Der Ausruf elektrisiert: «Kraniche!» Hermann Dirks steht auf dem Aussichtsdeck der Excellence Coral und blickt gebannt in den abendlichen Himmel. «Wahnsinn, ein Kilometer Kraniche!», setzt der Ornithologe nach. Der Fachmann begleitet die Reise mit dem Flussschiff von Stralsund nach Berlin. Gerade schiebt sich die 82 Meter lange und neuneinhalb Meter breite Excellence Coral schier lautlos durch die schmale Fahrrinne des Barther Boddens an der Ostsee im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Dabei handelt es sich um eine Lagune, also um ein grösstenteils vom Meer abgetrenntes flaches und buchtartiges Gewässer.

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Es ist Abend, Ende September, Schweizer Reiseteilnehmerinnen und Reiseteilnehmer sind auf dem Rückweg per Schiff vom Tagesausflug nach Barth. Ein Pulk von Hunderten von Blässhühnern bringt das schieferfarbene Wasser zum Brodeln, als die Vögel alle gemeinsam über den wellenden Wasserspiegel flattern. Derweil am Himmel: Kraniche, so weit das Auge reicht. Es werden immer mehr. Manche fliegen in typischer V-Formation, andere scharenweise hintereinander. «Sie fliegen zu ihren Schlafplätzen», erklärt Hermann Dirks.

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Schon am zweiten Tag hält die Reise, was sie verspricht. Naturbegeisterte sind auf den Spuren des Kranichs, des Glücksvogels, und zwar per Schiff. Mit zwei Reisecars gelangten die Feriengäste von der Schweiz aus nach Stralsund an der Ostsee im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Gleich morgen stünden die Kraniche im Fokus, verriet Hermann Dirks am Vorabend nach dem Einchecken. Und tatsächlich, die emblematischen Vögel werden zu Beginn der Reise zu den Hauptakteuren.

«Dort drüben stehen sie im Wasser», kommentiert jetzt Hermann Dirks im Fahrwind des Schiffs, das Fernglas in die Weite nach Norden gerichtet. Immer mehr Kraniche fliegen ins seichte Meerwasser des Boddens. Dahinter Kiefern, Sand, Sumpfgras und ein Hirsch, der in den Abend schaut. Die Ostsee hinter dem flachen Landstreifen lässt sich erahnen. «Die Kraniche übernachten im Wasser stehend, denn da sind sie sicher vor Füchsen und Wildschweinen», erklärt Hermann Dirks. Kraniche sind sein Leben. Er sei bereits 1983 vom Kranichbazillus befallen worden, sagt der Naturfreund. Kraniche haben sein Leben geprägt und ihn mit vielen Leuten in Kontakt gebracht, etliche wurden seine Freunde. So wie Dr. Günter Nowald. Der Biologe ist Geschäftsführer des Kranichschutzes Deutschland. Die Reiseteilnehmer lernten ihn am Nachmittag kennen, als er beim Kranorama in der Nähe der Kleinstadt Barth mehr zum Leben der Kraniche erzählte.

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Das Kranorama ist ein idealer Beobachtungsort, um die charismatischen Vögel des Nordens während der Zugzeit zu beobachten. Aus dem mehrstöckigen Holzgebäude bieten sich fesselnde Blickwinkel auf Felder voller Kraniche und Graugänse. «Sie werden hier im Herbst mit Mais gefüttert», erzählt der kranichbegeisterte Wissenschaftler. Er erinnert sich an die Zeit, als ihn die Faszination für die Vögel packte: «Als junger Mann liebte ich die Wärme des Südens und blickte sehnsüchtig zu den Kranichen, die in Richtung von Spanien flogen.»

Kraniche brüten in Skandinavien, Mittel- und Osteuropa und ziehen im Winter auf die Iberische Halbinsel. Das war einst die Lehrmeinung. «Jahr für Jahr gewinnen wir mehr Erkenntnisse», sagt Günter Nowald. Er vermutet: «Kraniche brüteten wohl einst in weiten Teilen Europas. Vermutlich haben sie sich wegen Lebensraumzerstörungen immer mehr in Richtung Norden zurückgezogen.» Heute sei das aber anders. «Ich bin sicher, dass es in den nächsten zehn Jahren erste Kraniche geben wird, die auch in der Schweiz brüten.» Zwischenzeitlich gebe es Brutnachweise aus dem Bundesland Bayern. «Da ist der Weg in die Schweiz nicht mehr weit», mutmasst der Kranichfreund.

