Steinadler
Selbst der Himmel hat Grenzen
Langsam und fast unbemerkt hat der scheue Steinadler seinen ehemaligen Lebensraum bis ins Mittelland zurückerobert. In den Schweizer Alpen leben heute so viele der majestätischen Greifvögel, dass die Revierkämpfe immer intensiver werden.
Auch der beste Feldstecher kommt an dieser zerklüfteten Felswand im Val Trupchun an sein Limit. Erst die stärkere Linse des Fernrohrs bringt einen orange-gelben Schnabel zum Vorschein. Er gehört einem zwei Monate alten Steinadler, der in seinem schattigen Horst sitzt und sich kaum bewegt. «Vielleicht hat er gerade gefressen», mutmasst David Jenny, während er das Jungtier beobachtet. Der Biologe studiert die Greifvögel seit über 40 Jahren und hat unzählige Feldforschungen unternommen, um mehr über deren Verhaltensweisen zu erfahren. Die Brutplätze im Engadin kennt er besonders gut. Deshalb wusste er auch, dass Mitte Juli in diesem Horst ein Jungtier sitzt. «Es geht keine zehn Tage mehr, bis er ausfliegt», schätzt er, während er das Küken beobachtet. Diesem steht also bald die wohl grösste Mutprobe seines jungen Lebens bevor. Denn es gibt kaum Möglichkeiten, sich auf den ersten Flug vorzubereiten. In den letzten Tagen im Horst beginnen die jungen Steinadler zwar allmählich, die Muskeln ihrer Flügel zu trainieren. Doch das Ausfliegen aus der Kinderstube bleibt ein Kaltstart, der unter Feldbiologen immer mal wieder für Schmunzler sorgt.
Auch David Jenny konnte schon einige unbeholfene Tiere auf ihrem Jungfernflug beobachten. «Das Fliegen selbst geht erstaunlich gut», erzählt er. «Schnell scheinen sie zu begreifen, wie sie mit ihren ausgebreiteten Flügeln die Thermik zum Auftrieb nutzen können.» Der Knackpunkt liegt aber woanders. «Bei der Landung sieht man wüste Dinge», verrät Jenny augenzwinkernd. Das erste Mal, als er eine solche miterlebt hatte, ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: «Der Steinadler hielt sich mit den Krallen an einer Fichte fest und hing da wie eine Fledermaus.» Danach sei er über die Äste hinweg zu Boden gerutscht. «Man konnte kaum hinschauen.» Da der junge Wissenschaftler zu diesem Zeitpunkt bereits hautnah miterlebt hatte, mit welcher entschlossenen Präzision ausgewachsene und erfahrene Steinadler durch die Lüfte schnellen und Beute erlegen, hatte ihn diese grosse Unbeholfenheit überrascht. Abgesehen von einem gehörigen Schrecken dürfte das Küken aber keinen bleibenden Schaden
davongetragen haben.
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Tatsächliche Bruchlandungen mit Verletzungen sind äusserst selten. Ihre kräftigen Flügel tragen junge Steinadler nach misslungenen Flugversuchen erstaunlich weit in höhere Lagen zurück. Von dort aus starten sie wieder und wieder, bis sie den Dreh allmählich heraushaben. Bis sich Jungtiere aber für immer aus dem Staub machen und ihr Heimatrevier verlassen, werden sie von den Eltern weiterhin mit Nahrung versorgt. In der Regel dauert das bis im nächsten Frühjahr, damit sie in Ruhe an ihren Flugkünsten feilen und von der Jagdtechnik der Eltern lernen können. Auch eindeutig erzieherische Massnahmen beobachtet Jenny immer wieder. «Manchmal halten sie dem Jungen die Beute quasi vor die Nase und fliegen wieder damit davon, um es zum Nachfliegen zu animieren.»
Monogam mit VorbehaltSteinadler suchen sich in der Regel Partner fürs Leben, mit denen sie gemeinsam ein Revier verteidigen, Nachwuchs grossziehen und auch kooperativ jagen. Es kommt jedoch vor, dass die Adler fremdgehen oder einen Partnerwechsel vornehmen. Selten gibt es auch Trios, die zusammenleben und brüten.
Bis sich junge Steinadler zu effizienten Jägern mausern, dauert es jedoch noch eine ganze Weile. Auf sich allein gestellt, ernähren sie sich zunächst fast ausschliesslich von Aas. Um dieses zu finden, fliegen sie Gebiete ab, welche fast die Grösse der Schweiz betragen können. Erst mit vier bis fünf Jahren werden sie geschlechtsreif und sind bereit für ihr eigenes Revier.
