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Traumata durch die Kraft der Pferde überwinden

In Südafrika ist die Gewaltrate gegen Frauen so hoch wie in kaum einem anderen Land weltweit. Wie Pferde bei der Behandlung von Traumata unterstützen können und welche Rolle die südafrikanische Kultur hierbei spielt. Begleitung einer Therapiestunde von Equinox Trust in Tokai.

Eine junge, dunkelhäutige Frau steht inmitten einer Pferderanch. Ihre Schultern sind hochgezogen, ihre Augen weit aufgerissen. Sie wirkt ängstlich. Eines der Pferde, ein Schimmel, kommt schnurstracks in schnellem Tempo auf sie zugetrabt. Sie bewegt sich keinen Millimeter, bis das Pferd ihr direkt Auge in Auge gegenübersteht.

Sechs Wochen später. Es ist kurz vor zehn Uhr morgens in Tokai, einem grossen Vorort rund 20 Kilometer südöstlich des Zentrums von Kapstadt. In einem rund hundert Quadratmeter grossen Areal befinden sich sieben Pferde. Die morgendliche Sonne lässt ihre grau-braunen Schweife hell schimmern. Hinter dem weiten Feld sind die Berge von Tokai zu sehen. Feine Wolken schieben sich von links nach rechts über die Spitzen der Berge. Wie ein Schleier umhüllen sie die Gipfel. Ein kleiner, separater Bereich der Ranch ist abgetrennt. Hier findet heute die pferdegestützte Psychotherapie von Equinox Trust statt, einer gemeinnützigen Organisation, die sich an sozial Schwache und Bedürftige richtet.

Die beiden Programmleiterinnen, Fiona Bromfield und Sarah Garland, bereiten die anstehende Therapiestunde vor. Bromfield ist seit dem Jahr 2006 Teil von Equinox Trust. Die 42-Jährige stammt aus der Stadt Port Elisabeth, hat Psychologie in Stellenbosch studiert und einen Abschluss der University of Capetown (UCT) in Erziehung. 2009 stiess Garland hinzu. Garland, die in Botswana aufgewachsen ist, hat beides: einen Pferdehintergrund – sie reitet, seit sie ein kleines Kind war – und einen Master in klinischer Sozialarbeit. Hier kann sie ihre beiden Leidenschaften, das Arbeiten mit Pferden und Bedürftigen zu helfen, vereinen. Beide Frauen tragen Jeans und pinke T-Shirts mit dem Logo von Equinox Trust.

Traumata durch die Kraft der Pferde überwinden
Fiona Bromfield und Sarah Garland leiten das Programm.

Gewaltrate gegen Frauen dramatisch hoch

Bei der heutigen Therapiegruppe handelt es sich um Frauen, die Opfer von Gewalt und Misshandlung wurden. Für drei Monate sind sie in sogenannten «Sheltern» untergebracht, einer Art Frauenhaus. Ein Bus hat die Teilnehmerinnen zur Ranch gefahren. Sechs dunkelhäutige Frauen steigen aus und gehen auf die beiden Leiterinnen zu. Die Frauen sind im Alter zwischen 19 und 41 Jahren. Es sei eine sehr junge Gruppe. «Sie kommen alle aus schwierigen sozialen Verhältnissen»,erklärt Garland. «Sie wollen ihr Leben verbessern», ergänzt Bromfield.

Eine von ihnen ist die 41-jährige Imani Khumalo. Sie ist komplett in schwarz gekleidet, ist stämmiger und grösser als die anderen Frauen. Sie trägt einen auffallenden, schwarzen Hut, hat schulterlange, glatte Haare. Einfacher, silberner Schmuck ziert ihre Ohren und ihren Hals. Khumalo ist Mutter einer fünfjährigen Tochter. Die Kleine ist gerade bei der Kinderbetreuung des Frauenhauses untergebracht. Es gab viele Probleme mit dem Kindsvater. Er misshandelte und schlug sie. «Oft hatte ich das Gefühl, dass meine Tochter die Mutterrolle verkörpert und ich das Kind bin», sagt sie und lacht unsicher. Sie tue das hier auch für ihr Kind. «Die Ruhe der Pferde überträgt sich auf mich. Ich kann jetzt eine bessere Mutter sein.»

In Kapstadt ist die Gewaltrate gegen Frauen hoch. In kaum einem anderen Land der Welt werden so viele Frauen getötet wie in Südafrika. Die Femizidrate ist hier fünfmal höher als der weltweite Durchschnitt. Die aktuelle Kriminalstatistik zeigt: Momentan ist keine Verbesserung in Sicht – im Gegenteil. In drei Monaten, von Oktober bis Dezember 2022, sind tatsächlich mehr als 14 000 Sexualstraftaten registriert worden, eine Steigerung von fast 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Davon waren rund 6000 Vergewaltigungen. Der Täter stamme oft aus der Nachbarschaft, der Familie oder dem Bekanntenkreis, häufig sei es der Partner.

