Ort der Begegnung
Auf dem Ethikhof in Allschwil schliessen Tiere und Kinder Freundschaft
Schweine, Ponys und viele weitere Tiere finden auf dem «Ethikhof für Tiere in Not» ein sicheres Zuhause frei von Leid. Sie alle sind Botschafter und Lehrmeister für die Kinder, die hier unter der Leitung von Christine Rüedi Achtsamkeit, Fürsorge und Mitgefühl erlernen.
Verborgen am Ende einer Einfahrt in Allschwil, nur wenige hundert Meter von der Grenze zu Basel entfernt, liegt ein kleiner Hof angrenzend an die Natur. Von Weitem erklingt das Krähen eines Hahns, ein entferntes Grunzen und das langgezogene Iah eines Esels. Die Geräusche verraten, dass hier sogenannte Nutztiere leben. Allerdings werden die Tiere keinem Nutzen mehr unterzogen, sondern sind wertgeschätzte und umsorgte Individuen, jedes von ihnen mit einem eigenen Charakter. Der Ethikhof für Tiere in Not ist kein Bauernhof im klassischen Sinn, sondern ein Lebenshof, auf dem Tiere eine zweite Chance im Leben erhalten.
Christine Rüedi, Gründerin der Stiftung Mensch und Tier und Leiterin des Ethikhofes, ist mit den Tieren eng verbunden. Sie zeigt auf Petit-Prince, den kleinen Esel, der Besucher am Eingang lautstark in Empfang nimmt, und erzählt in ihrer sanften Stimme seine Geschichte. «Petit-Prince war nur 10 Tage alt, als er zu uns auf den Hof kam. Winzig klein war er.» Das Fohlen war vom Besitzer unerwünscht, da es nach der Geburt kurzzeitlich an gesundheitlichen Problemen litt. Die erste Zeit schlief Rüedi mit ihm im Stall und wurde zu seiner Ersatzmutter. Nicht nur Petit-Prince, auch alle anderen Tiere, die hier einen Platz gefunden haben, stammen aus Tierschutzfällen, wurden vor einem Ende im Schlachthaus gerettet, von ihren Besitzern ausgesetzt oder waren ungewollt. Aktuell leben etwa 100 Tiere auf dem Ethikhof und in einem in Frankreich liegendem Hof mit weitläufigen Weiden.
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Ein Leben für die Tiere
Seit 20 Jahren schläft Christine Rüedi jede Nacht auf dem Hof. «Ich habe mir immer gesagt, wo Tiere gehalten werden, müssen auch während der Nacht Menschen sein.» Die Tierschützerin hat ihr Leben den Tieren verschrieben. «Schon mit vier Jahren habe ich das Essen von Fleisch abgelehnt, doch von Seiten des Arztes kam die Anweisung, dass ich es essen muss.» Nachdem sie jedoch das Stück Fleisch vor sich betrachtete und ihr von den Eltern auf ihre Fragen hin erklärt wurde, dass es sich um ein totes Tier handelt, stiess sie den Teller von sich und verweigert seitdem konsequent den Fleischkonsum. «Dass Tiere getötet werden, habe ich nie akzeptiert. Ich möchte Qualen und Leid vermeiden und lebe deshalb inzwischen vegan.»
Rüedis Biografie ist spannend, Tiere stehen in jeder Etappe ihres Lebens im Mittelpunkt. Kurz nachdem die junge Frau das Lehrerseminar abgeschlossen hatte, wurde sie auf einen Mann in Allschwil aufmerksam gemacht, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Hunde zu Gehilfen von blinden Menschen auszubilden. Dabei handelte es sich um Walter Rupp, mit dem zusammen Christine Rüedi die Blindenhundeschule und die Labradorzucht in Allschwil gemeinsam aufbaute. «Wenn ich die Welpen in den Patenfamilien besucht habe, war ich oft sehr früh unterwegs», erzählt die ehemalige Lehrerin. «Dabei bin ich jeweils den Lastwagen, die Schweine und Kälbchen zum Schlachthaus transportiert haben, begegnet. Und wenn man dem Blick eines solchen Wesens begegnet, dann denkt man immer wieder an das Tier und was ihm wohl gerade Schlimmes zustösst. Das war der Beginn des Ethikhofes.»
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Auf dem Ethikhof für Tiere in Not indes müssen die hier lebenden Tiere kein Leid mehr erfahren. Liebevoll kümmert sich ein Team von vier Tierpflegenden um die blökenden, miauenden, bellenden, gackernden und grunzenden Bewohner des Hofes und unterhält mit viel Engagement die gepflegten Stallungen.
Täglich geniessen einige der Tiere einen Spaziergang in den um die Ecke gelegenen Allschwiler Wald, denn dass es den Tieren gut geht, ist der Stiftungsgründerin und dem Team wichtig. Dazu halftern die Tierpfleger Cédric Kaufmann und Hasan Pak den Esel Petit-Prince und seine zwei Eselkumpanen. Bereits sein 20-jähriges Jubiläum feiert Pak auf dem Ethikhof und hat ein spürbares Händchen für die Tiere. Das mag daran liegen, dass er in einem jungen Alter von nur 10 Jahren in den Bergen seiner türkischen Heimat allein die Ziegen- und Stierherden der Eltern betreute. Souverän führt er den im Verhalten nicht immer einfachen Petit-Prince, der, seinem Namen alle Ehremachend, stolz vorausläuft. «Die Mitarbeiter sind ein ebenso wichtiger Teil des Ethikhofes, denn sie leben die hier wichtigen Werte vor», erklärt Rüedi, die den Spaziergang der Truppe begleitet.
Ein Friedensprojekt
Christine Rüedi hat ein grosses Herz für jedes Lebewesen. Diese Liebe zu allem Lebendigen möchte sie auch an Kinder weitervermitteln und gründete dazu 1999 die «Ethikschule Kind und Tier». In dem viertägigen Kurs «Naturverständnis und Gewaltprävention» werden Kinder im Vorschul- und Schulalter für ihre Mitwelt und die sich darin befindlichen Lebewesen sensibilisiert. «Die Ethikschule ist ein Friedensprojekt», erklärt Rüedi. «Ein Ort, an dem Achtsamkeit, Mitgefühl und Fürsorge gelebt und gelehrt werden.» Auch der respektvolle Umgang, ob mit Mensch, Tier oder Pflanze, ist für die Tierschützerin wichtig. Das beginnt für die Kinder schon beim Eintreten auf den Hof. «Als Erstes begrüssen wir das Lebewesen, das wir zuerst sehen», erzählt die Kursleiterin. «Das kann eine Rose sein oder eine Wespe.» Oder auch die Trauerweide, die den Weg zum Ethikhof ziert und ihre nun im Februar noch kahlen Äste gen Boden baumeln lässt. «Ohne Wertung begegnen wir hier liebevoll allem Lebendigem», führt Rüedi aus. «Ein solches Verhalten ist für Kinder lernbar und, davon bin ich überzeugt, der einzige Weg, wie wir Glück und Frieden finden und dabei unsere Erde als lebenswerten Ort für uns und die weiteren Generationen erhalten können.»
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Der Kurs richtet sich mittlerweile hauptsächlich an Schulklassen. «Am Anfang kamen vor allem Eltern mit ihren Kindern, die alle Vorzüge im Leben haben», erzählt Rüedi über die Anfänge der Ethikschule. «Doch es gibt Kinder, die haben weniger Möglichkeiten. Kinder aus ärmeren Verhältnissen beispielsweise. Darum ist es meiner Meinung nach wichtig, Schulklassen zu unterrichten, damit alle Kinder Zugang erhalten.» Die Schülerinnen und Schüler nehmen kostenfrei an den Kursen teil, der Ethikhof und die Ethikschule finanzieren sich rein über Spenden, Tierpatenschaften und Legate. Die finanziell schwierigen Zeiten machen allerdings vielen spenden basierten Stiftungen zu schaffen, so auch dem Ethikhof.
Kinder sind einzigartig
Das Angebot der Ethikschule kommt gut an, bei Kindern wie bei den Lehrkräften. Weit im Voraus sind die Kurse bereits ausgebucht. Lachend erzählt Rüedi, dass viele der Kinder am liebsten immer hier zur Schule gehen würden. «24 000 Kinder waren in den letzten 20 Jahren bei uns auf dem Ethikhof.»
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Schon den Kleinsten beizubringen, dass jeder Mensch einzigartig ist, ist der Kursleiterin wichtig. «Mir ist es ein grosses Anliegen, dass wir uns gegenseitig Raum geben und respektieren. Mobbing lässt sich zum grössten Teil eliminieren, wenn wir uns so akzeptieren, wie wir sind. Und in unserer Unterschiedlichkeit die Genialität des anderen erkennen», sagt Rüedi, während sie Angel streichelt, das kleine Shetlandpony mit der Gehbehinderung. Das Pferd im Miniaturformat lehrt den Kindern, wie man mit Handicaps umgeht und wie man Führung übernimmt. Entmutigt, dass sie nicht alle Tiere retten kann, ist Christine Rüedi indes nicht. «Hoffnungslosigkeit darf keinen Raum kriegen. Denn damit verschwende ich meine Energie an etwas, das ich nur bedingt ändern kann. Das heisst aber nicht, dass man aufgeben oder resignieren soll», sagt die Tierschützerin mit einem Leuchten in den Augen und fährt sanft mit ihrer Hand über den Nasenrücken des neugierig über die Stalltür blickenden Ponys.
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