Ein Moment der Unachtsamkeit kann genügen: Ein Hund rennt auf die Strasse, ein Velofahrer stürzt und schon ist der Schaden da. In solchen Fällen ist klar: Der Halter haftet. Doch wer zahlt, wenn es teuer wird? In der Schweiz ist die Haftpflichtversicherung für Hunde kantonal unterschiedlich geregelt. In mehreren Kantonen, darunter Zürich und Genf, ist eine Haftpflichtversicherung für alle Hundehalterinnen und -halter obligatorisch. Im Kanton Zürich muss die Police eine Deckungssumme von mindestens einer Million Franken aufweisen. Andere Kantone wie Bern oder Aargau schreiben eine Versicherungspflicht nur für bestimmte, als potenziell gefährlich eingestufte Hunde vor. In weiteren Kantonen bleibt der Abschluss freiwillig – eine Regelungslücke, die im Schadenfall zu Unsicherheiten führen kann. Gegner einer Versicherungspflicht argumentieren oft mit dem gesunden Menschenverstand: Wer einen Hund hält, trägt ohnehin Verantwortung und weiss, dass Schäden gedeckt sein sollten. Eine staatliche Pflicht sei überflüssig und bevormundend. Zudem seien schwere Zwischenfälle selten und die meisten Hundehalterinnen und -halter verhielten sich vorbildlich. Warum also alle unter Generalverdacht stellen? Doch die Realität ist komplexer. Hundehaltung ist vielfältiger geworden. Neben erfahrenen Haltern gibt es viele Ersthunde-Besitzerinnen, die sich der rechtlichen Folgen eines Unfalls kaum bewusst sind. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, ein unvorhersehbares Verhalten des Tiers – und der finanzielle Schaden kann rasch in die Zehntausende gehen. Besonders heikel wird es, wenn die betroffene Familie keine Haftpflichtversicherung besitzt oder der Hund nicht eingeschlossen ist. Dann bleiben Geschädigte auf den Kosten sitzen. Eine obligatorische Versicherung schafft hier Klarheit und Fairness. Sie schützt nicht nur das Opfer, sondern auch den Halter selbst. Wer seinen Vierbeiner liebt, sollte kein Problem damit haben, ihn abzusichern – ähnlich wie man es bei Autos oder Wohnungen tut. Eine Hundeversicherung kostet im Schnitt kaum mehr als ein Kinobesuch pro Monat. Dafür bietet sie Sicherheit, dass ein einmaliger Fehler nicht zur finanziellen Katastrophe wird. Hinzu kommt: Eine Versicherungspflicht signalisiert gesellschaftliche Verantwortung. Hunde gehören längst zum Alltag – über eine halbe Million leben in der Schweiz, Tendenz steigend. Eine einheitliche Regelung würde das Vertrauen zwischen Hundehaltern und der übrigen Bevölkerung stärken. Sie zeigt: Wir nehmen das Miteinander ernst und sorgen dafür, dass niemand für die Folgen fremden Tuns allein aufkommen muss.
Natürlich kann keine Versicherung Rücksichtslosigkeit verhindern. Entscheidend bleiben Erziehung, Rücksicht und Sachkunde. Doch eine Pflichtversicherung ist kein Ausdruck von Misstrauen, sondern von Weitsicht. Sie entlastet die Allgemeinheit, schafft Rechtssicherheit und schützt auch jene, die unverschuldet in einen Vorfall geraten. Wer Verantwortung für ein Lebewesen übernimmt, sollte auch bereit sein, voll für dessen Handeln einzustehen – rechtlich, moralisch und finanziell. Eine obligatorische Haftpflichtversicherung für Hunde wäre deshalb nicht nur gerechtfertigt, sie ist längst überfällig.
Yvonne Beck
Yvonne Beck ist Chefredaktorin der TierWelt. Ihr eigener Hund ist selbstverständlich haftpflichtversichert – aus Überzeugung, dass Verantwortung in der Tierhaltung auch rechtlich und finanziell abgesichert sein muss.

