Sie brüten an umtosten Meeresküsten und leben auf dunklen, wellenden Meeren. Doch ein solch unwirtlicher Lebensraum scheint gar nicht zu den eher zerbrechlich und schalkhaft wirkenden Papageitauchern zu passen. Sie haben etwas von Globi, der Kinderfigur mit dem grossen, gelben Schnabel. Sie leben dort, wo es auch im Sommer immer mal wieder stürmisch ist und das Meer tost.

Das ist auch auf den Scilly-Inseln westlich vor der Küste Cornwalls in Grossbritannien nicht anders. Als das Holzboot im Mai den Hafen von St. Mary’s, der Hauptinsel, verlässt und ins schwarze Wasser gleitet, schaukelt es wie eine Nussschale. Es prescht über furchteinflössende Wellen, Gischt sprüht auf die ängstlichen Gesichter der Passagiere. Früher zerschellten an den sturmumtosten Granitfelsen viele Schiffe. Zeugen der Dramen waren wohl schon damals die putzigen Papageitaucher. Heute leben sie noch auf Puffin Island, den schroffen, dunklen Felsen, die gut sichtbar zwischen den drei Inseln Tresco, Bryher und Samson aus dem Atlantik ragen. Zurück zu den verunsicherten Touristen auf dem Schiff: Als sie die Papageitaucher erblicken, wie sie keck auf den Felsvorsprüngen stehen, hellen sich ihre Gesichter auf. Das Schaukeln scheint vergessen. Fasziniert beobachten die Passagiere, wie sich einige der Sympathieträger vom Felsen fliegend in die Fluten stürzen und inmitten der weissen Wellenkrönchen verschwinden.

Jetzt im Mai haben sich die Papageitaucher auf dem Brutfelsen eingefunden, ansonsten aber ist das Meer ihr Element. Denn ausserhalb der Brutzeit leben sie ausschliesslich pelagisch, das heisst weit von der Küste weg auf dem offenen Meer. Deshalb ist vieles im Leben der Vögel für die Menschen nach wie vor mysteriös. Beringungen und Geolokatoren, welche an den Ringen angebracht wurden, geben Auskunft darüber, dass die Papageitaucher der Westküste Grossbritanniens den Winter hauptsächlich in der Bucht von Biskaya und im westlichen Mittelmeer verbringen. Und bei denjenigen Papageitauchern der Scilly-Inseln handelt es sich, mit einigen Kolonien an der Küste der Bretagne, um die am südlichsten vorkommenden Populationen dieser Alkenvögel. Häufiger kommen die Papageitaucher auf den Inseln des nördlichen Atlantiks und an den Küsten des westlichen Polarmeeres vor. Die Art brütet auch an der Atlantikküste Nordamerikas von Labrador bis Maine und an der Küste Grönlands und Islands.
Nördliche Meeresküste in Bern
Die Papageitaucher paaren sich auf dem Meer und ziehen im Frühling an die Küste. Dort wirbt das Männchen um sein Weibchen. Die Vögel trippeln umeinander und verneigen sich. Anschliessend beziehen sie ihre Bruthöhle. Dieses Verhalten kann auch mitten im Binnenland Schweiz beobachtet werden, nämlich im Tierpark Bern. «Unsere Paare bleiben sich treu und beziehen stets die gleichen Nisthöhlen», sagt Tierpfleger Hansueli Blatter. Er ist Revierleiter im Tierpark Bern und zuständig für die Meeresvögel.
Der Tierpark Bern ist in Europa einer der wenigen Zoos, die Papageitaucher halten und züchten. «2009 holten wir die ersten Tiere bei einem deutschen Züchter, der Eier aus Island importierte und ausbrütete», erzählt der 52-Jährige. Es handle sich um einen spezialisierten Züchter von Wassergeflügel, der auch gleich Futter für die Papageitaucher entwickelt habe. In der begehbaren Anlage für Papageitaucher hinter dem Vivarium des Tierparks Bern weht frische, kühle Luft, kleine Wellen tänzeln auf dunkler Wasserfläche. Im Hintergrund ragen schwärzliche Felsen mit Einschlupflöchern in die Höhe, auf der Oberkante wächst grünes Gras. «Die wenigen Haltungen, die es gibt, befinden sich im Innenbereich. Wir aber bauten die erste Aussenanlage», sagt Blatter über die Pionierarbeit im Tierpark Bern. So versetzt die ausgeklügelte Anlage nicht nur die Besucherinnen und Besucher gefühlsmässig an nördliche Gewässer, sie gibt auch den Papageitauchern den Eindruck, als lebten sie irgendwo im Nordmeer: So zeigen sie ihr natürliches Verhalten im Jahreszyklus.