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Heimliche Brüter

Plötzlich kommt Dynamik in die Kranichschar auf dem Feld vor dem Kranorama. Laut trompetend fliegen Hunderte der Stelzvögel und Gänse auf. Die beiden Kranichexperten haben auch gleich den Grund für die unvermittelte Unruhe erkannt: «Ein Seeadler», sagen sie und zeigen auf einen grossen Vogel in der Ferne, der, ähnlich einem Brett in der Luft, am Himmel kreist. Er schlägt wie in Zeitlupe mit den Flügeln. Der Fischräuber hat es nicht auf die Gefiederten abgesehen. So kehrt bald wieder Ruhe ein. Experte Nowald erzählt jetzt mehr zum Kranichalltag: «Kraniche ernähren sich im Herbst zu einem grossen Teil von Getreide und Mais, das auf den Feldern liegen bleibt. Ihre Jungen im Frühling, die sie versteckt im hohen Gras aufziehen, picken Insekten.» Kraniche würden auch Mäuse und Amphibien fressen. Kaum jemand sehe die grossen Vögel noch, wenn sie brüten. Das Paar verhalte sich leise, aus dem hohen, gelb-grünen Gras schälten sich die langen, schwarz-grauen Hälse der Vögel kaum heraus. «Das Bodennest aus Schilf und Gräsern erstellen sie mit Vorzug auf Inseln und in sumpfigem Gelände. Das Kranichpaar möchte eine gute Rundsicht aus der Deckung heraus haben», erzählt Günter Nowald. Die Vögel näherten sich dem Nest meist durch das seichte Wasser stelzend. «Ist das Wasser um die Insel zu tief, schwimmen sie.»

Wenn es einen trockenen Frühling gebe, besetze das Paar zwar ein Territorium, brüte aber nicht. «2023 hatten wegen der Trockenheit 70 Prozent der Paare keine Junge», sagt Biologe Nowald. Beide Kranicheltern bebrüten die meist zwei Eier abwechselnd während 29 bis 31 Tagen. «Kranichpaare sind grundsätzlich lebenslange zusammen. Wenn es aber mit der Befruchtung nicht klappt, wechseln sie die Partner», sagt Nowald. Dank Beringungen ist mehr zum Leben von Kranichen bekannt.

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Dramatische Kreidefelsen auf Rügen

Zwischenzeitlich haben Kapitän André Harscher und seine Crew die Excellence Coral wieder im Hafen von Stralsund festgemacht. Die Nacht hat sich über das herbstliche Norddeutschland gelegt. Im fahlen Schimmer eines Kandelabers plustert eine Silbermöwe ihr Gefieder auf. Durch das dunkle Hafenwasser gleiten die geheimnisvollen Ohrenquallen.

Die Natur in Mecklenburg-Vorpommern sei besonders vielfältig und interessant, sagt der aus Westdeutschland stammende Hermann Dirks. Das zeigt sich auch anderntags beim Landausflug in den Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Im Norden der Insel bietet sich ein dramatisches Bild: markante Kreidefelsen an der Küste, wie Eis, das ins Meer ragt. 1818 hat der Künstler Caspar David Friedrich diese Szenerie gemalt. Sein bekanntes Bild «Kreidefelsen auf Rügen» befindet sich im Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten.

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Ein Segelschiff zieht in der schwärzlichen Ostsee, der Himmel verliert sich cremefarben, glänzend weiss leuchten die hohen Kreidefelsen. Auf der Abbruchkante gedeihen knorrige Buchen. Die Buche ist prägend im Nationalpark Jasmund. Bei den Kreidefelsen trifft die Vegetation auf das Meer, das je nach Wetterlage einmal blau leuchtet, dann wieder eine dunkle, schier unheimliche schieferfarbene, wogende Masse bildet.

