Löwen sind bekannt für ihr markantes Brüllen: Ein mächtiger Laut als klare Ansage von Stärke und Präsenz. Doch das akustische Leben eines Löwenrudels ist deutlich vielschichtiger, wie Forschende nun berichten. Eine in der Fachzeitschrift Ecology and Evolution veröffentlichte Studie zeigt, dass afrikanische Löwen (Panthera leo) nicht nur eine, sondern zwei unterschiedliche Arten von Brüllen erzeugen. Neben dem bekannten, tiefen und kraftvollen Brüllen gibt es ein bislang kaum beachtetes «Zwischenbrüllen». Dieses ist kürzer, tiefer und weniger ausgeprägt als das klassische Vollbrüllen.

Für ihre Untersuchung nutzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Tonaufnahmen aus Afrika sowie Methoden des maschinellen Lernens, um die akustischen Eigenschaften der Laute zu analysieren. Dabei stellte sich heraus, dass das bekannte Brüllen individuelle stimmliche Merkmale enthält, mit denen einzelne Tiere identifiziert werden können. 

Das neu entdeckte Zwischenbrüllen hingegen unterscheidet sich deutlich in Länge und Tonhöhe. Diese Erkenntnisse stellen langjährige Annahmen infrage. Zwar ist seit Langem bekannt, dass Löwen mit ihrem Brüllen Reviere markieren, Partner anlocken und Rudelmitglieder orten. Auch der Ablauf eines Brüllens – beginnend mit Stöhnen und endend mit Grunzlauten – war bekannt. Der mittlere Teil wurde jedoch bisher als einheitlicher Laut betrachtet. Durch die neue Analyse lassen sich die Brülllaute nun in einzelne Bestandteile zerlegen. 

Welche konkrete Bedeutung das neu identifizierte Zwischenbrüllen hat, ist jedoch noch unklar. Die Entdeckung basiert auf zehntausenden Stunden von Tonaufnahmen, die mit automatischen Aufnahmegeräten im Nyerere-Nationalpark in Tansania sowie mit akustischen Halsbändern bei Löwen in Simbabwe gesammelt wurden. Mehr als 3’000 Rufe wurden mithilfe von Mustererkennungs-Algorithmen ausgewertet. Dabei zeigte sich: Vollbrüllen steigen zunächst in der Tonhöhe an und fallen am Ende ab, während Zwischenbrüllen deutlich gleichmässiger und einfacher aufgebaut sind.

Anhand von Dauer und Tonhöhe konnten die Forschenden ein Modell entwickeln, das Brüllen, Stöhnen und Grunzen mit hoher Genauigkeit unterscheidet. In einer untersuchten Population lag die Trefferquote bei über 91 Prozent. Zudem war das System sogar besser als menschliche Expertinnen und Experten darin, einzelne Löwen anhand ihres Brüllens zu identifizieren. Mithilfe künstlicher Intelligenz, die darauf trainiert wurde, verschiedene Löwenstimmen zu unterscheiden, könnten Naturschutzorganisationen künftig Löwen allein anhand ihrer Rufe zählen und verfolgen. Gerade angesichts schrumpfender Lebensräume und Wilderei wäre dies besonders wertvoll, da Löwen bereits aus über 90 Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets verschwunden sind.