Wie wir Menschen haben auch Katzen ganz unterschiedliche Charaktere. Die einen sind eher Einzelgänger, andere lieben den sozialen Austausch. Maya Bräm empfiehlt deshalb, den eigenen Vierbeiner nach dem Verlust eines Gespanen genau und über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Eine Studie hat kürzlich nachgewiesen, dass Hunde beim Verlust eines Artgenossen trauern, es liegt nahe, dass Katzen genauso fühlen. «Manche Samtpfoten blühen richtig auf, wenn sie plötzlich allein im Haushalt sind, andere wiederum werden regelrecht depressiv», weiss die Verhaltensspezialistin. Mit der Anschaffung einer neuen Katze darf man sich ruhig etwas Zeit lassen. Und bei einer Einzelgängerkatze ist sogar davon abzuraten. Für sie würde die Zusammenführung mit einem neuen Kollegen Stress bedeuten.
Gleich und gleich gesellt sich gern
Sobald klar ist, dass man eben keine Einzelgängerin beherbergt, und eine zweite Katze einziehen darf, ist nochmals die Beobachtungsgabe gefragt. Gehört die Katze eher zum ruhigen Typ oder ist sie verspielt? «Es ist wichtig, dass die zwei Katzen charakterlich zusammenpassen. Ein kompatibles Verhalten ist von grösserer Bedeutung als das Geschlecht oder die Rasse», kann Bräm aus Erfahrung sagen. Auch auf ein ähnliches Alter sollte geachtet werden. Sicherlich nicht ratsam ist, einen übermütigen Jungspund zu einem gesetzten Kater ins Haus zu holen. Reibereien wären dann vorprogrammiert. Apropos Auseinandersetzungen: Zwei Kater zusammen in einer Wohnung zu halten, ist kaum möglich, zu gross wäre die Rivalität. Bei Kastraten beiderlei Geschlechts ist die Zusammenführung meist unproblematisch, sei es bei gemischt- oder gleich-geschlechtlichen Paaren.
Um Auseinandersetzungen möglichst zu vermeiden, gilt es, eine weitere wichtige Vorgehensweise zu beachten. Die beiden Katzen sollten erst räumlich getrennt sein und Schritt für Schritt aneinander gewöhnt werden. Am besten bereitet man für den Neuankömmling einen Raum vor, der in den ersten Tagen nur für ihn reserviert ist. Darin muss alles vorhanden sein, was die Katze benötigt, also ein Katzenklo, Wasser und Futter, eine Schlafgelegenheit, ein Kratzbaum und Spielzeug. Die alteingesessene Katze sollte ein paar Tage zuvor keinen Zugang mehr zu diesem Raum haben, damit sie das Ausgesperrt sein nicht mit dem Neuling in Verbindung bringt. Hier kommt ein wichtiger Grundsatz im Umgang mit Katzen zum Zug: Schlechte Erlebnisse sollten vermieden werden, denn diese können bei Katzen einen Teufelskreis auslösen.
Zur Person
Dr. Maya Bräm hat Veterinärmedizin studiert und sich auf den Bereich Verhaltensmedizin spezialisiert – sie ist die erste europäisch diplomierte Verhaltenstierärztin in der Schweiz. Frau Bräm hat eine eigene Praxis für Verhaltensmedizin und führt zudem Konsultationen am Tierspital Zürich durch. Neben der Behandlung von Katzen und Hunden arbeitet sie bei wissenschaftlichen Studien vor allem im Bereich Hochsensibilität bei Tieren mit.
In kleinen Dosen dürfen die Katzen nun aneinander herangeführt werden. Erst einmal kann man die Decken der Katzen austauschen, damit sie die Gerüche gegenseitig kennenlernen. Als nächsten Schritt gilt es, Sichtkontakt herzustellen, die Tiere sollten genügend Abstand voneinander haben. Für die ersten Treffen eignen sich Trenngitter, die in den Türrahmen geklemmt werden. So können sich die Katzen sehen und beschnuppern, ohne jedoch in das Revier der anderen einzudringen. Es ist hilfreich, die Gegenwart der neuen Katze mit positiven Erlebnissen zu verknüpfen, so kann auf beiden Seiten mit ihnen gespielt werden, sie können Leckerli erhalten oder Streicheleinheiten, je nach Individuum. Erst wenn beide Samtpfoten keinerlei Anzeichen mehr von Angst oder Stress zeigen und die Neugier überhand genommen hat, ist die Zeit für eine Zusammenführung reif. Nun sollte der Zweibeiner nicht mehr ins Geschehen eingreifen, selbst wenn es zu einem kleinen Gerangel kommt.
Halten sich ab jetzt beide Katzen gemeinsam in der Wohnung auf, ist es hilfreich, wenn die Ressourcen aufgeteilt werden. Will heissen, es stehen den Katzen verschiedene Schlafplätze, mehrere Katzenklos, getrennte Fressnäpfe und – ganz wichtig – genügend Raum zur Verfügung, um sich zurückzuziehen. Bei Rückzugsorten sollte darauf geachtet werden, dass zwei verschiedene Aus- respektive Eingänge zur Verfügung stehen, damit die eine Katze der anderen den Weg nicht versperren kann. Mehrere Ein- respektive Ausgänge bei Katzen, die nach draussen gehen dürfen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Samtpfoten aus dem Weg gehen können, wenn sie keinen Kontaktwünschen. So kann das Vorurteil, dass die Vergesellschaftung von zwei Freigängerkatzen nicht möglich ist, widerlegt werden.
Wenn es schwierig wird
Selbst bei gut geplantem und sorgfältigem Vorgehen, kann es bei der Zusammenführung zu Komplikationen kommen. Auch für diese Situation hat Maya Bräm Ratschläge parat. Natürliche Beruhigungsmittel oder Pheromone können für Entspannung sorgen. Produkte wie Baldriantropfen oder Zylkene erweisen gute Dienste. Allerdings sollten die Präparate nur im Ernstfall eingesetzt werden. Es ist wichtig zu wissen, wie und ob die Katze darauf reagiert. Die Verabreichung sollte auf keinen Fall zusätzlichen Stress generieren. Wichtig ist zu sagen, dass diese Mittel nur unterstützend wirken, das Problem aber nicht lösen.

Treten Verhaltensauffälligkeiten wie Urinmarkieren oder aggressives Verhalten auf, muss schnell reagiert werden. Eine vorübergehende Trennung ist unabdingbar. Verbessert sich die Situation kaum, sollte nicht gezögert und eine Fachperson beigezogen werden. «Auch ein körperliches Problem für das unerwünschte Verhalten sollte im Hinterkopf behalten werden», gibt die Tiermedizinerin zu bedenken.
Es kann vorkommen, dass sich zwei Katzen nicht verstehen und ein Zusammenleben unmöglich ist. Dann bleibt nichts anderes übrig, als sich von einer Fellnase zu trennen. Auf diese Situation sollte man vorbereitet sein und im Vorfeld abklären, wo die Katze platziert werden könnte – beispielsweise an ihrem Herkunftsort.
«Selber bekomme ich nur Problemfälle zu Gesicht. Aber bei sorgfältiger Vorbereitung und Durchführung gelingen die meisten Katzenzusammenführungen bestens», versichert Maya Bräm.

