Während die talentierten Kanarienvögel lediglich anfangen zu singen und so manch ein sonst eher stoisches Rind Menschen oder Gegenstände anstupst, geht es woanders während der Pubertät weitaus gefährlicher zu. Zum Beispiel im Pazifik nahe San Francisco. Dort liegt das sogenannte Dreieck des Todes, ein Küstenbereich voller Weisser Haie, Riesenwellen und Bodenströmungen. Mittendrin lebt eine Gruppe von Seeottern, die sich eigentlich der Gefahr bewusst sein sollte.
Bei den männlichen Heranwachsenden scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. Todesmutig paddeln immer wieder Exemplare hinaus in diese Gefahrenzone und kehren häufig nicht zurück. Ähnlich verhält es sich in Ostafrika. Dort leben pubertierende Thomson-Gazellen genauso leichtsinnig wie die Otter und haben ein mehr als zehnmal so hohes Risiko, von einem Geparden gerissen zu werden, wie ihre erwachsenen Artgenossen. Warum? Statt zu flüchten, wenn ein hungriges Raubtier auftaucht, laufen die jugendlichen Draufgänger oft einfach drauf zu.
Typische Pubertiere
Junge Elefantenbullen ticken ähnlich wie die Gazellen. Sie bilden Gangs, testen Grenzen aus, stellen die Hierarchien infrage und kommen, vor allem wenn ihnen langweilig ist, auf dumme Ideen. Rüpelhaft stossen sie dann Dinge um und trampeln wild um sich. Typische Pubertiere eben. Ein Verhalten, das die ganze Herde in Unruhe versetzt.
Und selbst die sonst so niedlichen Kaninchen fangen an sich merkwürdig zu benehmen, sobald der Drang zur Paarung aufkommt. Kann er nicht gestillt werden, weil zum Beispiel keine Artgenossen in Reichweite sind, versuchen sie ihr Glück mit anderen Dingen wie Teddys oder Kissen. Manche kreisen sogar um die Füsse ihrer Halter und machen dabei summende Geräusche.
Dem besten Freund des Menschen ist dieses Benehmen ebenfalls nicht fremd. Wie alle anderen Pubertiere wird auch der Hund aufmüpfig und übermütig. Vor allem Rüden suchen Stress mit Artgenossen, vergessen plötzlich die einfachsten Kommandos oder zerren an der Leine. Sie hören auf, auf allen vieren zu pinkeln, heben stattdessen ein Hinterbein und setzen fortan Duftmarken, um Befindlichkeit und Paarungsbereitschaft mitzuteilen. Apropos Paarungsbereitschaft: Wie ein Karnickel reitet der Rüde nun auf allem herum, was ihm vor die Linse kommt – peinlich vor allem, wenn Besuch kommt und er sich an dessen Bein zu schaffen macht.

Da die Lebensspannen der Arten stark variieren, kann diese wilde Zeit entweder nur ein paar Tage dauern wie bei der Taufliege, deren Leben wenige Monate währt, oder bis zu 150 Jahre wie beim Grönlandhai, der von allen Wirbeltieren mit bis zu 400 Jahren am ältesten wird. Bei Kanarienvögeln setzt die Pubertät mit 30 Tagen ein, bei Kaninchen mit drei Monaten, bei Hunden ab einem halben Jahr, bei kalifornischen Seeottern und Thomson-Gazellen mit einem Dreivierteljahr, bei Rindern mit elf Monaten, und bei Elefanten kann bis dahin eine ganze Dekade vergehen.
Allen gemein ist jedoch eines: Sie sind in dieser Phase von Leichtsinn, Übermut und Impulsivität geprägt. Während dieses Übergangs von der Kindheit ins Erwachsenenalter durchläuft der Körper viele physische und emotionale Veränderungen, im Kopf herrscht ein regelrechtes Chaos. Neuronale Verbindungen im Gehirn veränderten sich, damit die Individuen später planvoll handeln könnten, heisst es in einer 2019 publizierten amerikanischen Studie.
Und manche Tiere kommen sogar in den Stimmbruch. Der Warnpfiff von Murmeltieren beginnt etwa erst nach einem Jahr, dem ihrer Eltern zu gleichen. Und aus dem hohen, scharfen «Kikeriki» der jungen Hähne wird erst nach und nach das tiefe, runde «Kükerükl» des fertigen Gockels. Viele Biologen sprechen übrigens von der Adoleszenz; Pubertät steht für den Moment der Geschlechtsreife und ist nur ein Teil dessen.
