Wer Geschichte studiert, geht für Seminar-, Bachelor- oder Masterarbeiten über das Altertum, das Mittelalter oder den Kalten Krieg in Bibliotheken und Archive, leiht sich Bücher und wissenschaftliche Artikel aus und sucht alte Quellen wie Briefe, Sitzungsprotokolle oder Berichte von Zeitzeugen. Studierende, die über die ländliche Gesellschaft und das bäuerliche Wirken der Zeit von 1800 bis ins 20. Jahrhundert schreiben wollten, hatten es lange ungleich schwerer: wenig Quellen und kaum Interesse der Professoren an den Themen.
Die Forschung über das Agrarische an Schweizer Universitäten beschränkte sich auf das Mittelalter und die frühe Neuzeit, wie der Berner Historiker Peter Moser erklärt. Man habe die Agrarfrage des 19. und 20. Jahrhunderts auf das Politische, die Interessenvertretung der Bauern reduziert. «Die Vielfalt des agrarischen Lebens wurde übersehen, ignoriert oder als historisch nicht relevant eingeschätzt», sagt Moser und zählt auf: Frauen, Kinder, Männer, Tiere, Pflanzen, Globalisierung.
Vielerorts herrschte Desinteresse
Das universitäre Desinteresse wirkte sich auf die Quellenlage aus. Zwar waren viele Akten der Bundesverwaltung im Bundesarchiv zugänglich. Um die Nach-lässe und Bestände von Personen und Institutionen aus dem Agrarsektor bemühten sich keine Archive. In die Bresche sprang Peter Moser, dessen Forschungsinteresse dieser Zeit gilt. Er selbst musste in den frühen 1990er-Jahren für sein Werk «Stand der Bauern» bei verschiedenen Firmen, Verbänden und Privatpersonen nach Unterlagen suchen.
Quellen privater Herkunft hatten ein grosses Potenzial, so Moser, aber es stellte sich die Frage, was mit diesen Papieren physisch passieren sollte. Die kontaktierten Institutionen hatten nicht die Absicht, mehr Dokumente aus dem Agrarbereich zu archivieren,sondern wollten ihre Sammeltätigkeit eher abbauen. Es sei unumgänglich gewesen, ein neues Archiv zu gründen, das sich speziell den Archivalien aus dem Agrarbereich widmete, sagt Moser.
1993 nahm das Projekt «Archiv für Agrargeschichte» (AfA) erste Formen an. Bald war klar, dass es sich nicht um ein eigenes begehbares Archiv handeln würde. Ohne Unterstützung der öffentlichen Hand hättensie sich die für die Unterbringung nötigen Einrichtungen gar nicht leisten können, erklärt Moser. Aber er wollte dieses Problem nicht beklagen, sondern lösen. «Deshalb haben wir das Konzept des virtuellen Archivs entwickelt.»

250 Archivbestände erschlossen
Moser und sein Team sichten die Inventare, bewerten diese und übergaben die Unterlagen bestehenden Institutionen zur Aufbewahrung. Partner sind alle wichtigen Archive im Land: das Bundesarchiv, die kantonalen Staatsarchive, das Gosteli-Archiv zur Frauenbewegung oder das Wirtschaftsarchiv. Einige grosse Organisationen behalten die Dokumente auch bei sich. Seit dem Start im Jahr 2002 erschloss das AfA etwa 250 Archivbestände. Sie stammen von Verbänden,Unternehmen, Behörden und einzelnen Personen – und es kommen laufend neue dazu.
Im vergangenen Jahr beispielsweise erfasste die Vereinigung integriert produzierender Bauern und Bäuerinnen, IP-Suisse, ihre Dokumente mit Hilfe des AfA und deponierte sie zur Langzeitaufbewahrung im Bundesarchiv, wo sich in Zukunft auch alle ihre elektronischen Unterlagen befinden werden. Manchmal,so Moser, kämen Organisationen auf sie zu, oft aber sprächen sie sie an.
«Wir haben eine Übersicht und substanzielle Informationen über rund 3000 Organisationen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Agrar- und Ernährungsbereich aktiv waren oder noch sind.» Dazu gehören auch 700 Zeitungen und Zeitschriften wie die TierWelt. Moser spricht von weit über 500 Verbänden, Firmen und Behörden, deren Archivalien das AfA in Zukunft zu erschliessen versuchen werde. Angaben zu ihnen sind auf der Website des AfA zu finden.
Der zentrale Punkt bei der Idee hinter dem AfA ist die Dokumenten-Recherche im Internet, dank der alle Interessierten Quellen suchen und die Orte finden können, an denen sie aufbewahrt werden. Sein Portal «histoirerurale.ch» ist denn auch eine wahre Fundgrube. So haben mehr als 35 Institutionen aus dem In- und Ausland Filme und Fotos zur Verfügung gestellt.
Zu finden sind Informationen zu über 4000 Filmen, 900 davon sind digitalisiert und direkt online zugänglich. Einblicke in die frühere Welt der Arbeitstiere bieten die 1500 Fotos von Kühen, Ochsen und Stieren, von Pferden, Maultieren und Eseln sowie von Hunden. Sie zeigen ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten im Gebirge, in der Stadt, in der Landwirtschaft oder bei der Post. Die Zusammenhänge und Netzwerke zwischen Institutionen und Personen sichtbar machen schliesslich die biografischen Skizzen von über 9000 Männern und Frauen.
Forschung zu Pionierinnen
Darunter auch jene von Mina Hofstetter, die Moser auf die Frage nach einer überraschenden Entdeckung erwähnt: Sie war die erste vegane Bäuerin und hatte darüber viel geschrieben. 1915 erwarb ihr Mann einen Hof am Greifensee. In den 1920er-Jahren übernahm sie den Hof, während ihr Man sich wieder seinem erlernten Beruf des Schreiners zuwandte. Mina Hofstetter, die nach einer schweren Krankheit Veganerin geworden war, setzte bis zu ihrem Tod 1967 auf viehlose Landwirtschaft und Rohkost.
Peter Moser arbeitet an Biografien solcher Wegbereiterinnen wie Hofstetter oder Margrit Häberli,einer Pionierin der Geflügelzucht in der Schweiz, oder Elizabeth Bobbet, einer Bäuerin in Irland, die einen Hof führte und von den 1930er- bis 1950er-Jahren eine der wichtigsten Verbandspolitikerinnen war. «Mich interessiert, weshalb Menschen sich so verhalten haben, wie und unter welchen Bedingungen sie es taten»,erklärt der Historiker.
Das AfA ist denn auch ein international tätiges Forschungsinstitut. «Zur Agrargeschichte machen wir das, was in anderen Ländern an Universitäten geschieht», formuliert es Moser. Dank der engeren Zusammenarbeit mit den Hochschulen habe sich aber auch in der Schweiz etwas geändert. So nutzen nicht nur Verwaltungsangestellte oder Medienschaffende das virtuelle Archiv, sondern auch Forscherinnen und Studenten, die hier für ihre Arbeiten vielfältiges Quellenmaterial finden.