Kampf um Jagdgründe
Die meisten Jungadler kehren nach ihren sogenannten Lehr- und Wanderjahren wieder in die Nähe ihrer Heimat zurück. Dort versuchen sie, ausgefallene Revieradler zu ersetzen oder andere zu vertreiben. Meist stürzten die Tiere sich mit ausgestreckten Fängen aufeinander und versuchen, den Gegner mit ihren dolchartigen Krallen zu packen. Es kommt vor, dass sie sich im Kampf verkrallen und viele Meter in die Tiefe stürzen. Ab und zu führen solche Konflikte gar zum Tod eines Kontrahenten, ganz selten überlebt sogar keiner von beiden. In Graubünden sind Revierkämpfe mittlerweile zur häufigsten Todesursache bei Steinadlern geworden. Ein Phänomen, das Forschende weltweit so ausgeprägt nur aus dem von Adlern dicht besiedelten Alpenraum kennen. «In Mittelmeerländern überwiegen die Todesfälle durch Gift, illegalen Abschuss oder Stromschlag», weiss David Jenny. Zur hohen Akzeptanz des Greifvogels in der Schweiz hat der Biologe mitunter selbst beigetragen. Bereits 1982 lieferte der Adlerforscher Heinrich Haller erste Beweise einer Selbstregulation bei Steinadlern in Graubünden. Zehn Jahre später bestätigten Jennys Feldforschungen diese Beobachtungen im Berner Oberland. Unter Schutz stand der Greifvogel schon ab 1953. Doch die Forschungen nahmen den allgegenwärtigen Befürchtungen vor einem «Überhandnehmen» der Adler Wind aus den Segeln.
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Von den heutigen rund 1200 Schweizer Steinadlern leben 98 Prozent in den Alpen. Gerade der hochalpine Lebensraum ist ideal für den Greifvogel. Oberhalb der Baumgrenze entgeht seinen Adleraugen keine Beute. Zudem ist der Tisch hier reich gedeckt: Die Bestände an Murmeltieren – der sommerlichen Hauptnahrung der Steinadler – sind so hoch, dass sich die Greifvögel mit immer kleineren Territorien zufriedengeben. Das Revier rund um den Walliser Gipfel «Haut de Cry» beispielsweise schrumpfte laut Adlerforscher Serge Denis innert 40 Jahren von 160 auf 28 Quadratkilometer zusammen. Bis heute verdichtete sich die Alpenpopulation so zwar langsam, aber stetig weiter.
Keine Zeit für Nachwuchs
Währenddessen ist im Val Trupchun das Elternpaar des Adlernestlings am Himmel aufgetaucht. Die beiden kreisen eine Weile über dem Bergkamm und fliegen dann weiter ins nächste Tal. «Sie haben uns vermutlich kurz begutachtet», vermutet David Jenny. «Um die Mittagszeit sitzen sie sonst gerne auf dem Grat und überwachen das Revier.» Die Verteidigung ihres Territoriums verlangt den Greifvögeln vieles ab. «Es ist ein hartes Leben hier für die Steinadler», ist sich der Biologe bewusst. Trotz des guten Nahrungsangebotes verkleinert kein Steinadlerpaar sein Revier freiwillig. In den immer erbitterter umkämpften Revieren sieht er gar den Grund für die rückläufigen Nachwuchsraten. «Wenn sich einer der Partner um die Brut kümmern muss, können sie das Revier nicht gemeinsam verteidigen», erklärt der Wissenschaftler seine These. Während der Bebrütung der Eier ist mindestens einer der Partner permanent an den Horst gebunden und auch danach braucht der Nachwuchs noch einige Wochen Schutz vor Wind und Wetter. Dieser enorme Aufwand ist mit dem steigenden Revierdruck wohl für immer mehr Steinadlerpaare kaum noch vereinbar.
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Sobald ein fremder Adler ins Territorium eindringt, sehen die Revierhalter rot. In sehr seltenen Fällen stürzen sie sich sogar auf Gleitschirmflieger, wenn sie diese mit Artgenossen verwechseln. Auch Jenny erlebte eine solche Situation, die er so schnell nicht wieder vergessen wird. «Wie viele andere Hängegleiter fliege ich oft mit Steinadlern oder Bartgeiern zusammen, denn sie sind gute Zeiger der Thermik», erklärt er. Einmal sei es dabei zu einem Beinahe-Zusammenstoss gekommen. «Ich flog etwa 3000 Meter über Zernez und unter mir kreiste friedlich das Adlerpaar des Reviers. Auf einmal griff mich von hinten ein junger Eindringling an.» Nicht nur ein- sondern ganze zweimal habe ihn dieser attackiert. «Das kommt aber sehr selten vor, wenn man bedenkt, wie oft Gleitschirmpiloten mit Steinadlern fliegen», beschwichtigt Jenny. Er empfiehlt, bei aggressiven Adlern schnellstmöglich auf Abstand zu gehen. In der Regel zeigen diese ihren angespannten Gemütszustand sehr deutlich mit ihrem typischen Girlandenflug. Dabei fliegen sie in regelmässigen Abständen auf und ab, wobei ihre Flugbahn in etwa der Form einer aufgehängten Girlande entspricht.