In freier Wildbahn würden die Tiere nun flügge werden. Denn der jugendliche Leichtsinn dient dem Sammeln von Erfahrungen, er bereitet auf das Erwachsenenleben vor und gibt den Jungspunden den Mut, die Welt ausserhalb ihrer Kinderstube zu entdecken. Das einschiessende Testosteron setzt im Hirn die Angstschwelle herab, die jungen Männchen riskieren mehr und machen mehr Fehler, aus denen sie lernen.
Mit etwas Glück sind sie am Ende dieser Phase nicht nur sichere, eigenständige Erwachsene, sondern sind auch dabei, ihr eigenes Leben aufzubauen.
Männliche Rivalität
Um das zu bewerkstelligen, kommen sie um eines nicht herum: das Flirten. Und das will gelernt sein. Denn obwohl geschlechtsreif, heisst das nicht, dass sie auch bereit sind. Albatrosse üben zum Beispiel erst jahrelang kunstvolle Balztänze ein, um eine Partnerin zu beeindrucken, und jugendliche Wale studieren engagiert das Repertoire ihrer Gesänge ein.
Interessant zu beobachten ist, dass es häufig die Männchen sind, die todesmutig auf ihre Feinde losstürzen oder sich mit lautem Getöse behaupten wollen. Aber warum ist das so? Ist die Adoleszenz beim vermeintlich starken Geschlecht intensiver? Die Zoologin und Verhaltenstherapeutin für Hunde Sonja Doll Hadorn aus Winterthur beantwortet diese Frage mit einem klaren «Jein».
«Das Testosteron weckt beim Jungrüden nicht nur das Interesse am weiblichen Geschlecht, sondern führt auch zu Neugierde und Abenteuerlust, einhergehend mit einer erhöhten Risikobereitschaft. Die wachsende Erregungssuche hat ihren Gegenpol in einem sinkenden Bedürfnis nach Sicherheit,» fügt sie in Bezug auf Hunde hinzu. Dazu kommt, dass der Jungrüde aufgrund seines gesteigerten Testosteronspiegels nun auch von anderen Rüden als Rivale wahrgenommen wird.
«Vorbei ist es mit der Narrenfreiheit der Kindertage – der Jungrüde macht neue Erfahrungen und muss neue Konfliktlösestrategien lernen», so Doll Hadorn weiter. Im heutigen stark reglementierten Umgang mit Hunden sieht die Fachfrau hier ein grosses Problem, denn diese wichtige zweite Phase der Sozialisierung, zu der Auseinandersetzungen mit männlichen Artgenossen gehören, werde enorm erschwert.

Weibliche Konkurrenz
Und was ist mit halbwüchsigen Weibchen? «Sie haben den aufdringlichen Annäherungsversuchen von gestandenen Rüden meist wenig entgegenzusetzen und machen in ihrer ersten Läufigkeit die Erfahrung, dass andere Hündinnen ihnen gegenüber einschüchternd auftreten», sagt Doll Hadorn. Die Ethologin erklärt Letzteres mit der parentalen Investition, einem Begriff aus der Evolutionsbiologie. Dieser beschreibt den Aufwand, den die Eltern in ihre Nachkommen stecken, damit viele das fortpflanzungsfähige Alter erreichen und ihre Gene weitergeben. Im Klartext: Zwischengeschlechtsreifen Weibchen kann ebenfalls eine Konkurrenz eintreten, da jede für sich das Vorrecht der Fortpflanzung beansprucht.
Die Folge im Fall von Haushunden? Die rang-höchste Hündin kann die adoleszente Artgenossin als Konkurrentin empfinden und sie sozial unterdrücken. Dies kann die junge Hündin so sehr stressen, dass ihre Fortpflanzungsfähigkeit gehemmt wird. Man spricht dann von einer psychischen Kastration. «Bei unterdrückten Hündinnen kann sich die erste Läufigkeit hinauszögern. Es kann auch vorkommen, dass sie trotz Kopulation nicht aufnehmen oder eine Fehlgeburterleiden», sagt die Expertin.
In freier Wildbahn wird mit Konkurrentinnen übrigens kurzer Prozess gemacht. Schon vor der Paarungszeit tritt die Mutterwölfin gegenüber geschlechtsreifen Genossinnen aggressiv auf, verstösst sie aus dem Rudel oder bringt sie gleich um. Nur wer sich unterwürfig verhält, darf eventuell bleiben und bei der Jungenaufzucht helfen. Und das aus gutem Grund, denn die Sterblichkeitsrate unter Jungwölfen ist hoch, und anders als der Hund hat sie keinen Menschen, der ihr bei Trächtigkeit und Aufzucht hilft. Sie muss sich alleine durchkämpfen.

