Bereits der britische Dichter Rudyard Kipling schreib über einen Jüngling, dessen Liebste ihn losschickte, um ihr blaue Rosen zu pflücken. «Durch die halbe Welt wanderte ich, suchend, wo solch Blumen wuchsen. Auf meine Suche antwortete mir die halbe Welt mit Lachen und Scherz.» Als er nach langer vergeblicher Suche mit leeren Händen zurückkam, war die Liebe verblasst. Weil sie als so selten gilt, ist die blaue Blume seit der Zeit der Romantik das Symbol für Sehnsucht und Unerreichbarkeit. Ganz sachlich gingen Wissenschaftlerinnen der Universität Bayreuth dieser Seltenheit auf den Grund, werteten dazu eine umfängliche Pflanzen-Datenbank aus und stellten fest, dass tatsächlich nur sieben Prozent aller Blütenpflanzen weltweit vom menschlichen Auge als blau wahrgenommen werden. Auch blaue Tiere findet man in der Natur kaum. Woran liegt das?

[IMG 2]

Um dem Rätsel auf die Spur zu kommen, muss man sich zuerst anschauen, wie Farben überhaupt entstehen. Auf der Netzhaut des menschlichen Auges sitzen nebst den für Helligkeitsunterschiede zuständigen Stäbchen sogenannte Zapfen, welche für blaues, grünes und rotes Licht empfindlich sind. Diese Primärfarben entstehen, wenn weisses Licht unterschiedlicher Wellenlängen von einer Oberfläche entweder reflektiert(zurückgeworfen) oder absorbiert (geschluckt) wird. Je nach Wellenlänge erscheint uns das, was wir sehen, dann in einer bestimmten Farbe. In der Natur gibt es so verschiedene Möglichkeiten, Strukturen rot, gelb, grün oder eben blau erscheinen zu lassen.

Lieblingsfarbe der Bienen

Ein blaues Pigment zum Beispiel absorbiert rotes Licht, womit Blau übrigbleibt und vom Auge wahrgenommen werden kann. Solche Farbstoffe zu produzieren, ist für Pflanzen jedoch sehr aufwendig. Für den dafür erforderlichen chemischen Prozess braucht es sechs verschiedene farbgebende Substanzen, sogenannte Anthocyane, und sechs dazugehörige Moleküle. Entsprechend sind einfachere Farben bei Pflanzen viel häufiger. Das allbekannte Chlorophyll zum Beispiel erscheint nicht nur grün, sondern ist auch für die Photosynthese essenziell. Warum betreiben manche Pflanzen dann trotzdem den Aufwand und produzieren ausgerechnet blaue Blüten? Tatsächlich ist die Farbe Blau bei Insekten sehr beliebt und zieht wertvolle Bestäuber magisch an. Bienen zum Beispiel nehmen Blau als besonders intensiv wahr, sind für Rot wenig empfänglich und können schlecht zwischen Gelb und Weiss unterscheiden. In hoch gelegenen artenreichen Berggebieten wie in den Alpen findet man daher öfters blaue Blumen. Hier auf den nährstoffarmen Böden ist die Konkurrenz zwischen Pflanzen besonders hoch. Das Klima ist für viele Insekten denkbar ungünstig, sodass Blumen um die Dienste von Bestäubern regelrecht buhlen müssen. Mit blauen Blüten kann man Insekten aus grosser Entfernung anlocken und sicherstellen, dass man auch in einer Vielfalt von Nektarangeboten ausgewählt und bestäubt wird. Populäre einheimische Vertreter blauer Blütenpflanzen sind die Kornblume (Centaurea cyanus), der Enzian (Gentiana), der Ehrenpreis (Veronica) und das Vergissmeinnicht (Myosotis).

[IMG 3]

Die Pigmente von Pflanzen verwendete man früher auch zum Einfärben von Stoffen. Als eine der wichtigsten Quelle für blaue Farbe bestand in dem seit der Eisenzeit aus Westasien importierten Färberwaid(Isatis tinctoria), aus dem das Indigoblau gewonnen wurde. Seine Blätter enthalten das farblose Glykosid Indikan, welches nach der Ernte durch Fermentation zu Indigo oxidiert. Die blaue Farbe entwickelte sich erst, wenn man den Stoff nach dem Farbbad an der Luft trocknete. Daher kommt wahrscheinlich übrigens auch die Redewendung «Blaumachen», weil sich der Färber ausruhen konnte, während er darauf wartete, dass sich der Stoff nach und nach blau einfärbte.

Auffallen ist alles

Während Pflanzen blaue Pigmente selbst produzieren können, müssen die meisten Tiere auf einen Trick zurückgreifen. Sie erscheinen blau, weil die Nanostrukturen ihrer Federn und Schuppen das Licht in einer bestimmten Art und Weise zurückwerfen, sodass es für unsere Augen blau erscheint. Dabei ist die Oberfläche auf eine besondere Art fein gerillt oder mit kleinen Luftbläschen durchsetzt. Dadurch entstehende Strukturfarben erscheinen je nach Blickwinkel etwas anders, sodass uns blaue Tiere häufig besonders schillernd erscheinen. Blaue Tiere wollen mit ihrer Farbe nur eins: auffallen! Blaue Pfeilgiftfrösche (Dendrobates tinctorius) und Blaugeringelte Kraken (Hapalochlaena) zum Beispiel gehören zu den giftigsten Tieren der Welt, und signalisieren das durch ihre ungewöhnliche Färbung. Der Krake erreicht dies nebst den auffallenden blauen Ringen dadurch, dass er diese über die Körpermuskulatur pulsieren lassen kann. Ein eindeutiges Zeichen: Bleib mir vom Leib!

