Herr Römmelt, woher stammt Ihre Begeisterung für den Norden?

Vor 30 Jahren reiste ich erstmals nach Alaska. Die Wildnis, die Weite, die Stille und die wilden Tiere begeisterten mich. Dann entdeckte ich Skandinavien. Diese Region bietet ebenso nordische Natur und ist näher.

Umfasst Lappland den Siedlungsraum der Sami?

Es gibt mehrere Definitionen von Lappland. Wenn man sich am Siedlungsgebiet der Sami orientiert, ist Lappland sehr gross, zieht sich weit bis nach Mittelschweden herunter und umfasst die Länder Norwegen, Schweden, Finnland und das nordwestliche Russland. Heutedefiniert man Lappland eher anders, nämlich als Region Skandinaviens nördlich des Polarkreises inklusive der Kola Halbinsel im nordwestlichen Teil Russlands.

Gibt es noch nomadisch lebende Sami?

Nur noch einige wenige paar tausend. Die meisten sind sesshaft in grossen Städten und gehen «normalen»Berufen nach. Fast alle aber haben einen besonderen Bezug zu Rentieren. Wenn es Zeit ist, sie zusammenzutreiben, helfen sie einander. Rentierzucht darf nur durch Sami betrieben werden.

Verstehen sich Sami als eigenes Volk oder ordnen sie sich den jeweiligen Ländern zu?

Sie haben eine starke kulturelle Identität und verstehen sich als Volk, welches Sapmi, so nennen die Sami ihr Land, bewohnt.

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Sind Sie bei Ihren Reisen auch mit Sami unterwegs, respektive ist man auf ihre Hilfe angewiesen, wenn man in diesem Gebiet reist?

Nein, man kann problemlos selber reisen. Ich wollte aber in meinem Projekt die Ureinwohner miteinbeziehen, denn es handelt sich um das letzte indigene Volk Europas. Deshalb ist ihm in meinem Buch «Lappland – Europas wilder Norden» ein ganzes Kapitel gewidmet.

Erzählen Sie bitte von Ihren Erlebnissen mit den Sami.

Die Sami orientieren sich am natürlichen Zyklus der Rentiere. Die Tiere ziehen im Winter ins Inland und wandern im Frühling instinktiv an die Küste. Die Sami folgen ihnen mit Schneemobilen; ich konnte sie bei der sogenannten Spring Migration begleiten, wenn also die Tiere im Frühling vom Inland wieder an die Küste ziehen. Während dieser Zeit kommen die jungen Rentiere zur Welt, pro Weibchen ein Kalb. Die Tiere gehören jemandem, leben aber wild. Sie werden drei- bis viermal im Jahr zusammengetrieben, im Sommer, um die Jungen zu markieren, im Herbst, um die Bullen zu schlachten. Im Winter werden sie gezählt und geimpft. Früher war es wahnsinnig anstrengend für die Sami, ihre Herden wieder zu finden. Sie liefen ihnen mit Langlaufskiern hinterher. Heute machen sie das mit Helikopter und Schneemobil. Die Sami nutzen alles vom Rentier, vom Blut bis zum Fleisch. Sie stellen Jacken, Hosen und Schuhe aus Rentierhaut her.

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Wird mit Rentierfleisch auch gehandelt?

Die Sami essen selbst Rentierfleisch und verkaufen es. Der Markt ist aber nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zusammengebrochen und hat sich seither nicht mehr erholt. Wegen dem Fehlen von Fressfeinden gibt es zu viele Rentiere. Auch deshalb sinkt der Preis, so dass man von der Rentierzucht nicht mehr wirklich leben kann.

In welcher Jahreszeit reisen Sie am liebsten in Lappland?

Herbst und Winter sind für mich am schönsten. Der Herbst findet nur während drei Wochen im September statt, und er ist grandios, weil sich dann die Birken und die ganze Tundra in Rot und Gelb verfärben. Ein richtiger Farbenrausch! Die Winter sind knackig, ganz anders als bei uns, obwohl sich der Klimawandel auch hier stark bemerkbar macht. Die Kälte und die klare Winterluft sind etwas ganz Besonders. Der Winter dauert ein halbes Jahr.

