Kartoffelkäfer
Der gefrässige Albtraum der Bauern
Gestreift, gefrässig, gefürchtet: Seit beinahe 200 Jahren macht der Kartoffelkäfer Bauern das Leben schwer. Von Hand eingesammelt, als «Amikäfer» verunglimpft und gegen jedes Gift resistent, bleibt er
Der Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) ist seit fast zwei Jahrhunderten der Schrecken der Landwirtschaft. Seine Heimat liegt in Mexiko und im Süden der USA, wo er ursprünglich auf Wildkartoffeln lebte. Mit der Ausbreitung des Kartoffelanbaus fand er eine neue Lieblingsspeise und startete seinen Siegeszug über die ganze Welt.
Ein Käfer auf Weltreise
1840 wurde der Käfer erstmals in den USA auf Kulturkartoffeln beobachtet, wenige Jahrzehnte später überquerte er den Atlantik. In Europa breitete er sich rasant aus: Bereits 1877 wurde er in Deutschland gesichtet, 1879 auch in der Schweiz. Bauern gaben ihm schnell den Ruf eines «Erntevernichters». Ganze Felder konnten innerhalb weniger Wochen kahlgefressen sein. Besonders gefrässig sind die Larven, welche in Scharen die Blätter abnagen, bis nur noch die Stängel übrigbleiben.
Seine Bekämpfungsgeschichte ist lang und oft vergeblich. Schon in den 1920er-Jahren versuchten Länder wie Frankreich und die Schweiz, den Käfer mit Quaran-tänestreifen an den Grenzen aufzuhalten. Ganze Regionen wurden überwacht, Züge und Lastwagen kontrolliert. Doch der Einwanderer liess sich nicht stoppen und breitete sich unaufhaltsam weiter aus.
Käfer, Kinder und Kalter Krieg
In den 1930er- und 40er-Jahren wurde der Kartoffelkäfer sogar politisch instrumentalisiert. Während des Zweiten Weltkriegs behauptete die NS-Propaganda, die Alliierten hätten Käfer als Biowaffe über Deutschland abgeworfen, um die Ernten zu zerstören. Das Bild vom «Amikäfer» brannte sich ein, obwohl sich der Käfer längst selbstständig ausgebreitet hatte.
Nach dem Krieg griffen die Behörden zu drastischen Mitteln: In den 1950er-Jahren wurden in der Schweiz und in Deutschland ganze Schulkassen aufs Feld geschickt, um die Tiere von Hand abzusammeln. Wer ein Glas voller Käfer ablieferte, bekam manchmal sogar eine kleine Belohnung. Für viele Kinder wurde das sommerliche Absammeln zu einer prägenden Erinnerung – und für die Bauern war es oft die einzige Möglichkeit, ihre Ernte zu retten.
Chemische Pflanzenschutzmittel brachten zeitweise Erleichterung, doch der Kartoffelkäfer erwies sich als Ausnahmetalent der Anpassung. Kaum ein Insekt entwickelt so schnell Resistenzen. Ein Bericht der Welternährungsorganisation FAO bezeichnete ihn sogar als «Insekt mit der grössten chemischen Intelligenz».
In Nordamerika widerstand er innert zehn Jahren fast allen verfügbaren Wirkstoffen und zwingt die Landwirtschaft bis heute zu ständiger Innovation. In der Schweiz wird der Käfer daher regelmässig überwacht. Und dank Fruchtfolge, also dem Wechsel von Kulturen auf den Feldern, und gezieltem Einsatz von Insektiziden kann er eingedämmt werden. Auch biologische Methoden wie Nützlingsförderung oder der Einsatz von Bacillus thuringiensis zeigen ebenfalls Wirkung. Ganz verschwunden ist er jedoch nie.
Von der Propagandafigur im Zweiten Weltkrieg über das Schreckgespenst im Schulunterricht bis hin zu Kinderbüchern, in denen er harmlos als bunter Käfer auftaucht – der Kartoffelkäfer ist längst Teil der Kulturgeschichte. Für die Landwirtschaft aber bleibt er, was er seit beinahe 200 Jahren ist: ein kleiner, aber gnadenloser Albtraum.
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren