Zufall oder nicht?
Wie Ernährung das Geschlecht von Vögeln bestimmt – Erkenntnisse aus Qatar
Ist es Zufall, ob in einem Vogelgelege Männchen oder Weibchen schlüpfen? Lange wurde dies so angenommen. Forschungen in der Vogelzucht zeigen nun, dass es Faktoren gibt, die das Geschlecht beeinflussen.
Als Dr. Cromwell Purchase 2013 den Posten als Direktor der Al Wabra Wildlife Preservation im Wüstenstaat Qatar antrat, sah er sich mit einer schwierigen Situation konfrontiert. Er hatte dort die in der Natur ausgestorbenen Spix-Aras und die vom Aussterben bedrohten Lear-Aras in seiner Pflege, beides brasilianische Arten. Seine Aufgabe: Die Arten züchten, um sie wieder in die Natur zu integrieren. Wie aber konnte dies bei einem unausgewogenen Geschlechterverhältnis gelingen? Es tummelten sich von beiden Arten weitaus mehr Weibchen in den Volieren als Männchen. Die Al Wabra Zuchtstation lag bei Al Shahaniya, etwa eine gute Autostunde von der Hauptstadt Doha entfernt und gehörte Scheich Saud bin Mohammed bin Ali Al Thani, einem Mitglied der katarischen Königsfamilie. Der Scheich ist zwischenzeitlich verstorben und die Zuchtanlage existiert heute nicht mehr.
Dass es mehr Weibchen als Männchen von beiden bedrohten Araarten gab, wurde als unglücklicher Zufall gesehen. Cromwell Purchase sah dies anders. Der Biochemiker sagt: «Vogelweibchen in guter Verfassung bringen eher männliche Nachkommen hervor.» Er untermauert seine Theorie mit der Begründung, dass ein Männchen, das in Top-Form ist, bessere Chancen hat, sich fortzupflanzen und damit seine Gene von einer Generation an die nächste weiterzugeben. «Umgekehrt besagt die Hypothese, dass ein Weibchen in schlechtem Zustand tendenziell mehr weibliche Nachkommen hervorbringt», sagt der Südafrikaner. Minderwertige Männchen hätten weniger Möglichkeiten, sich fortzupflanzen als durchschnittlich gute Weibchen. «Darum ist es für solche Mütter von Vorteil, Weibchen zu produzieren.»
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Nach einigen Jahren erhärtete sich die Theorie in der Zuchtstation auf der arabischen Halbinsel. Cromwell Purchase begann sofort damit, die Ernährung der Vögel umzustellen und genau zu dosieren. Er liess den Tieren auf sie abgestimmte Portionen an Früchten, Gemüse, Sämereien oder Pellets vorsetzen. «Eine Ernährung nach Gefühl führt schnell zu einer Überfütterung», sagt er. Zudem sorgte er für bessere Haltungsbedingungen. So wurden in jeder Voliere Sprinkleranlagen installiert. Dadurch konnte die Luftfeuchtigkeit erhöht werden. Weiter wurden kleinere gesundheitliche Probleme bei den Vögeln behoben.
Bereits ein Jahr nach diesen Massnahmen war das Geschlechterverhältnis bei den Nachzuchtvögeln ausgeglichen. Als der Fettgehalt im Futter leicht erhöht wurde, schlüpften 75 Prozent Männchen und 25 Prozent Weibchen. Diese Erfahrung untermauert die Hypothese, dass das Geschlecht bei Vögeln beeinflussbar ist.
Dr. Cromwell Purchase war so erfolgreich mit seiner Methode, dass er heute im brasilianischen Bundesstaat Bahia im Spix-Ara-Auswilderungsprojekt tätig ist und den stahlblauen Kleinara wieder in die Natur integrieren konnte. Neuere Erkenntnisse zeigen zudem, dass in der Vogelwelt auch Stress, Umwelt- und Sozialfaktoren die Geschlechter beim Nachwuchs beeinflussen.
Weibchen passen Geschlecht an
Das Geschlecht beim Vogelembryo manifestiere sich in den ersten sieben Tagen nach Bebrütung des Eis. Im Gegensatz zu Säugetieren bestimmten bei Vögeln die Weibchen das Geschlecht der Nachkommen, dies aufgrund der Verteilung der Geschlechtschromosomen. Das schreibt Dr. Franz Stäb 2025 im Heft der World Pheasant Association (WPA), Sektion BRD, im Beitrag «Neues aus ornithologischer Forschung und Wissenschaft». Ergebnisse aus der Zucht, wie sie sich bei den Spix- und Lear-Aras in Qatar ergeben haben, führen zur Vermutung, dass Weibchen vieler Vogelarten in der Lage sind, das Geschlecht ihrer Nachkommen auch je nach Situation und im Zusammenhang mit ihrem eigenen Zustand anpassen zu können. Im Gegensatz zu den Reptilien hat bei den meisten Vogelarten die Bruttemperatur keinen Einfluss auf das Geschlecht der Nachkommen. Vogeleltern bebrüten – mit Ausnahme der Grossfusshühner – ihre Eier bei einer konstanten Körpertemperatur zwischen 36,5 bis 38 °C. Zudem wenden sie die Eier regelmässig. Bei Reptilien und Grossfusshühnern werden die Eier ohne Zutun der Eltern im Sand durch Wärme der Sonnenstrahlen ausgebrütet. Je nach Schwäche oder Intensität der Wärme schlüpfen mehr Männchen oder mehr Weibchen.
Erfahrungen aus der Praxis beweisen, dass positive Umwelteinflüsse, eine ausgewogene Ernährung und ein guter Allgemeinzustand der Weibchen zu einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis führen.
Der Einfluss von Stress
Vögel werden seit vielen Jahrhunderten gehalten. Deshalb gibt es zahlreiche Erkenntnisse und Erfahrungen, die dokumentiert sind. Allgemein bekannt ist, dass falsche Ernährung die Gesundheit und damit auch die Brutaktivität von Vögeln einschränkt. Einerseits kann mickrige, vitaminarme Ernährung zu Misserfolgen in der Zucht führen. Viel häufiger geschieht es aber, dass die Halterin oder der Halter es zu gut meint, und die Vögel mit einem Überangebot, respektive mit zu grossen Futtermengen versorgt. Gerade bei Papageien wirkt sich ihre Vorliebe für Sonnenblumenkerne negativ aus. Sie picken aus dem Körnerfutter, was sie mögen. Das sind in erster Linie fetthaltige Sonnenblumenkerne. Diese sind sehr gesund für gefiederte Freunde, doch im Übermass führen sie bei vielen Arten zur Verfettung. Im ersten Moment kann eine Überversorgung mit Proteinen dazu führen, dass mehr Männchen schlüpfen. Bei mangelhafter Ernährung können mehr Weibchen entstehen. Wird während Jahren zu kalorienreich gefüttert, verfetten die Tiere, was sich in unbefruchteten Gelegen ausdrückt.
Die Aufzucht weiblicher Jungvögel scheint für die Elterntiere weniger aufwändig und zehrend zu sein als die Aufzucht von männlichen Nachkommen, die meist eine grössere Körpermasse haben und oft auch ein aufwändiges Federkleid aufweisen. Zudem bewegen sie sich in der Aufzuchtphase mehr.
Nicht zu unterschätzen sind Stressfaktoren im Leben der Vögel, die sich auf das Geschlechterverhältnis auswirken können. Dies ist unter anderem durch eine Freilandforschung dokumentiert. Für den Schwalbensittich im tasmanischen Brutgebiet ist der ausgesetzte Kurzkopfgleitbeutler zum Problem geworden. Er klettert in die Nisthöhlen, beisst die Kröpfe der Jungen an und saugt den süsslichen Inhalt aus. Dieser Stress hat dazu geführt, dass Weibchen potenziell mehr Weibchen aufziehen. Auf die Vogelhaltung bezogen kann das heissen, dass häufige Nestkontrollen, Stress in der Gruppenhaltung oder Stress aufgrund ungünstiger Paarzusammenstellungen zum gleichen Effekt führen können.
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