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Planetare Grenzen beschreiben Maximalwerte für gewisse Umweltbeeinträchtigungen. Dazu gehören unter anderem die Versauerung der Ozeane und der Abbau des Ozons in der Stratosphäre. Planetare Grenzen beschreiben jene Kipppunkte, an denen die Folgen für die Lebewesen spürbar sind und das Leben auf unserer Erde mittel- bis längerfristig gefährdet ist. Diese Grenzen werden durch neun Kriterien definiert – die Faktoren hängen jedoch direkt oder auch indirekt zusammen und beeinflussen einander. Ursprünglich wurde das Konzept von einer Forschungsgruppe rund um Johan Rockström entwickelt und 2009 erstmals im Magazin Nature veröffentlicht. «Das Einhalten dieser Grenzwerte wird als unabdingbar erachtet, um ein nachhaltiges Leben auf unserem Planeten zu sichern», sagt Niklaus Zimmermann, Forscher im Bereich Makroökologie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Überzogen?

Doch was geschieht eigentlich, wenn wir diese Planetaren Grenzen erreichen? Der Forscher Zimmermann beantwortet dies sehr klar: «Das System Erde ist dann anfälliger auf Schocks. Sogenannte Kipppunkte werden leichter überschritten.» Dies könne zu unumkehrbaren Veränderungen führen, erklärt er. Es ist aber schwierig, die Erde als so stark vereinfachtes System zu betrachten und gleichzeitig grosse Sicherheit in der Prognose beim Überschreiten von Grenzen zu erlangen. Denn viele Details werden ausgelassen, meint der Wissenschaftler. Beispielsweise werde der Biodiversitätsverlust bloss anhand zweier abstrakter Faktoren gemessen; dies widerspiegle aber nicht die Komplexität des Problems.

Die Grenze des Biodiversitätsverlusts wird durch zwei Merkmale definiert: Erstens sollte der Artenverlust weniger als zehn Verluste pro zehn Millionen Arten und Jahr umfassen. Zweitens sollte der Anteil der globalen Nettoprimärproduktion, welche vom Menschen genutzt wird, unter zehn Prozent liegen. Die Nettoprimärproduktion (NPP) ist die Biomasse (Kohlenstoff) von Pflanzen, die für andere Lebewesen verfügbar ist, also gefressen werden kann. Um die NPP zu berechnen, wird der Biomasse der Pflanze noch der Atmungsverlust, also jener Kohlenstoff, der von ihr ausgeatmet wird, abgezogen.

Die direkt vom Menschen genutzte NPP sollte unter zehn Prozent liegen, momentan sind wir aber sogar bei 30 Prozent und der Artenverlust bei mehr als 100 pro Million Arten und Jahr. Dennoch, das System ist ein Fieberthermometer, welches aufzeigt, wo die grossen Defizite für eine nachhaltige Nutzung des Planeten Erde liegen. Die komplexe Problematik der biologischen Vielfalt unseres Planeten kann auch anders veranschaulicht werden: Nur noch circa fünf Prozent der gesamten Biomasse aller Säugetiere sind Wildtiere. Von den restlichen 95 Prozent sind zwei Fünftel Menschen und drei Fünftel Nutztiere. Diese menschverursachte Dominanz bedroht die natürliche Artenvielfalt sehr stark. Und dies ist gefährlich, denn: «Wenn Ökosysteme nicht mehr resilient sind, weil Arten verschwinden, hat dies auch Auswirkungen auf die Klimastabilität», sagt Zimmermann. Der Biodiversitätsverlust ist auch in der Schweiz ein Problem. Wie Zimmermann erklärt, sind nur circa 13 Prozent der Landesfläche geschützt und sogar nur 6 Prozent stehen laut Pro Natura unter umfassendem Schutz. Das Kunming–Montreal Agreement fordert aber 30 Prozent geschützte Landesfläche.