Rivalität der Giganten
Auch Bartgeier werden nicht geschont, wenn sie sich dem falschen Steinadler nähern. Meistens kommen die beiden riesigen Greifvögel allerdings gut aneinander vorbei. Der Bartgeier kann sogar vom Steinadler profitieren, wenn dieser Beute macht. «Die Bartgeier warten dann schön brav, bis sie an der Reihe sind», erzählt David Jenny. «Sie geben sich auch mit Haut, Fell und Knochen zufrieden, während der Steinadler auf Innereien wie Herz, Lunge und Leber sowie Muskelfleisch aus ist.» Freiwillig verzichtet der Bartgeier zwar nicht auf die nahrhafteren Leckerbissen. Doch er weiss genau, dass er trotz seiner überlegenen Grösse im Ernstfall gegen den Steinadler den Kürzeren zieht. «Der Steinadler hat bessere Waffen; seine Krallen sind regelrechte Tötungswerkzeuge», erklärt der Adlerforscher. «Der Bartgeier hat als Aasfresser viel stumpfere Krallen.» Manchmal kommt es aber eben doch zum Konkurrenzkampf zwischen den beiden Greifvögeln. Besonders dann, wenn es um die begehrten Brutplätze geht. Schon bei drei toten Schweizer Bartgeiern habe man bisher nachweisen können, dass sie durch Steinadler umgekommen sind.
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Entsprechende Sorgen machte sich Jenny, als er sah, wie nahe von den Steinadlern sich die Bartgeier im Val Trupchun niedergelassen haben. «Da liegen nur etwa 200 Meter dazwischen, bei einem Bruterfolg wäre das ein Rekord!» Das Problem: Der junge Bartgeier, der bereits vor dem Jungadler ausgeflogen ist, wurde seither nicht mehr gesehen. Jenny hatte schon das Steinadlerpaar im Verdacht, die Konkurrenz aus dem Weg geschafft zu haben. Doch seine Vermutung sollte sich nicht bestätigen. Nach gut einer Stunde Wartezeit und ständiger Beobachtung des Steinadlerhorstes zeigt sich auf einmal der junge Bartgeier ein paar Hundert Meter weiter oben vor dem Felsmassiv. Er folgt einem seiner Elternteile, zieht über den Bergkamm hinweg und sieht dabei quicklebendig aus. Für David Jenny ein Moment des Glücks. «Vermutlich hat es mit den beiden Bruten deshalb geklappt, weil sich das Bartgeier- und Steinadlerpaar schon länger das Gebiet teilten und sie sich deshalb schon länger kennen», mutmasst er. Dennoch ist es ein Moment zum Feiern, denn der Bartgeier gilt fast 35 Jahre nach Beginn seiner Wiederansiedelung in der Schweiz noch immer als stark gefährdet und da schmerzt jeder tote Vogel.
Rückeroberung der Schweiz
Im Gegensatz zum Bartgeier war der Steinadler in der Schweiz nie vollständig ausgerottet. Zwar wurde der Beutegreifer nicht weniger verteufelt und verfolgt als sein grosser Verwandter. Während die Bartgeier jedoch schon Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorben waren, erwiesen sich die Steinadler als erstaunlich widerstandsfähig. Anfang des 20. Jahrhunderts glaubten viele Ornithologen, der Adler stünde in der Schweiz kurz vor der Ausrottung. Doch David Jenny meint, dass die Art auch damals noch immer einen beachtlichen Bestand von mehr als 100 Brutpaaren aufgewiesen haben musste. «Steinadler sind viel scheuer als Bartgeier», nennt der Greifvogelexperte einen wichtigen Grund für diesen unterschiedlichen Populationsverlauf. «Als Aasfresser sind die Bartgeier eine Art Kulturfolger geworden und haben gemerkt, dass es in Siedlungsnähe immer wieder mal ein totes Rind gibt.» Während sich der Bartgeier also über Generationen an die Nähe des Menschen gewöhnt hatte, war das beim selbst jagenden Steinadler anders. «Während einer jahrhundertelangen Verfolgung überlebten vor allem die scheusten Tiere, die anderen wurden oft abgeschossen, manchmal direkt am Horst », weiss Jenny.