«Ausserhalb der Brutzeit leben die Papageitaucher fast ausschliesslich auf dem Wasser und gehen nur kurz in die Flachwasserzone», erzählt Hansueli Blatter. Das Bassin umfasst 360 000 Liter. «Wir filtern das Wasser nicht, sondern erneuern es täglich einmal», erklärt er. Der Tierpark verwendet dafür Verwurfwasser, das die bernische Wasserversorgung zum Durchspülen der Leitungen braucht und welches sonst direkt in die Aare geleitet würde. Und die Haltung in Süsswasser sei kein Problem. Meeresvögel hätten ein Organ, über das sie Salz wieder ausscheiden würden, sie könnten darum problemlos in Süsswasser leben. Durch die Anlage weht frische Luft über die Wasserfläche. «Wir saugen sie über dem Wasser an», sagt der Tierpfleger. Die Temperatur sei in der Anlage dank der Verdunstungskühle des Wassers immer um 4 Grad Celsius kühler als die normale Lufttemperatur draussen. Wichtiger als die Kühle sei aber der Luftzug. «Die Vogelmalaria ist ein grosses Problem.» Auf dem Meer und an den windumtosten Küsten, wo die Papageitaucher lebten, gebe es keine Mücken. Mückenstiche könnten die Papageitaucher mit Malaria infizieren, dank des permanenten Luftstosses halte man die Anlage aber mückenfrei.
Bereits 2011 gelang die Erstzucht. Papageitaucher seien Koloniebrüter, erzählt Hansueli Blatter. Aber nicht immer friedlich, ergänzt er. «Um ihre Bruthöhle herum tolerieren sie keine Angeber.» Das heisst, ein anderer Papageitaucher dürfe zwar vor der Höhle eines Paares durchwatscheln, müsse aber den Kopf geduckt halten. «Macht er sich wichtig, wird er attackiert.»

Ein grosses Ei in der Höhle
Bruthöhlen in der Natur werden am Küstensaum über dem tosenden Meer selbst gegraben, oder es werden Felsspalten benutzt. Die rund 13 Berner Papageitaucher finden ihre Höhlen oberhalb des Wassers, integriert in eine modellierte Felswand, die Küstenfelsen ähnlich ist. Auf der Rückseite des Gebäudes sieht es allerdings nicht so romantisch aus. Die Höhlen entpuppen sich als PVC-Rohre mit einem Boden aus Mulm und Muschelstücken. Der Tierpfleger hebt den Deckel an und weist auf eine grosse, aufgebrochene Eischale. Der kleine, zierliche Papageitaucher, der die Grösse eines Teichhuhns hat, legt ein Ei, so gross wie ein stattliches Hühnerei. «Beide Partner brüten während 40 Tagen», sagt Blatter. Da das Ei aber gross ist, hat das Weibchen den Brutfleck unter den Flügeln. Es kann nicht darauf sitzen und nimmt es daher seitlich unter die Flügel», erzählt Blatter voller Begeisterung. Dank den Nistkastenkameras kann er beobachten, was im Dunklen der Höhle vor sich geht. Er nehme das Ei aber nach einigen Tagen Brutzeit den Altvögeln weg und lege es in den Brutapparat.
Dort wird es bei einer Temperatur von 37,2 Grad Ceslsius und bei einer Luftfeuchtigkeit von 68 Prozent ausgebrütet. «Ich könnte die Eier vollständig von den Eltern ausbrüten lassen, doch dann müssten wir die Altvögel nur mit Fisch füttern», sagt der Tüftler, der mit der Haltung und Zucht der Papageitaucher Pionierarbeit leistet. Altvögel fangen Fische im Meer und bringen sie dann dem Jungen in die Höhle. «Sie legen sie vor dem Jungen ab und es frisst sie selbst.» Im Tierpark Bern werden die Papageitaucher allerdings mit Spezialpellets des deutschen Züchters gefüttert. In diesem Futter sind Mineralien, Vitamine und Nährstoffe enthalten, die auf die Vögel abgestimmt sind. Würden die Jungen nur mit Fisch gefüttert, würden sie als Ausgewachsene die Pellets nicht akzeptieren.