Die Schweiz hat dieses Abkommen 2022 mitunterzeichnet. In diesem Rahmen beauftragte das Bundesamt für Umwelt die Kantone zur Ausarbeitung des Projekts «Ökologische Infrastruktur». Dieses habe zum Ziel, das Abkommen zu erfüllen, sagt Niklaus Zimmermann. Er fügt an: «Leider fehlt eine klare nationale Strategie für die ökologische Infrastruktur, und es bleibt den Kantonen überlassen, wie ernst sie dieses Vorhaben umsetzen.»

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Höhere Preise wegen künstlicher Bestäubung

Der Mensch müsse rasch lernen, die Erde nachhaltig zu nutzen, erklärt Zimmermann. Wichtig sei, dass die Landnutzung nachhaltiger werde und die Belastung der Umwelt rasch sinke. Und wer denkt, dass solche Massnahmen die Gesellschaft teuer zu stehen kommen, vergisst, dass mehr als 50 Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts (BIP) von intakter Biodiversität und funktionierenden Ökosystemen abhängen. Und dazu brauche es laut Zimmermann unter Anderem sauberes Wasser und gesunde Böden. Planetare Grenzen spüren Mensch und Natur auch unmittelbar, sagt der Forscher Zimmermann. So beispielsweise die Auswirkungen extremer Trockenheit oder das Auftauen von Permafrost und das Wegschmelzen der Gletscher – lockerer Boden führt zu Steinschlägen und Murgängen. Bei einzelnen Agrarerzeugnissen sind auch schon Preiserhöhungen spürbar, die auf die Wechselwirkungen der Planetaren Grenzen zurückzuführen sind. Mandeln werden immer teurer, weil die natürliche Bestäubung nicht mehr funktioniert. 80 bis 90 Prozent der weltweiten Mandelproduktion stammen aus Kalifornien (USA). Dort werden Lastwagen mit Bienenvölkern von Feld zu Feld gefahren, um die Bäume zu bestäuben. Dieses Unterfangen ist so teuer, dass es den höchsten Anteil am Preis des Endprodukts ausmacht.

Schön längst keine Vorreiterin mehr

Auch für die Schweiz spielen die klimatischen Veränderungen eine wichtige Rolle. «Ich glaube, dass es für die Schweiz besonders herausfordernd wird, wenn die Gletscher wegschmelzen und die Sommer deutlich trockener werden», sagt Niklaus Zimmermann. Wenn die grossen Flüsse trockenfallen, hat die Schweiz ein Problem. So werden beispielsweise viele Stauseen zur Gewinnung von Wasserkraft genutzt – werden diese aber plötzlich zur Wasserregulierung gebraucht, fehlt der Strom. «Wir sind uns gewohnt, dass Wasser ständig fliesst. Für ein solch extremes Szenario sind wir nicht vorbereitet», sagt Zimmermann dazu.

«Die Schweiz war einmal eine Vorreiterin in Sachen Umweltschutz. Diese Position hat sie aber schonlängst verloren», antwortet der Forscher NiklausZimmermann auf die Frage, welche Rolle die Schweiz beim Einhalten der Planetaren Grenzen spiele. «Obwohl wir es uns leisten können, tun wir deutlich zu wenig», führt der Wissenschaftler weiter aus. Die Schweiz hinkt den meisten europäischen Ländern in puncto Biodiversitäts- und Klimaschutz hinterher. Dabei brauche es ein Umdenken, erläutert Zimmermann. «Es bräuchte schweizweit eine klare Haltung, dass jeder Beitrag zur Einhaltung der Planetaren Grenzen wichtig ist – egal, wie gross dieser ist», summiert er.

Die neun Kriterien der Planetaren Grenzen

  • Stratosphärischer Ozonabbau
  • Zunahme der atmosphärischen Aerosole
  • Ozeanversauerung
  • Veränderung des Süsswassers
  • Landsystemveränderung
  • Klimawandel
  • Veränderung der biogeochemischen Flüsse
  • Einführung neuartiger (oder sogenannten chemischen) Elemente in die Natur
  • Veränderung der Biosphärenintegrität

Nur bei den ersten beiden Kriterien sind laut Niklaus Zimmermann die Grenzwerte noch nicht überschritten.