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Frau Bittner, im Vorwort Ihres Buches sprechen Sie davon, wie Sie mit Greenpeace versuchen, die Natur und Umwelt zu verteidigen. Dies gegen profitorientierte, finanz- und einflussstarke Unternehmen. Wer greift da oft zu unlauteren Mitteln?

Die Akteure sind vielfältig. Neben Konzernen gibt es auch viele – sozusagen – Handlanger, die Greenwashing möglich machen. Man denke an Werbe- oder PR-Agenturen, aber auch in der Wissenschaft gibt es Greenwashing. Es kommt sogar vor, dass Fake Umweltorganisationen von der Wirtschaft gegründet und finanziert werden.

Bei den unlauteren Mitteln sprechen Sie von Greenwashing. Was steckt dahinter?

Wenn wir von Greenwashing reden, geht es nicht nur um fälschliches, grünes Marketing. Hinter Greenwashing steckt oft die Strategie von Unternehmen, sich einen Platz am politischen Entscheidungstisch zu sichern. Sie versuchen, Politik sowie Konsumenten und Konsumentinnen mit einer Art Beruhigungspille zu vermitteln: ‹Wir haben alles im Griff, wir handeln nachhaltig – strenge Umweltgesetze sind nicht nötig.› Das hat bereits in den 70er-Jahren angefangen. Lobbying und freiwillige Selbstverpflichtungen sollen Gesetze abschwächen oder verhindern, dass sie eingeführt werden. Die Strategien des Greenwashings sind vielfältig: vage Begriffe, täuschende Bilder auf Produkten und gesteckte Ziele, ohne dass klar ist, wie sie erreicht werden, geschweige denn wann. Ganz perfide ist, wenn Unternehmen sich als nachhaltig positionieren, aber hinterrücks politisch gegen Umweltgesetze arbeiten – das nennt man dann Deep Greenwashing.

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Was hat Sie bei Ihrer Recherche über Greenwashing am meisten überrascht?

Dass es so ein weitreichendes Konzept ist und bereits so weit zurückgeht. Zuvor verfolgten Konzerne die Strategie, zu leugnen: Klimakrise, Artenkrise – gibt es nicht. Der Mineralölkonzern Exxon wusste seit den 70ern, dass fossile Energieträger Probleme verursachen und dem Klima schaden. Er hat die Studie aber einfach in der Schublade verschwinden lassen. Die Strategie, zu leugnen, hat man sich von der Tabak- und Zuckerindustrie abgeschaut. Sie haben lange behauptet, Rauchen sei nicht gefährlich oder Zucker mache nicht dick. Die fossile Industrie musste später diese Strategie wechseln, denn sie hat nicht mehr funktioniert. Ein Meilenstein dabei war das Buch ‹Der stumme Frühling› von Rachel Carson 1963. Es zeigte, dass Chemikalien und Insektizide einen ‹stummen Frühling› herbeiführen könnten. Die Chemieindustrie versuchte damals, angeführt von Bruce Harrison, dem Paten des Greenwashings, die Autorin zu diffamieren, schlecht zu machen und als unwissenschaftlich darzustellen – dies hat aber nicht funktioniert. Das Insektizid DDT wurde verboten.

Der schwarze Peter wird nun immer mehr den Konsumenten und Konsumentinnen zugeschoben, nicht wahr?

Genau, das ist eine weitere Strategie von Unternehmen, die Verantwortung von ihnen wegzubekommen. So wurde beispielsweise der ökologische Fussabdruck ausgerechnet von BP in einer Millionenkampagne entwickelt. So sollten wir diejenigen sein, die einen grossen Fussabdruck haben und uns nachhaltig verhalten müssen. Fast-Fashion-Marken machen Ähnliches. Sie etablieren grüne, nachhaltige Linien, während das Kerngeschäft unverändert bleibt. Dann können sie behaupten: ‹Na ja, wenn ihr unsere grünen Textilien nicht kauft, dann können wir auch nichts machen.› Auch Gütezeichen werden oft kreiert, um Produkte als nachhaltig zu kennzeichnen, ohne dass sich viel verändert.

Viele Konsumenten wollen auch nachhaltig einkaufen. Können sie den grünen Versprechen überhaupt trauen?

Es gibt durchaus vertrauenswürdige Gütezeichen, wie das EU-Biozeichen, da dies auf der Grundlage des Gesetzes basiert. Verstösst ein Unternehmen dagegen, verstösst es eben gegen das Gesetz. Private Gütezeichen sind leichter manipulierbar und die Kontrollen dahinter oft unzureichend. Beim FSC war Greenpeace zunächst beteiligt, ist dann ausgestiegen, weil die Zertifizierung nicht zuverlässig war – manche FSC-Wälder waren in schlechterem Zustand als nichtzertifizierte und die Lieferketten werden nicht ausreichend kontrolliert. Ein anderes Beispiel ist das MSC-Siegel für Meeresfisch, wo Überfischung überhaupt kein Kriterium zum Erhalt des Zertifikats ist.

Was bräuchte es, um ökologische Verbesserungen in der Wirtschaft zu erwirken?

Regulierungen wie Entwaldungsverordnungen oder Lieferkettengesetze. Derzeit wehren sich viele Konzerne gegen diese und so knickt die Politik auch ein – Gesetze werden abgeschwächt oder verschoben. Das globale System und dessen Lieferketten sind jedoch aus unserer Kontrolle geraten. Und die Unternehmen nutzen Tricks und Gütezeichen, um zu zeigen, dass sie angeblich etwas tun und um sich gleichzeitig einen Wettbewerbsvorteil bei Konsumenten und Konsumentinnen sichern zu können.

Haben Sie Angst, dass die Konsumenten überdrüssig werden könnten?

Greenwashing kann in der Tat eine Ohnmachtstellung erzeugen. Wir werden mit Gütezeichen und irgendwelchen grünen Verpackungen und Versprechen überhäuft, dass man sich de facto nicht mehr auskennt. Belogen und betrogen zu werden, möchte man auch im Privatleben nicht. Man weiss dann auch nicht mehr, was richtig und was falsch ist – das lähmt einen. Unser Wunsch wäre natürlich, dass Gesetze stark genug sind, sodass man sich im Laden vor dem Regal nicht so viele Gedanken machen muss. Wer ökologisch handeln möchte, muss sich mit dem Thema beschäftigen, hier und da Billigprodukte eher meiden, nicht zu viel kaufen, Second Hand eine Chance geben oder auch mal reparieren statt wegwerfen.

Wie ist Greenwashing zu verhindern?

Das derzeitige System führt zu einer Verschwendung sowie Ausbeutung der Ressourcen auf einem praktisch unendlichen Massstab. Eigentlich müsste der Klima- und Artenschutz sowie auch die ökologische Verhaltensweise in den Vordergrund gerückt werden, denn wir sind ja von den natürlichen Ressourcen komplett abhängig. Kurzfristig könnte also durch strenge Umwelt- und Klimagesetze geholfen werden sowie Greenwashing konsequent zu sanktionieren. Für eine langfristige Systemänderung bräuchte es Anreize statt Benachteiligung für nachhaltiges Wirtschaften, Degrowth-Ansätze und eine umfangreiche Kreislaufwirtschaft. Ebenso sollten die entstandenen Kosten durch umwelt- und gesundheitsschädliche Produkte von den Herstellern getragen werden und nicht wie so oft von der Gemeinschaft. Greenwashing ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Riesenproblem, welches uns bei der Transformation aufhält.

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