Abfallende Schnabelteile
Hansueli Blatter öffnet jetzt die Türe zu einem anderen, dunklen Raum. Wände und der Boden sind gefliest, auf Stelzen stehen Abteile mit Gitterboden. Und dort sind je zwei kleine Wollknäuel untergebracht – zwei junge Papageitaucher. «Wichtig ist, dass sie, wie in der Natur, einzeln gehalten werden. Zwei zusammen hätten Stress», sagt der Züchter. Wie in der Höhle ist es auch im Aufzuchtraum dunkel. Hansueli Blatter strahlt, greif ein Junges heraus und sagt: «Sie sind wie kleine Kinder: neugierig und verspielt.»
Er füttert sie mit eingeweichten Pellets von 6.45 Uhr bis 19.45 Uhr. «Im Alter von rund 40 Tagen springen sie aus dem Abteil auf den Boden», erzählt Blatter. Das ist der Moment, wo er das Jungtier in ein flaches Wasserabteil setzt. «Ich werfe es sogar ins Wasser, auch in der Natur würde es aus der Höhle ins Meer springen.» Sobald sich das Junge gut eingewöhnt hat und frisst, fängt Blatter aus der grossen Anlage einen Altvogel und setzt ihn zum Jungen in das Wasserabteil. Als er das noch nicht machte, war es sehr deprimierend: Immer wenn Blatter die selbstständigen Jungen auf die grosse Anlage zu den anderen setzte, erkrankten sie an Aspergillose, einer Pilzerkrankung der Atemwege, und verstarben. «Bis ich merkte, dass sich die Aspergillose ausbreitete, weil die Jungen zu grossen Stress hatten, sich mit ihren Kumpanen zurechtzufinden.» Wenn er vorher einen Altvogel zu den Jungen geselle, klappe die Integration in der Anlage ohne Probleme.
«Um ihre Bruthöhle herum tolerieren Papageitaucher keine Angeber.»
Hansueli Blatter, Revierleiter Tierpark Bern
Doch so schön wie ihre Eltern sehen sie noch nicht aus, der Schnabel ist mattfarben. «Auch der Schnabel der Eltern ist ausserhalb der Brutzeit unscheinbar», relativiert Hansueli Blatter. Die farbigen Teile würden abfallen. «Was zurückbleibt, sieht unspektakulär aus. Damit die Papageitaucher aber im nächsten Frühling wieder mit leuchtenden Schnäbeln in der Anlage schwimmen und auf den Felsen watscheln, füttert Hansueli Blatter Garnelenköpfe. «Darin ist ein roter Farbstoff enthalten.» Und so ähneln die sympathischen Wichte auch im nächsten Frühling wieder Globi, der zu neuen Abenteuern aufbricht.
Steckbrief
Wissenschaftlicher Name:Fratercula arcticaEnglischer Name: Puffin Familie und Gattung: Alkenvögel, Lunde Ernährung: Fisch, Krustentiere Gefährdung: Der europäische Bestand wird von Birdlife International mit bis zu 7 Millionen angegeben. Allerdings ist er seit einigen Jahren rückläufig, was möglicherweise mit geringeren Fischvorkommen zu tun hat.