Die Folgen dieser Selektion seien bis heute zu beob-
achten. «Wenn Bartgeier Menschen sehen, kommen sie oft nahe heran, mustern den Gast, indem sie einige Kreise ziehen und fliegen dann weiter. So etwas würde der Steinadler nicht tun.» Und das rettete dem Adler die Haut. Ein weiterer Vorteil gegenüber dem Bartgeier ist seine Fähigkeit, flexibel zwischen frischer Beute und Aas wechseln zu können. Dies ermöglicht dem Steinadler mehr Ausweichmöglichkeiten bei sich ändernden Bedingungen.
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Dennoch: Zumindest im Jura und in den Voralpen war der Steinadler 150 Jahre lang ausgestorben. Nach und nach eroberte er sich nun aber auch diese Lebensräume wieder zurück. Vier weitere Paare sind mittlerweile bis knapp ins Mittelland vorgedrungen. Wo weniger als 100 Menschen pro Quadratkilometer leben, scheint es dem Steinadler zu passen. «Auch das Zürcher Oberland wäre ein geeigneter Lebensraum», meint Jenny. Vielleicht habe der Greifvogel dieses völlig unbemerkt sogar bereits besiedelt. «Im Mittelland bauen sie ihre Horste meistens in Bäumen, und da sind sie nicht so einfach zu finden.»
Kein BaupfuschSteinadler bauen Horste, die manchmal mehr als 1,5 Meter hoch sind. Diese bleiben dann oft vielen Generationen erhalten. Altersbestimmungen von zwei Schweizer Adlerhorsten kamen gar auf ein Alter von über 300 Jahren.
Im Solothurner Jura wurde vor 15 Jahren wieder ein erstes Adlerpaar gesichtet. Mittlerweile sind es schon mindestens fünf oder sechs, deren Reviere sich auf einem Gebiet von rund 2000 Quadratkilometern über die gesamte Jurakette ausdehnen. Zwar sei der Steinadler auf Erfolgskurs, bestätigt Jenny. Dennoch bleibe der Greifvogel weiterhin zwingend auf seinen Schutzstatus angewiesen. «Der Bestand ist äusserst verletzlich», hält der Biologe fest.
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Heikel wird es vor allem in den Frühlingsmonaten. «Wenn man sich in dieser Phase einem besetzten Horst auf 300 Meter nähert, und der Adler einen sieht, fliegt er weg. Dann ist das Risiko gross, dass er das Nest so lange meidet, bis die Eier oder kleinen Küken absterben.» Die allermeisten Wanderer, Kletterer und Tierfotografen hielten sich daran, die nötige Distanz zum Horst einzuhalten, meint Jenny. Es sei bloss einer von etwa einhundert, die ohne Rücksicht auf Verlust vorgehen. «Aber leider reicht das eben oft schon aus, um eine Brut zu gefährden.»
Um mit gutem Beispiel voranzugehen, verzichtete Jenny in seinem neuen Buch, das er gemeinsam mit Heinrich Haller und Serge Denis geschrieben hat, bewusst auf Horst-Fotos. Um solche gestochen scharf zu schiessen, muss man näher heran, als es ethisch vertretbar wäre. Stattdessen engagierten die Biologen die Illustratorin Lea Gredig, die anhand von Beobachtungen aus der Distanz Zeichnungen entwarf.
Ein halbes JahrhundertIn Gefangenschaft können Steinadler bis über 50 Jahre alt werden. Der Rekord von wildlebenden Steinadlern liegt in Europa bei 37 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt aber weit niedriger. Viele erleben nicht einmal das Erwachsenenalter. Ein einmal etabliertes Revier können sie meist mindestens elf Jahre halten. Ab etwa 20 Jahren drohen sie aber, von vitaleren Jungadlern verdrängt zu werden.
Um keinen Auflauf an Tierfotografen zu provozieren, zeigt Jenny möglichst wenigen Leuten, wo die Steinadlerhorste sind. Hier im Val Trupchun macht er nur eine Ausnahme, weil sich der Horst im Nationalpark befindet, wo das Verlassen der Wege ohnehin verboten ist. Wer Steinadlerpaaren beim Brüten oder Füttern der frischgeschlüpften Küken ohne Fernglas zusehen kann, ist also auch hier definitiv zu nahe dran.
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