Die Gegenstände in der Kiste sollen den Frauen dabei helfen, ihre Emotionen auszudrücken.
Die Gegenstände in der Kiste sollen den Frauen dabei helfen, ihre Emotionen auszudrücken.

Heute, in der vorletzten der acht Sitzungen, wird über die Zukunft und Ziele gesprochen und das Gelernte wiederholt. Vor der rund einstündigen Session werfen die Frauen ihre Smartphones in eine durchsichtige Plastikbox. «Handyklingeln stört den Heilungsprozess», erklärt Garland. Bromfield und Garland haben eine weitere Kiste vorbereitet, die sie inmitten des Feldes platzieren. Darin enthalten sind Kuscheltiere, Kissen, Spielzeughäuser, Seile und Bänder. «Die Gegenstände haben einen Symbolcharakter für die Frauen. Sie stehen für verschiedene Dinge, die im Leben der Teilnehmerinnen eine wichtige Rolle spielen», so Garland. Rund 15 Minuten bekommen sie Zeit, sich ein Utensil herauszusuchen.

Die Frauen stehen nun in einem Halbkreis um die beiden Leiterinnen herum. Sie sollen erklären, für welche Gegenstände sie sich entschieden haben und wieso. Eine junge Frau mit silbernen Flipflops, löchriger Jeans und pinker Strickjacke hat sich eine Augenbinde ausgesucht. «Als ich hier ankam, war ich blind. Nun kann ich sehen», sagt sie. Ein Pferd hinter ihr wiehert laut. Sie zuckt zusammen und schlägt sich die rechte Hand vor den Mund. Ihre Fingernägel sind türkis lackiert. Bei der 24-Jährigen handelt es sich um die junge Frau, die bei ihrer ersten Sitzung vor sechs Wochen eine einschlägige Begegnung mit einem der Pferde hatte. «In der ersten Sitzung redete sie kaum, stand wie angewurzelt da», erinnert sich Garland.«Eines der Pferde, ein Schimmel, kam den ganzen Weg schnurstracks und in schnellem Tempo auf sie zu und platzierte sein Gesicht direkt vor ihres.» Als sie sich Auge in Auge gegenüberstanden, hätte sich die Frau beruhigt. «Das war eine Schlüsselerfahrung für sie. Als sie merkte, dass nichts Schlimmes passiert, wurde sie zugänglicher. Sie verstand, dass sie sich ihren Ängsten stellen muss», erklärt Garland. Seitdem habe die junge Frau grosse Fortschritte gemacht. Sie spricht jedoch kein Englisch. Die Jüngste aus der Gruppe muss für sie übersetzen.

Die Jüngste Teilnehmerin ist eine 19-jährige Frau namens Anissa Swanepoel. Mit Beginn der Pubertät erkrankte sie an einer schweren Depression. Durch eine Therapie konnte sie die Erkrankung überwinden. Doch in ihrer letzten Beziehung erfuhr sie Gewalt und Misshandlung. Swanepoel fiel zurück in alte Muster, diesmal schlimmer als zuvor. «Als ich in das Frauenhaus kam, isolierte ich mich anfangs sehr von den anderen Frauen», erinnert sie sich. «Ich wollte allein sein, verliess kaum mein Zimmer.»

Therapie kann Konflikte im Frauenhaus lösen

Swanepoel suchte sich immer wieder Ausreden, um nicht mit den anderen interagieren zu müssen. «Oft sagte ich den anderen, dass ich Kopfschmerzen hätte, obwohl das nicht stimmte.» Die Pferde hätten ihr beim Heilungsprozess geholfen. «Seit ich hier bin, blühe ich richtig auf», sagt sie mit einem Strahlen. Auch die Gruppendynamik mit den anderen Frauen habe sich merklich verbessert. «Am Anfang gab es im Frauenhaus sehr oft Streitigkeiten. Durch die Pferdetherapie haben sich viele Konflikte gelöst und wir verstehen uns besser», sagt Swanepoel. Die Therapie sei wie eine Art Ventil gewesen.

Es fällt ihr schwer, Blickkontakt zu halten. Während sie erzählt, schweift ihr Blick immer wieder über die Berge von Tokai. «Ich liebe es hier», sagt sie nach einer Weile. Sie plane, eines Tages wiederzukehren – allein, ohne die Gruppe.