Während der magische Ort im Norden Rügens ein Naturerlebnis sondergleichen bietet, sind die Seebäder auf der südöstlich liegenden Insel Usedom seit langer Zeit typische Ferienorte. In Heringsdorf weht der Wind den weissen Sand zu Dünen. Sand-Seggen bilden im Windschatten grüne Horste, Feriengäste kuscheln sich in ihre Strandkörbe. Rügen und Usedom sind durch Meeresarme und das Stettiner Haff von der Ostsee abgetrennt. Das Wasser eines Haffs ist brackig, denn es ist mit einem schmalen Einschnitt mit dem Meer verbunden, der grösste Teil ist durch Inseln von der Hohen See getrennt.

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Auf dem Amazonas des Nordens

Die Natur steht im Vordergrund der bequemen Reise mit der Excellence Coral. Während das Hotelzimmer immer mitreist, wechseln die Naturerlebnisse ständig. Die besuchten Biotope bieten stets neue Vogelarten. So wie am Anklamer Stadtbruch, einem grossen Sumpf- und Naturschutzgebiet. Dort fliegen Kiebitzschwärme aus der Feuchtwiese, Zwergtaucher und Bergenten schaukeln auf dem vom Wind aufgepeitschten Wasser, Alpenstrandläufer trippeln über das schlickige Ufer.

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Südlich des Stettiner Haffs, im Landesinnern, liegt der Galenbecker See, während der Zugzeit ein beliebter Übernachtungsort von Kranichen. Tausende verbringen im seichten Wasser des Sees die Nacht. Beim Eindunkeln fliegen sie ein. Auch dieses Spektakel lassen sich Hermann Dirks und die Schweizer Reisenden nicht entgehen. Bevor es eindunkelt trompetende Kraniche am See, frühmorgens dann eine Szenerie wie am Amazonas. Die Excellence Coral gleitet über die Peene, einen unverbauten Fluss, dessen Ufer Wurzeln, Bäume, Schilf und Seerosen prägen.

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6.30 Uhr, und auf dem Deck der Excellence Coral ist schon Hochbetrieb. Wolken von Staren stieben aus dem Schilf, ändern blitzschnell ihre Richtung. Erstes Glitzern der goldenen Sonne im Osten, Nebel über der endlos scheinenden Schilf- und Röhrichtebene. Nun erwachen auch die Bartmeisen, die im Pulk aus dem Schilf am Ufer aufsteigen.

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Die Silhouette eines Silberreihers löst sich von einem Baumstumpf. Der weisse, langhalsige Vogel fliegt auf und gleitet in Fahrtrichtung des Schiffs. Ein Seeadler versucht direkt vor dem Bug sein Glück – und hebt mit einem Fisch in den Fängen von der Wasserfläche ab.

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Nicht umsonst wird die Peene als der Amazonas des Nordens bezeichnet. Es handelt sich um eines der grössten Niedermoore Mitteleuropas. Der Fluss wird nur von wenigen Schiffen befahren, eines davon ist die Exellence Coral. Wenn sie durch das dunkle Wasser inmitten eines Erlenbruchs gleitet, fehlen nur noch gellende Papageien. Das Kreischen übernimmt der Graureiher, der mit heiserem Krächzen auffliegt. Und in der Ferne sind da wieder die Kraniche. Sie kehren von ihren Schlafplätzen auf die Felder zurück, bis die meisten von ihnen im Spätherbst mit melancholischem Rufen ganz abziehen mit Fernziel Spanien.

Diese Reportage wurde von der Familienreederei Excellence ermöglicht. 

KranichreisenExcellence ist eine Schweizer Familienreederei mit Sitz in Baden (AG), die unterschiedliche Themen-Schiffsreisen anbietet. Die Kranichreise per Schiff führt von Stralsund nach Barth und zurück, nach Wolgast, Anklam, den Fluss Peene aufwärts bis Jarmen und Demmin sowie zurück. Dann fährt das Schiff über das Stettiner Haff zur polnischen Stadt Stettin und über Niederfinow bis Berlin Alt-Tegel. Mit Schweizer Reisecars werden unterwegs Städte und besondere Naturstandorte besucht. Die Reiseteilnehmer werden von der Schweiz aus per Car bis zum Ausgangspunkt in Deutschland gefahren. Nächste Excellence-Reisen mit der Excellence Coral zu den Kranichzügen an der Ostsee mit Kranich-Experte Hermann Dirks:
24. September bis 2. Oktober 2024, Berlin–Stralsund
30. September bis 8. Oktober 2024, Stralsund–Berlin
excellence.ch

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