Die UNO hat 2026 zum Internationalen Jahr der Landwirtinnen, aber auch zum Internationalen Jahr der Weiden und Hirten ernannt. Das freut den Schweizer Bauernverband, der schon länger bemängelt, dass Landwirte heutzutage gesellschaftlich kaum mehr Wertschätzung erfahren würden und immer mehr leisten sollen – bei gleichbleibend niedrigem Lohnniveau. Trotz eines guten Erntejahrs 2025 und dem Fokus der UNO auf die Landwirtschaft blickt der Schweizer Bauernverband jedoch besorgt auf das neue Jahr. «2026 steht für unsere Bauernbetriebe viel auf dem Spiel», sagt Präsident Markus Ritter. So würden die Schweizer Bauern unter enormem politischen und gesellschaftlichen Druck stehen.
Martin Rufer, Direktor des Schweizer Bauernverbands, sieht insbesondere die Ernährungsinitiative als Beispiel für die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität: «Ihre Hauptforderung ist ein Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Zur Erinnerung: Im schlechten Pflanzenbaujahr 2024 lagen wir bei einem Selbstversorgungsgrad von 42 Prozent.» Eine Steigerung der Selbstversorgung will die Initiative durch eine Umstellung von tierischer auf pflanzliche Kost erreichen. Landwirte sollen sich in Zukunft auf den Anbau von Getreide, Gemüse und Obst konzentrieren und die Viehhaltung reduzieren. Da würde schon allein der Konsument nicht mitmachen, bemerkt Martin Rufer:«99,3 Prozent der Bevölkerung ernähren sich nun einmal nicht vegan.» Zudem würde auf 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche nur Gras wachsen und diese sei daher auch nur für die Viehhaltung nutzbar. Die Zahl setzt sich zusammen aus den 0,5 Millionen Hektaren Sömmerungsflächen in den Alpen und im Jura sowie dem Teil der Ackerflächen, welche für Kunstwiesen genutzt werden. «Das hängt damit zusammen, dass wir in der Schweiz eine Fruchtfolge einhalten. Das heisst, von Jahr zu Jahr wird auf derselben Fläche eine andere Kultur angebaut, damit Pflanzenkrankheiten eingedämmt werden und der Boden fruchtbar gehalten wird», erklärt Rufer. Mindestens jedes vierte Jahr soll so eine Fläche als Wiese genutzt werden.
Der Markt bestimmt
Christoph und Daniel Etter führen als Brüder gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb im bernischen Meikirch und haben sich mit Betrieben aus der Umgebung zusammengeschlossen, um die Fruchtfolge bestmöglich einhalten zu können. «Unsere Familie bewirtschaftet den Hof bereits seit mindestens sechs Generationen», berichtet Daniel Etter stolz. 2025 sei für sie ein gutes Jahr gewesen, mit reichlichen Erträgen und gutem Absatz. «Wirtschaftlich geht es uns gut», so Etter. «Lediglich 15 Prozent unseres Einkommens stammen aus Direktzahlungen, den Rest erwirtschaften wir am Markt.» Doch auch die Brüder spüren den Druck von allen Seiten. Mit einer Mischung aus Milchkuhhaltung, Ackerbau und Forstwirtschaft setzen die Etters auf Vielfalt. Aktuell leben 29 Milchkühe, deren Kälber sowie zwölf Bienenvölker auf dem Hof. «Wir wollen produzieren, was der Kunde will, nicht was die Politik uns diktiert», betont einer der beiden mit Nachdruck.
Dazu gehört auch Käse. Zweimal pro Tag bringt Daniel Etter die Milch mit dem Elektrogabelstapler über die Strasse zur Käserei, wo sie zu Emmentaler verarbeitet wird. Auch wenn sie auf Tierhaltung nicht verzichten, gehen die Gebrüder Etter mit der Zeit und fördern eine nachhaltigere Landwirtschaft: Nebst Elektrofahrzeugen setzen die Etters auf 2,7 Hektaren biologische Ausgleichsflächen und 63 zum Teil alte Hochstammbäume nahe dem Waldrand zur Förderung der Biodiversität. Eine Umstellung auf reinen Pflanzenanbau komme für die beiden Familien schon alleine wirtschaftlich nicht infrage, solange die Gesellschaft etwas anderes vorlebe. Genau hier sieht Martin Rufer einen grossen Knackpunkt: «Die Bevölkerung kann schon heute eine noch umwelt- oder tierfreundlichere Landwirtschaft fördern, indem sie gezieltLabels wie Bio oder IP-Suisse einkauft.» Anstatt dass der Staat den Konsum «mit harter Hand lenkt» – Rufer spricht von einem Vegan-Zwang –, sollen sich Konsumenten noch stärker ihrer eigenen Verantwortung bewusst werden. Denn: «Die Menschen in der Schweiz essen nicht, was die Landwirtschaft produziert. Vielmehr produziert die Landwirtschaft, was die Menschen essen.»