Die 19-Jährige hat sich für die Bibel entschieden. «Wir sind alle nur wegen Gott hier», sagt sie und zitiert einen Psalm aus der Heiligen Schrift. Um sich herum hat sie ein Seil gelegt. «Ich möchte meine Grenzen abstecken.»

Was die beiden Leiterinnen heute am meisten verwundert hatte? Eine der Frauen, sie hält ein Herzkissen umklammert, hatte während der letzten Wochen kaum geredet und sich schlecht in die Gruppe integriert. Heute habe sie gelacht, viel geredet und ausführlich erklärt, wieso sie sich für ihren Gegenstand entschieden habe. «Sie wirkte sehr gelöst, wie ausgewechselt», erklärt Garland. Gruppentherapien besässen eine besondere Dynamik. «Wenn sich eine etwas traut, werden auch die anderen mutiger», sagt Bromfield und ergänzt, «selbst wenn der Fortschritt nicht immer zu sehen ist, ist er trotzdem da.»

Das spiegle sich auch im Äusseren wider. «Am Anfang kamen die Frauen schwarz gekleidet. Nun blühen sie auf», so Bromfield. Sie tragen wieder Farben, legen Schmuck an, lackieren sich die Fingernägel bunt. «Sie haben ihre weibliche Seite wiederentdeckt», sagt Sarah Garland.

Nicht nur die Frauen haben Traumatisches erfahren. Auch einige der Pferde litten unter Gewalt. «Ein Stück weit ist das auch Therapie für die Tiere», sagt Bromfield. Eines der Pferde, Caesar, sei oft geschlagen worden. «Es kann mit Menschen nicht viel anfangen», erklärt sie und blickt das Pferd, das inmitten des abgetrennten Feldes steht und seinen Kopf in die Luft reckt, nachdenklich an. Sein hellbraunes Fell schimmert in der Sonne. Seit Caesar Teil des Programms ist, sei er zugänglicher geworden. «Er bleibt oft als Letzter, wenn alle anderen Pferde bereits gegangen sind», erzählt Garland. Geritten werden die Pferde nicht. «Um die pferdegestützte Therapie zu verstehen, muss man sich zunächst genauer mit der afrikanischen Kultur und Prägung auseinandersetzen», so Garland.

Auch für die Pferde, hier Caesar und Patch, hat die Therapie eine heilende Wirkung.
Auch für die Pferde, hier Caesar und Patch, hat die Therapie eine heilende Wirkung.

Tiere haben in Südafrika anderen Stellenwert

Ethnologin Prof. Dr. Erdmute Alber beschäftigt sich seit vielen Jahrzehnten mit der Kultur Afrikas. Die emotionale Bindung zu Tieren wie Hunden, Katzen und anderen Haustieren sei sehr europäisch. «Haustiere sind etwas Unübliches», sagt die Professorin der Universität Bayreuth. Selbst, wenn Haustiere gehalten werden, etwa als Wachhunde, sei der Umgang mit ihnen eher pragmatisch. Reiten sei immer noch ein Privileg, das grösstenteils der weissen Bevölkerung vorbehalten sei. «Besonders Kinder kennen Zuchtpferde nur zum Arbeiten in den Townships», so Bromfield. Im Afrikanischen gäbe es keine Worte für Emotionen wie traurig, glücklich oder wütend. «Gefühle werden als Schwäche angesehen», erklärt sie weiter. Der einzige Weg, Emotionen zu zeigen, sei durch Handlung. «Bei einer Beerdigung sagen Verwandte nicht zueinander ‹Ich bin für dich da›, sondern sie zeigen es, indem sie sich festhalten und umarmen», erklärt Garland. Alber bestätigt: Das Sprechen über Emotionen sei stark mit der romantischen Erfindung der Liebesheirat verbunden. In vielen Gesellschaften wäre das unüblich.

Am Ende der Therapiestunde sitzen die Frauen im Schneidersitz auf dem Gras und füllen Bewertungs-bögen aus. «Die Spendengeber wollen Resultate sehen. Doch der Fortschritt ist nicht in Zahlen zu messen», sagt Garland. Im Hintergrund unterhalten sich die Frauen und lachen miteinander. «I have a coffee date later», berichtet die eine stolz. Während die Frauen in den Bus steigen, der sie zurück ins Frauenhaus bringt, räumen Bromfield und Garland die restlichen Utensilien auf. Die Mittagssonne brennt auf das hellgrüne Gras herab. Die Wolken, die vorhin noch da waren, sind verschwunden. Der Schleier hat sich gelüftet.

Während einer Therapiestunde dürfen die Teilnehmerinnennicht gestört werden.

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