Gut verwurzelt im Dorf oder der Stadt sein, heisst, dort viele Kontakte zu haben und seit langem zu leben. «Sie ist zu ihren Wurzeln zurückgekehrt», sagen die Leute über die Frau, die beruflich wieder auf alten Pfaden wandelt oder an den Geburtsort umgesiedelt ist. Wer ein Problem bei der Wurzel anpackt, will ihm wirklich auf den Grund gehen.

Wer kaum Wurzeln schlägt, wie die Unechte Rose von Jericho, ein amerikanisches Moosfarngewächs, wird weggeblasen vom Wind. Tief verwurzelt im Leben, wie ein Baum im Erdreich, möchten auch Menschen sein. Wurzeln sind deshalb Sinnbilder und Inspiration. Für Pflanzen sind sie lebenswichtig. Nebst dem sichtbaren Grün verbirgt fast jede Pflanze einen ebenso üppigen Teil im Erdreich.

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Wurzeln reichen in den Grund hinab, wie das Wurzelwerk der Dattelpalme. So erreicht der Wüstenbewohner feuchte Erde, Nährstoffe und Wasser in maximal sechs Meter Tiefe. Dank der langen Wurzeln kann die Palme eine grüne Krone und süsse Datteln ausbilden, trotzdem es viele Monate oder Jahre nicht regnet. Die Chinesische Hanfpalme, die verwildert im Tessin gedeiht, verhält sich opportunistisch. Sie lässt ihre Wurzeln dorthin wachsen, wo es Wasser hat. Das kann tief im Erdreich, oberflächlich oder beides sein.

Im Gegensatz zu den tief reichenden Wurzelsystemen gibt es Pflanzen, die sich mit ihren Wurzeln im Boden flach ausbreiten. Dazu gehören etwa Kiwi, Felsenbirne, Magnolie, Schneeball oder Minze. Wer das wohlriechende Kraut im Frühling in einer Ecke eines Balkonkistchens pflanzt, hat es im Herbst überall in diesem Gefäss. Durch die wild wuchernden Rhizome gewinnt die Minze rasch an Terrain. Sie wächst gerne dort, wo es feucht ist und heimst so die in der obersten Schicht lagernden Nährstoffe ein. Die feinen, weissen Wurzeln der Muschelblume, einer Schwimmpflanze aus den Tropen, ziehen Nahrung direkt aus dem Wasser, um die behaarten Blätter damit zu versorgen.

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In luftiger Höhe oder im Sumpf

Durch die Transpiration von Wasser in Blättern und Nadeln erzeugt die Pflanze oder der Baum einen Druck, der bewirkt, dass Wasser von den Wurzeln bis in die Spitze oder Krone gelangt, auch wenn sie in 100 Metern Höhe ab Boden liegt. Die Verdunstung variiert je nach Art, Jahreszeit und Klima. Grosse Laubbäume können im Sommer mehrere hundert Liter pro Tag verdunsten, so beispielsweise Platanen oder Eichen.

Wurzeln dienen meist der Wasser- und Nährstoffaufnahme. Wenn dies gewährleistet ist, müssen sie nicht bis in die Tiefe reichen. Diese Erkenntnis führte den französischen Botaniker und Gartenarchitekten Patrick Blanc zur Idee seiner grünen Wände, der Murs Végétales. Er sah in Schluchten Europas und der Tropen viele Pflanzen, die sich mit ihren Wurzeln lediglich an Felswänden festkrallten. Wer in der Schweiz in einer Schlucht oder einem Felsabhang entlang wandert, entdeckt Föhren, Fichten und Laubhölzer, deren Wurzeln sich nur über Felsen ziehen und in Ritzen eindringen. Kleine Rinnsale versorgten sie mit Nährstoffen und Feuchtigkeit. Dies machte sich Blanc zunutze und entwickelte seine grünen Wände. Die Pflanzen wurzeln auf einem Flies oder in Taschen mit wenig Substrat. Mit einem Tröpfchensystem erhalten sie mehrmals täglich Wasser und Nährstoffe. Dies sei das Wesentliche, damit sie gut gedeihen würden, sagt Patrick Blanc. Er hat das Prinzip der Natur kopiert und erzeugt damit an Gebäudefassaden und in Innenräumen verblüffendeEffekte mit vertikalen grünen Dschungeln. Nur zum Festhalten dienen die Wurzeln der Bromelien und Tillandsien in den Tropen der Neuen Welt. Die Epiphyten oder Aufsitzerpflanzen krallen sich damit an Ästen in Baumkronen, an Felsen oder Telefondrähten fest, um einen Platz an der Sonne zu erhaschen. Wasser und Nahrung nehmen sie über die Blätter auf oder sammeln es in Trichtern, wo sich kleine Mikrobiotope bilden. Auch Orchideen, viele Farne, sogar manche Kakteen, sind Gewächse der Lüfte und halten sich mit ihren Wurzeln an Ästen fest, ohne dem Baum zu schaden, auf dem sie gedeihen.

