Robin ist ein ehrgeiziger Typ, das merkt man dem früheren Fitnesstrainer an. Dass er an diesem sonnigen Vormittag nicht in einem Studio, sondern auf dem Feld im Luzernischen Emmen arbeiten würde, hätte er sich vor fünf Jahren kaum vorstellen können. Doch dann kam das Burnout und mit dem Versuch, sich mit Cannabis am Laufen zu halten, kamen auch die Psychosen. Nach einem Klinikaufenthalt und anschliessenden Rehabilitationsprogrammen findet der heute 25-Jährige langsam zurück in einen geregelten Alltag. Beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH Zentralschweiz bedeutet das auch schon mal, reife Kefen (Zuckererbsen) zu pflücken. Diese wachsen auf der Weberwiese in Emmen (LU), einer ehemaligen Brache, die das SAH Zentralschweiz von der Gemeinde gepachtet und unter der Leitung von Petra Köchli sowie Ladislaus Löliger in ein Gemüseparadies verwandelt hat.

Das SAH ist ein Sozialunternehmen für Arbeitsintegration, welches Personen den Zugang zum Arbeitsmarkt durch berufliche, sprachliche und gesellschaftliche Unterstützung erleichtert. «Auf der Weberwiese arbeiten stellensuchende Personen, anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen», erzählt Petra Köchli. Sie ist Landwirtin und Umweltingenieurin, und hat zudem Soziologie studiert – eine Kombination, die sich auf der Weberwiese auszahlt. Mit viel Gefühl für Pflanzen und Menschen leitet Petra Köchli den grossen Garten. Die Feldfrüchte werden nach Biostandard angebaut, in Gemüseabos verkauft und mit dem projekteigenen Cargo-Bike ausgeliefert. Aktuell hat die Weberwiese 60 Kundinnen und Kunden, die sich demnächst auch über frische Kefen freuen dürfen.

Robin liefert sich ein Wettpflücken mit Pascal, einem arbeitssuchenden Schreiner. «Nur zuhause herumsitzen macht einen depressiv», erklärt der 33-Jährige. Er brauche nebst dem Schreiben von Bewerbungen eine Beschäftigung für die Hände. «Zudem ist das Anbauen und Ernten von Gemüse sehr sinnstiftend. Man hat schnell einResultat, auf das man stolz sein kann», so Pascal. Zwischen den Arbeiten auf dem Feld finden immer wieder Angebote wie Jobcoachings statt, die den Beschäftigten zusätzlich helfen sollen, den Weg zurück in ein geregeltes Arbeitsleben zu finden.

[IMG 2]

Raus aus der finanziellen Abhängigkeit

Letzteres wünscht sich auch Aslan sehr. Der dreifache Familienvater war 18 Jahre lang selbständig. «Ich hatte eine Dönerbude, die gut lief. Selbst Robin war mein Kunde», erzählt der gebürtige Kurde schmunzelnd. «Doch dann kam Corona und mein Geschäft ging Konkurs». Der Gang zum Sozialamt fiel dem 44-Jährigen nicht leicht: «Man kommt sich vor wie ein Bettler, es ist erniedrigend». Als Einzelunternehmer hätte er keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld gehabt. Auf der Weberwiese verdient Aslan sich nun ein zusätzliches Taschengeld, das seiner Familie hilft, über die Runden zu kommen, bis er eine Alternative gefunden hat. Bis dahin geniesst er die Gesellschaft von Robin und Pascal, mit denen er sich nicht nur über schwere Zeiten, sondern auch über Gott und die Welt unterhalten kann.

«Vor fünf Jahren war das hier noch eine Hundewiese», erzählt Petra Köchli. Seit 2022 verwandelt sie mit viel Herzblut zusammen mit Arbeitssuchenden das Gelände in einen Garten. Urban Farming (urbane Landwirtschaft) ist im Trend. Dass das Projekt funktioniert, liegt auch an der Nachbarschaft. «Früher nannte man die Gegend hier scherzhaft ‹Emmen Bronx›, angelehnt an den legendären Stadtbezirk in New York», so Köchli. Das Viertel rund um die Weberwiese ist geprägt von Einwanderern und Industrie. Hier wohnt es sich günstig, doch die Felder des SAH Zentralschweiz sind deswegen noch lange nicht zum Selbstbedienungsladen geworden – im Gegenteil. «Die ganze Nachbarschaft hält ein Auge darauf», lobt Köchli und leert einen Eimer Kefen in eine Harasse. Bald ist es Zeit für ein Znüni. Für Robin hat Köchli ein vegetarisches Kochbuch mitgebracht – sie zeigt ihm ihre Lieblingsrezepte. Pascal und Aslan unterhalten sich derweilen über die letzten Bewerbungen. Beide haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, bald eine Stelle zu finden und unabhängig von der Sozialhilfe zu werden. Bis dahin warten auf der Weberwiese bald Salat, Tomaten und Gurken auf die zeitnahe Ernte.

[IMG 3]