Knusprig frittierte Heuschrecken, saftiger Grillenburger oder doch lieber Schokoladenkekse aus Wurmmehl? Nachdem im Jahr 2017 der Handel und der Verkauf von Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmern schweizweit legalisiert wurde, stürzten sich Produzenten, Lebensmittelhändler und Konsumenten auf die neuartigen tierischen Proteine. Auch für die Landwirtschaft zeichneten sich neue Chancen ab. Doch kurz nach dem Hype um den neuen Lebensmittelsektor nimmt die Migros alleInsektenprodukte aus den Regalen, das Interesse stagniert. Was ist passiert?

Insekten als Lebensmittel gelten als umweltverträglichere Alternative zu herkömmlichen tierischen Proteinquellen und schaffen Hoffnung angesichts des wachsenden Proteinbedarfs auf der Welt. Sie enthalten oft alle neun essenziellen Aminosäuren und bestehen je nach Insektenart bis zu 70 Prozent aus Proteinen. Sie liefern auch Mikronährstoffe wie Vitamin B12, Magnesium oder Eisen und sind reich an gesunden, mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Hinzu kommt der geringere Ressourcenverbrauch während der Aufzucht. Sie benötigen etwa weniger Futter und Wasser als Hühner, Schweine oder Rinder und können genauso mit Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie gefüttert werden. Ausserdem stösst die Zucht der kleinen Tiere weniger CO2 aus. Sie wären also relativ klimafreundliche Proteinlieferanten.

Und eigentlich sind Insekten in der Küche auch nichts Neues. In weiten Teilen der Welt gelten sie als Delikatesse und werden als Snack zwischendurch gegessen. Bevor in der westlichen Welt der Ekel davor einsetzte, gehörten sie auch hier auf den Speiseplan. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts etwa war in Deutschland und Frankreich die Maikäfersuppe verbreitet. Heute haben es die mehrbeinigen Tiere aber etwas schwieriger, wie auch die Migros spüren musste.

Wenig Interesse – viel Konkurrenz

Nach der Legalisierung von Mehlwürmern (Tenebrio molitor), Grillen (Acheta domesticus) und Wanderheuschrecken (Locusta migratoria) als Nahrungsmittel führte der orange Detailhändler unter der Eigenmarke «Mi Bugs» essbare Insekten im Sortiment ein. Sie waren ganz, getrocknet und ungewürzt erhältlich. «Nacheinem kurzen Nachfrage-Anstieg gingen die Verkäufe aber rasch zurück», heisst es vonseiten der Migros. Sie zogen die Produkte darum schnell wieder zurück. «Insekten gehören nicht zum Speiseplan der Schweizerinnen und Schweizer und werden es wohl auch in absehbarer Zeit nicht tun.» Eine Wiederaufnahme ins Sortiment kommt für sie daher auch nichtinfrage. Stattdessen konzentriere sich die Migros auf pflanzliche Alternativen zu tierischem Eiweiss, etwa mit der Eigenmarke V-Love. «Wir sehen hier eine echte Chance für die Diversifizierung der Proteinquellen.»

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Anders sieht das der Detailhändler Coop. Seit der Legalisierung gibt es im Coop Produkte der Schweizer Marke Essento zu kaufen: Insektenburger, Insektenbällchen, verschiedene Snackmischungen und Riegel. «Die Nachfrage nach den Produkten ist stabil», so die Medienstelle von Coop. Man erweitere das Sortiment und passe es den Bedürfnissen der Konsumenten an. Und die Rückmeldungen der Kundinnen und Kunden seien positiv. «Es ist aber sicher so, dass diese Art von Produkten in einer Nische zu Hause ist.»

Das sieht auch der Professor für Konsumentenverhalten der Berner Fachhochschule, Thomas Brunner, ähnlich. «Die Einstellung hat sich seit der Legalisierung nicht gross zum Positiven verändert», sagt er. Die Medienpräsenz sei kurzfristig hoch gewesen, aber schnell wieder abgeflacht. Und auch die Detailhändler würden das Thema nicht noch mehr pushen. Man müsse die Produkte gezielt suchen, sonst bemerke man sie nicht. «Und weil man mit den Produkten nicht in Kontakt kommt, ändert sich die Einstellung auch nicht.» Zudem habe sich im Markt der pflanzlichen Fleischalternativen sehr viel getan. Das mache insektenbasierte Alternativen weniger attraktiv. «Ich denke, vor allem der Preis könnte eine Veränderung bringen», so der Experte. Sobald etwa ein Burger aus Rindfleisch mehr als ein Insektenburger kostet, «würden wohl einige Konsumentinnen und Konsumenten den Ekel gegenüber Insektenlebensmittel überwinden können».

Der Markt hat sich durchaus entwickelt

Stehengeblieben ist der Markt allerdings nicht, wie Jean-Yves Cuendet vom Verband Swiss Insects sagt. Die Anzahl der erhältlichen Produkte sei gestiegen, genauso wie die Anzahl der Konsumentinnen und Konsumenten. Besonders jüngere Generationen seien offen für den Verzehr von Insekten. «Die grosse Herausforderung für die Branche besteht jedoch darin, gelegentliche Konsumenten zu regelmässigen zu machen, damit der Konsum von essbaren Insekten zur Normalität wird.»

Doch für Züchter sei der Einstieg in die Branche weniger attraktiv. «Insektenzüchter zu werden, ist ein echtes unternehmerisches Abenteuer, das Geduld, Belastbarkeit und die Ausdauer eines Marathonläufers erfordert», so Cuendet. Der Markt sei noch defizitär. Das heisst, Investitionen würden erst in einigen Jahren Früchte tragen. In der Schweiz gibt es daher nur zwei Start-ups, die sich den Insekten widmen. Aber sie allein können nicht den ganzen Markt in der Schweiz abdecken. So schätzt der Verband, dass 60 bis 70 Prozent der Insekten aus dem Ausland importiert werden.

«Wir sind der Meinung, dass unsere Schweizer Ernährungssouveränität gestärkt werden sollte und dassSchweizer Insekten einen wichtigen Beitrag dazu leisten könnten», sagt Cuendet. Es gehe nicht darum, Fleisch durch essbare Insekten zu ersetzen. Sondern unsere Nährstoffversorgung durch dieses lokale Superfood zu ergänzen. «Für einen normalisierten Konsum braucht es noch Zeit und niemand kann vorhersagen, wie lange: 5 Jahre, 10 Jahre, eine Generation, zwei Generationen?»

Weniger importiertes Futter dank Insekten?In der Landwirtschaft sind Insekten eine Möglichkeit, das importierte Proteinfutter für Geflügel und Schweine und damit die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren. Untersuchungen des Forschungsinstituts fürbiologischen Landbau FiBL haben gezeigt, dass mit dem Insektenfutter ähnliche Resultate erzielt werden können wie mit Soja. Allerdings fehlen hierzuErfahrungen und Beobachtungen über längere Zeit. In der Schweiz ist es heute daher noch nicht erlaubt, Geflügel und Schweine, die für den menschlichen Verzehr gedacht sind, mit der Fleischalternative zu füttern. Das Eidgenössische Departement des Innern hat jedoch eine Vernehmlassung für entsprechende Regelungen eröffnet, die Fütterungen von Insekten unter strengen Bedingungen erlauben würden.