Wie reisen Sie in Lappland?

Zu Fuss, das ist am schönsten, dann per Kajak, mit dem Auto, und ich habe mich auch schon mit dem Helikopter an bestimmte Punkte fliegen lassen.

Wie übernachten Sie, wenn Sie in Lappland reisen?

Ich fahre meistens mit einem kleinen umgebauten Camperbus nach Lappland und übernachte dann darin. So bin ich mobil. Es gibt aber auch ein Netz von kleinen Hüttchen. Ich war im Sommer und Herbst aber auch oft im Zelt unterwegs.

Sind Wetterunbilden häufig?

Man kann es mit den Alpen vergleichen. Wetterveränderungen gehen ratzfatz. Innerhalb von einem Tag gibt es einen Temperatursturz. Wetterumbrüche im September sind besonders gefährlich. Von heute auf morgen kann der Winter kommen. Da muss man aufpassen. Im Sommer gilt es, sich vor Gewittern in Acht zu nehmen.

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Welchen Tierarten begegnen Sie auf Ihren Reisen regelmässig?

Als Fotograf bin ich zu meinen Hotspots unterwegs. Wer dies nicht hat, braucht eine gehörige Portion Zeit. In Norwegen sieht man Küstenvögel wie die Papageitaucher und auch Seeadler, Elche und mit viel Glück Bären. Skandinavien steht Alaska von der Landschaft her in nichts nach, doch man trifft auf weniger Wildtiere, weil in Skandinavien durch die Jagd Bestände dezimiert wurden und die Tiere deshalb viel scheuer sind.

Welches war das eindrücklichste Erlebnis?

Ich war im äussersten Nordosten Norwegens an der Grenze zu Russland unterwegs. Per Boot liess ich mich auf eine Vogelinsel übersetzen, wo jedes Jahr ein paar tausend Paare Papageitaucher brüten. Das Besondere: Die drolligen Vögel fliegen die Insel bereits Mitte März an, so dass sich die einmalige Möglichkeit bietet, sie an Land im Schnee zu fotografieren. In diesem Jahr im März war aber die ganze Insel leer. Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein! Ich wartete Tage, hunderttausende von Lummen umkreisten zwar die Insel während etwa fünf Tagen, doch keine landete. Am Tag meiner Abreise passierte dann das Unglaubliche:Unzählige flogen herab und setzten sich auf den Felsen. Plötzlich war alles voller schwarzer Vögel, Trottellummen, Dickschnabellummen und mittendrin: Papageitaucher. Als sie kreisten, gaben sie keinen Ton von sich, doch sobald sie auf den Felsen sassen, begannen sie zu schnattern.

Hat sich Lappland in den letzten 20 Jahren verändert?

Ich stelle Veränderungen in zweierlei Hinsicht fest. Auch in Lappland ist es wärmer geworden. Jetzt regnet es im Winter plötzlich, dann gefriert es wieder. Die Eisschicht verunmöglicht es den Rentieren, durch Scharren an Moose und Flechten zu gelangen, so wie sie das beim trockenen Schnee erfolgreich machten. Deshalb sind die Sami gezwungen, sie zuzufüttern, was teuer und aufwändig ist. Die weitere grosse Veränderung ist der Tourismus. Der Norden boomt seit etwa sechs Jahren.

Was sind Ihre liebsten Fotomotive?

Ich bin in erster Linie Landschaftsfotograf. Weiter fotografiere ich die indigene Bevölkerung, also zum Beispiel in Grönland die Inuit oder eben in Lappland die Sami. Bären gehören auch zu meinen Lieblingsmotiven.

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Explora-Live-Show«Lappland» mit Bernd Römmelt
Ab 13. bis 23. Februar 2026 ist Bernd Römmelt mit «Lappland» auf Livetournee in der Schweiz zu erleben.
Alle Infos und Tickets auf www.explora.ch.