[IMG 4]

Der zu den Echsen gehörende australische Blau-zungenskink (Tiliqua scincoides) hingegen ist harmlos und erscheint durch seine braungraue Färbung eher unscheinbar. Wird er hingegen angegriffen, reisst er sein grosses Maul auf und präsentiert zischend eine knallblaue Zunge. Dies überrascht mögliche Fressfeinde oft derart, dass sie von ihrer Beute ablassen und diese fliehen kann. Auch die Flügel des schillernden Morphofalters (Morpho peleides) sind zusammengeklappt eher unscheinbar braun gefleckt, sodass der Schmetterling im dichten Dschungel Zentral- und Südamerikas kaum zu erkennen ist. Entdeckt ihn doch einmal ein hungriger Jäger, so fliegt der Morphofalter auf, präsentiert dabei seine schillernd leuchtende Flügeloberfläche in einem kräftigen Blau und lässt einen oft überraschten Prädator zurück.

Blaue Vögel hingegen wollen mit ihren spektakulär gefärbten Körperteilen meistens paarungswillige Weibchen anlocken. Das Prachtkleid der männlichen Nordamerikanischen Indigofinken (Passerina cyanea) unterscheidet sich deutlich von den braunen Weibchen. Die Herren stechen so besonders hervor und erhaschen manchen Blick von potenziell paarungswilligen Damen. Die Männchen vermitteln den Eindruck, dass sie trotz ihrer auffälligen Färbung keinen Räubern zum Opfer fallen, was auf die Weibchen attraktiv wirkt und ihre Chancen auf eine Paarung erhöht. Während der Indigofink seine Färbung einfach so wirken lassen kann, muss sich der Blaufusstölpel (Sula nebouxii) mehr ins Zeug legen, um seine Angebetete zu beeindrucken. Dabei helfen dem braun-weissen tropischen Meeresvogel seine hellblauen Füsse, die er vor dem Nistplatz auf und ab stolzierend zur Schau stellt. Bei der Landung zeigen die Männchen zudem ihre Fusssohlen, die im Licht aufblitzend die sich am Boden befindenden Weibchen grüssen. Je wohlgenährter das Männchen, desto blauer erscheinen seine Füsse und signalisieren dem Weibchen, dass sie kräftig und gesund und somit ideale Väter für ihre Küken sind.

[IMG 5]

Begehrte Luxusfarbe

Es überrascht nicht, dass blaue Tiere auch bei Menschen begehrt sind. Nebst dem vergeblichen Versuch, eine bläulich Färbung bei Haustieren zu züchten (zum Beispiel die Katzenrasse Russisch Blau), finden auch eigentlich wild lebende blaue Tiere Einzug in den Handel. Der durch «Findet Nemo» bekannt gewordene Paletten-Doktorfisch (Paracanthurus hepatus) ist ursprünglich im Indopazifik beheimatet, erfreut sich aber auch bei Aquaristikern mit Meerwasserbecken grosser Beliebtheit. Er braucht jedoch mit mindestens 2000 Litern für zwei ausgewachsene Fische viel Platz. Dadurch, dass er sich relativ einfach züchten lässt und kaum wild gefangen wird, ist der Doktorfisch zum Glück in seinem Bestand nicht gefährdet. Anders geht es dem grössten flugfähigen Papagei unserer Zeit, dem Hyazinth-Ara (Anodorhynchus hyacinthinus). Der bis zu einem Meter grosse und 1,3 Kilogramm schwere Vogel aus Südamerika wird seit Jahrzehnten illegal gejagt und gehandelt. Dies führte dazu, dass der Bestand heute auf nur noch knapp 4300 Tiere geschätzt wird. Zusätzlich wird der imposante Vogel durch die Vernichtung seines natürlichen Lebensraums gefährdet, sodass die grössten Populationen heute nur noch in geschützten Reservaten wie dem Pantanal überleben können.

[IMG 6]

Zurück zur legendären blauen Rose aus Kiplings Gedicht. Auch Wissenschaftler sind seit Langem auf der Suche nach ihr. Jedoch wandern sie dabei nicht verzweifelt durch die Welt, sondern versuchen, sie im Labor zu züchten. In Japan gelten die blauen Varianten der Rose als besonderer Liebesbeweis und dürfen auf keiner Hochzeit fehlen. Meistens handelt es sich dabei um eingefärbte weisse Schnittrosen. Entsprechend sind es auch japanische Wissenschaftler, die jetzt mithilfe moderner Gentechnik versuchen, echte blaue Rosen herzustellen. Sie setzen der Pflanze das Gen ein, welches in Stiefmütterchen den Farbstoff Delphinin produziert, und hoffen, dass die Blüten dadurch ebenfalls blau erscheinen. Im Idealfall sollen blaue Rosen dann als Luxusprodukt an reiche Abnehmer verkauft werden. Sehr zum Frust der Wissenschaftler erschienen die aus dem Experiment resultierenden Blumen jedoch lediglich in einem blassen Lila. Das erscheint fast fair angesichts des Aufwands, den Tiere und Pflanzen in der Natur betreiben, um in einem satten Blau aus allem hervorzustechen. Blau machen kann man letztendlich definitiv nicht, indem man blaumacht.