Interview zu Geier in der Schweiz
Livio Rey, fressen Geier wirklich lebende Nutztiere?
Geier haben vielerorts einen schlechten Ruf. Immer noch halten sich hartnäckige Gerüchte. Dabei jagen Geier nicht, sondern können als «Aufräumer» eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen, sagt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach.
Zur PersonLivio Rey hat Naturschutzbiologie an der Universität Bern studiert und ist Pressesprecher an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.
Herr Rey, wie steht es um die Geier in der Schweiz?
Tatsächlich brütet bei uns nur eine Geierart, der Bartgeier, und das auch erst seit 2007. Er wird seit 1986 wieder in den Alpen angesiedelt, davor war er bei uns ausgerottet. Im Sommer treten in der Schweiz in den letzten Jahren vermehrt auch Gänsegeier und vereinzelte Mönchsgeier auf. Im benachbarten Frankreich werden sie seit einigen Jahren im Zentralmassiv wieder angesiedelt. Insbesondere Jungvögel unternehmen im Sommer weite Wanderungen und gelangen dann auch bis zu uns.
Wie kommt es, dass Geier hierzulande immer noch recht «exotisch» wirken?
An den Bartgeier haben sich die meisten Leute schon gewöhnt, aber das Auftreten der Gänsegeier ist vielen immer noch nicht so bewusst. Auch er war in weiten Teilen Europas ausgerottet, insbesondere durch den Einsatz von Giftködern gegen Grossraubtiere. Mittlerweile brüten in ganz Frankreich wieder mehr als 3000 Paare. Seit 2012 und vor allem seit 2018 nehmen auch bei uns die Beobachtungen zu, also seit relativ kurzer Zeit.
Warum haben Geier so einen schlechten Ruf?
Als Aasfresser werden Geier bei uns mit Tod und Krankheiten in Verbindung gebracht. Dieses Bild wird verstärkt in Medien wie Filmen und Comics, wo Geier meist ein schlechtes Zeichen sind. Der Bartgeier wurde in den Alpen ausgerottet, weil man glaubte, er sei für Lämmer oder sogar Kinder gefährlich. Dabei sind Geier Aasfresser, der Bartgeier hauptsächlich ein Knochenfresser. Und sie können als natürliche Gesundheitspolizei eine wichtige Rolle im Ökosystem und bei der Verhinderung von Krankheitsausbrüchen spielen.
Finden Geier in der Schweiz genügend Aas?
Der Gänsegeier ernährt sich vor allem von Kadavern grosser Huftiere wie Steinbock, Gämse, Rothirsch, Reh, aber auch von Nutztieren wie Kuh und Schaf. Durch den hohen Wildbestand und durch Abgänge im steilen Gelände, auch von Nutztieren, findet er genügend Nahrung. Geier haben viele Anpassungen, die sie zu perfekten Kadaververwertern machen: Sie können durch die Thermik grosse Distanzen im Segelflug zurücklegen, ohne dabei viel Energie zu verbrauchen. Nachgewiesen sind Distanzen von mehreren Hundert Kilometern am Tag. Wenn sie dann einen Kadaver gefunden haben, fressen sie sich so voll wie möglich. Der Gänsegeier zum Beispiel legt grosse Fettdepots an und kann so mehrere Tage oder sogar Wochen ohne Nahrung auskommen.
Was ist an den Gerüchten dran, dass Geier lebende Nutztiere fressen?
Solche Vorfälle sind äusserst selten und betreffen nie gesunde Tiere, die sich wehren können. In Frankreich gab es eine grossangelegte Studie, die 182 Meldungen von vermeintlichen Gänsegeierangriffen auf Nutztiere untersucht hat. Lediglich in 15 Fällen konnte bestätigt werden, dass die Gänsegeier an noch lebenden Nutztieren gefressen haben, und in allen Fällen waren diese betroffenen Tiere unfähig zu gehen. Jagd auf gesunde Tiere machen Geier nicht. Als Aasfresser räumen sie auf und können somit die Ausbreitung von Krankheiten verhindern.
Welche Rolle spielt die Schweiz im Schutz der europäischen Geier?
Die Schweiz ist für den Alpenbestand des Bartgeiers äusserst wichtig. Um ihn zu unterstützen, sollten Gefahren wie Vergiftungen, illegale Abschüsse, Kollisionen mit Leitungen sowie Störungen am Brutplatz durch Klettern, Gleitschirmfliegen, Drohnen etc. reduziert werden. Nicht zuletzt braucht es immer noch Aufklärungsarbeit darüber, dass Geier keine Gefahr für Menschen, Heim- und Nutztiere darstellen.
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren