. «Meine Schwestern und ich wollten das natürlich nicht, aber bei unseren Eltern war das schon Thema», erklärt die 18-jährige Dona Mascherin.

Ein Leben lang Medikamente
Inzwischen hatten sie bereits rund 3000 Franken für die verschiedenen Behandlungen ihrer Katze ausgegeben. «Weil nie eine Besserung auftrat, waren wir mit der Geduld am Ende.» Sie sprechen ihre Sorge bei Wilhelm an. Die Tierärztin zeigt Verständnis, empfiehlt der Familie aber, noch einen weiteren Therapieversuch zu machen. Denn immerhin ist man mit der Abklärung einen Schritt weiter: Da sich Miusas Zustand trotz Spezialfutter nicht verbessert hat, kann eine Futtermittelallergie endlich ausgeschlossen werden.

Katze Miusa auf den Schultern ihrer Besitzerin

Allergiespezialistin Wilhelm geht bei Miusa jetzt von einer Umweltallergie aus und verschreibt ihr ein entsprechendes Medikament. Zwar ist noch unklar, worauf die Katze tatsächlich allergisch ist – das können Gräser, Bäume oder auch Milben sein. Doch zum ersten Mal, nach rund einem Jahr, scheint eine Therapie anzuschlagen. Miusa geht es besser. Sie ist agiler und auch ihr Fell wächst langsam nach. Um einen Rückfall zu vermeiden, sollte Miusa das Medikament allerdings ein Leben lang nehmen. Die Kosten dafür belaufen sich ungefähr auf einen Franken pro Tag. Mascherin: «Damit könnten wir leben. Hauptsache, ihr geht es besser und der Therapiemarathon hat ein Ende.»

Vorgehen bei Allergieverdacht
Eine so lange Aufarbeitungszeit wie in Miusas Fall ist keine Seltenheit. Denn Allergien können nicht einfach über Bluttests bestimmt werden. Bevor ein Tierarzt von einer Allergie ausgehen kann, muss er alle anderen in Frage kommenden Erkrankungen ausschliessen. Das können unter anderem Hautpilze, Parasiten oder Bakterien sein. Weiter muss er die Vorgeschichte kennen und die jeweiligen Symptome und Reaktionsmuster berücksichtigen. «Das kann gerade bei Katzen schwierig und aufwendig sein», sagt die Allergiespezialistin Wilhelm. Angefangen beim Juckreiz, auf den Katzen ganz unterschiedlich reagieren. «Kratzen, lecken, knabbern, sich das Fell rupfen – sind mögliche Formen.» Zusätzlich gibt es Katzen, die sich nur kratzen, wenn sie alleine sind. «Es ist also für die Besitzer nicht immer einfach, zu erkennen, dass überhaupt Juckreiz vorliegt.»

In diesen Fällen sieht der Besitzer nur die Hautveränderungen und wird die Frage nach Juckreiz beim Tierarzt verneinen. Auch die Symptome auf der Haut, sogenannte Reaktionsmuster, können bei der Katze ganz unterschiedlich ausfallen. Das können kahle oder spärlich behaarte Hautbereiche sein oder wie in Miusas Fall blutig gekratzte Stellen (meist im Kopf- und Halsbereich). Eine Allergie kann sich aber auch in Form von verkrusteten Pusteln oder verschiedenen Geschwüren zeigen, zum Beispiel ein verdicktes Kinn.

Erst wenn klar ist, dass die Katze tatsächlich eine Allergie hat, beginnt die Aufarbeitung, um welche Allergie es sich handelt. Zunächst wird abgeklärt, ob eine Flohbissallergie infrage kommt. Als Nächstes oder parallel dazu wird eine Futtermittelallergie abgeklärt. Können diese beiden Formen ausgeschlossen werden, handelt es sich um eine Umweltallergie. Es gibt drei Möglichkeiten der Therapie. Man versucht den Auslöser zu vermeiden, etwa bei einer Futterallergie, behandelt die Katze symptomatisch mit Medikamenten oder versucht, ihr Immunsystem an den Allergieauslöser, beispielsweise Pollen, zu gewöhnen. 

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