Nicht immer ist das Terrain ideal, wo Pflanzen wachsen, so beispielsweise auch im Sumpf oder an derMeeresküste. Die Sumpfzypressen aus Nordamerika beispielsweise bilden Luftwurzeln aus, die überall an der Oberfläche aufstossen. Diese Atemwurzeln versorgen das im Sumpf liegende Wurzelsystem mit Sauerstoff. Die Stelzwurzeln der Mangrovengewächse erfüllen mehrere Funktionen. Das dichte Wurzelgeflecht festigt die Sträucher in den Gezeiten und der Brandung. Zudem stossen überall aus dem Schlick Atemwurzeln oder Pneumatophore in die Höhe. Auch sie versorgen das im Schlick liegende Wurzelwerk mit atmosphärischer Luft, denn Wurzeln benötigen Sauerstoff für die Zellatmung. Im Schlick oder Sumpf ist er nicht vorhanden. Die Wurzeln der Mangrovensträucher schliessen zudem bei der Wasseraufnahme einen Teil des Salzgehalts des Brackwassers aus.

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Teller oder Pfahl

Bäume haben es oft nicht einfach, sich zu verankern. Die Buche beispielsweise ist ein Herzwurzler. Sie kombiniert Tief- und Flachwurzeln. Manchmal kann sie aber ihr Wurzelsystem fast nur flach ausbreiten, zum Beispiel im Jura oder in den Alpen. Über dem Gebirgsgestein, dem so genannten Skelettboden, liegt nur eine dünne Schicht von Humus und Erde. Das wird bei umgestürzten Baumriesen ersichtlich, beispielsweise im Buchenwald des Bettlachstocks im Solothurnischen, einem UNESCO-Weltnaturerbe. Der ausgerissene Wurzelteller ragt in die Höhe – eine Wunde klafft im Boden. Sofort hüpfen Zaunkönige darin herum, finden Nahrung und Versteckplätze.

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Auch bei umgefallenen Fichten entsteht ein gleiches Bild. Sie sind von Natur aus Flachwurzler und werden deshalb regelmässig Opfer von sturmähnlichen Winden, so dass ihr Wurzelteller ausreisst. Ganz anders lässt die Weisstanne ihre Wurzeln wachsen. Der Pfahlwurzler sendet, wenn immer möglich, eine Hauptwurzel ins Erdreich hinab und bildet seitliche Ableger, wenn er den Grundwasserspiegel erreicht hat. Nur auf Skelettböden ist auch die Weisstanne gezwungen, sich seitlich zu verzweigen. Normalerweise stösst ein Tiefwurzler wie sie bis in 1,20 Meter Tiefe vor. Flachwurzler breiten sich nur knapp unter der Erdoberfläche aus, wo auch die meisten Nährstoffe vorhanden sind.

Auch tropische Böden sind nur sehr flachgründig. Deshalb stützen sich da viele Baumriesen mit Brettwurzeln ab, weil sie ihr Wurzelsystem nur tellerartig ausbreiten können. Gut verankert oder abgestützt amBoden zu sein, lohnt sich für die Pflanze; verwurzelt im Leben zu sein, ist wertvoll für den Menschen.

Wurzeln als ErkennungsmerkmalWurzeln können bei der Identifikation gewisser Pflanzen hilfreich sein. Die Kuratorin des Herbariums des Botanischen Gartens der Universität Bern, Dr. Katja Rembold, sagt: «Wurzeln sollten für Herbarbelege, wenn möglich, mitgesammelt werden, zumindest bei krautigen Pflanzen.» Dazu gehörten, neben den verschieden ausgeprägten Wurzeln, auch andere Organe wie Rhizome, Zwiebeln, Knollen, Wurzelknöllchen, wo oft eine Symbiose mit Bakterien bestünde. «Da versteckt sich noch einiges unter der Erde, was einem verborgen bleibt, wenn man sich nur die oberirdischen Teile ansieht.»