ABO

Schweizer Berghütten: Logistik, Alltag und ihre Bedeutung im Hochgebirge

Hoch oben im Gebirge werden Berghütten zur willkommenen Rast für Wandernde. Hinter der gemütlichen Einkehr steckt jedoch ein aufwändiger Betrieb mit schwieriger Logistik, kurzer Saison und wachsendem Personalmangel.

Wandern ist das Lieblingshobby der Schweizerinnen und Schweizer. Geht es im Gebirge hoch hinaus, gehört für viele auch eine Einkehr in einer Berghütte dazu – mit einer Suppe, einem Stück Kuchen, einem Kaffee oder was das Herz gerade so von der meist knappen Speisekarte begehrt. Abseits der grossen Ströme rund um Gondeln und Sessellifte führen viele Wanderungen durch steiles, steiniges und abgelegenes Gelände. Gerade dort stehen Hütten, welche oft nur zu Fuss über Stock und Stein erreichbar sind. Sie bieten nach anstrengendem Aufstieg Schutz vor Witterung, Verpflegung und einen Platz zum Ausruhen.

Ursprünglich wurden solche Berghütten vor allem als Schutzunterkünfte für Alpinisten gebaut. «Heute werden sie als Ausgangspunkt zu Berg- und Hochtouren, vermehrt aber auch als Ausflugsziel für Wanderer genutzt», wie Andrea Strohmeier, Präsidentin des Vereins Schweizer Hütten, erklärt. «Ohne Berghütten wären viele lange Wanderungen für die meisten Leute nicht realisierbar.» Gerade im Hochgebirge seien sie oft unverzichtbar. Die Hütten liegen zwischen 1475 und 3507 Metern über Meer und bieten meist eine einfache, aber funktionale Infrastruktur: Schlafplätze, Toiletten, Mahlzeiten, Getränke und einen Ort zum Aufwärmen. Viele Hütten sind heute kleine Gastronomiebetriebe, die trotz abgelegener Lage ein gepflegtes Angebot bereitstellen. Gleichzeitig steigen die Ansprüche der Gäste – auch wenn die Möglichkeiten in den Bergen begrenzt bleiben. «War es früher selbstverständlich, zu essen, was serviert wurde, besteht heute bei manchem Gast der Anspruch, dass auf alle seine Gewohnheiten und Wünsche eingegangen wird.»

Logistik in luftigen Höhen

Was im Tal selbstverständlich ist, wird im Hochgebirge schnell zur logistischen Herausforderung. «Zum Betreiben einer Berghütte ist nebst der Versorgung mit Lebensmitteln vor allem die autarke Energieversorgung sowie die Versorgung mit Wasser essenziell», erklärt Strohmeier. «Ohne Strom und Wasser läuft heute in einer bewarteten Berghütte nichts.» Neben Lebensmitteln und Getränken müssen auch Holz, Gas oder Baumaterial transportiert werden. Der Weg dorthin führt jedoch meist nur durch die Luft. «Die Transporte werden daher zum grössten Teil per Helikopter geleistet», sagt Strohmeier. Materialseilbahnen gebe es nur vereinzelt – vor allem abgelegene Hütten seien darauf angewiesen, dass alles eingeflogen werde.

Das hat seinen Preis: Eine Flugminute kostet laut Andrea Strohmeier zwischen 45 und 50 Franken. Dazu kommt eine Anflugpauschale von 350 bis 700 Franken. Für einen typischen Transport von rund 1500 Kilogramm Material in zwei Rotationen müsse man schnell mit etwa 1200 Franken rechnen. «Pro Kilogramm Material, das heraufgeflogen wird, sind das rund 80 Rappen zusätzliche Kosten.» Das erkläre auch, weshalb Essen und Getränke in einer Hütte teurer sein können als im Tal. Auch wirtschaftlich ist der Betrieb anspruchsvoll. Viele Hüttenwartinnen und Hüttenwarte sind Pächter und müssen neben der Pacht Personal-, Betriebs- und Unterhaltskosten tragen. Einnahmen stammen hauptsächlich aus Übernachtungen und Konsumationen. «Deshalb sind die Hüttenteams darauf angewiesen, dass Gäste in den Hütten von der Möglichkeit der Konsumationen Gebrauch machen», sagt Strohmeier. Für die Nutzung von Leistungen wie Wasser und Strom oder beispielsweise einer Toilette wünscht sie sich daher auch die Bereitschaft, diese zu entgelten. Denn auf einer Berghütte ist deren Bereitstellung mit grossem Aufwand verbunden.

Nur was für Allrounder mit Ausdauer

Wer eine Berghütte führt, ist weit mehr als nur Gastgeber. Neben Küche und Service kümmern sich Hüttenwartinnen und Hüttenwarte auch um Technik und Infrastruktur. «Nebst der Gastronomie nimmt der Unterhalt von technischen Einrichtungen wie Solaranlage, Wasserversorgung oder Klärsystemen viel Zeit in Anspruch», erklärt Strohmeier, die selbst eine Berghütte am Lötschenpass führt. Oft gehören auch der Unterhalt der Zustiegswege oder kleinere Bauarbeiten zum Alltag. «Flexibilität, ein unkompliziertes Wesen und ein gutes Mass an Resilienz sind sicher hilfreich.» Der vermeintliche Traumjob in der Idylle ist deshalb härter, als viele denken.

Hinzu kommt, dass viele Hütten nur während der Sommersaison geöffnet sind – meist von Mitte Juni bis Mitte Oktober, in hochalpinen Lagen oft noch kürzer. Nur wenige Hüttenwartinnen und Hüttenwarte können ganzjährig von dieser Arbeit leben. Viele haben deshalb ein zweites berufliches Standbein, etwa als Bergführer oder mit einer Tätigkeit im Tal. Gleichzeitig steht die Branche vor neuen Herausforderungen. So haben sich nicht nur die Essgewohnheiten vieler Gäste verändert, sondern auch die Planung der Ausflüge: «Die zunehmende Unverbindlichkeit der Gäste ist sehr herausfordernd geworden», betont Andrea Strohmeier. Kurzfristige Absagen oder Mehrfachreservationen blockieren Plätze für andere Berggänger und senken die so wichtigen Einnahmen.

Das grösste Problem, mit dem sich Hüttenwarte in den Alpen momentan konfrontiert sehen, ist jedoch der Personalmangel. «Für kurzfristige Einsätze von ein bis zwei Monaten findet man relativ einfach Aushilfen», sagt Strohmeier. «Für Einsätze von drei und mehr Monaten wird es zunehmend schwierig, qualifizierte Mitarbeitende zu finden.» Auch überhaupt neue Hüttenwarte zu gewinnen, sei schwieriger geworden: Hütten blieben länger ausgeschrieben, Bewerbungen würden weniger. «Sollte es nicht gelingen, diesem Trend entgegenzuwirken, kann es durchaus sein, dass in Zukunft Hütten aus Gründen des Personal- oder Hüttenwartsmangels geschlossen bleiben müssen.» Ein Szenario, das sich die Präsidentin des Vereins Schweizer Hütten für die Schweiz natürlich nicht wünscht – eines das laut Strohmeier heute in Deutschland und Österreich bereits Realität ist.

Weiterlesen