Vier Kilogramm wiegt das Teleobjektiv, welches Sandra Blättler mit aufs Niederhorn im Berner Oberland schleppt. Zum Glück bringt eine Gondelbahn die Besucher auf den Gipfel, sodass Blättler ihren Rucksack nur noch in der Höhe mit sich tragen muss. Darin befindet sich nebst ihrer professionellen Fotoausrüstung auch Verpflegung für einen ganzen Tag, den sie zusammen mit Ehemann Oliver zwischen Niederhorn und Gemmenalphorn verbringen wird. Solche Luxusbedingungen sind eher die Ausnahme. In der Regel sind sie bereits vor Sonnenaufgang oder bis in die Abenddämmerung unterwegs und müssen die Höhenmeter zu Fuss bewältigen. Die beiden sind auf der Jagd nach Schneehühnern. Nicht mit Flinten, sondern ihren Kameras. «Schneehühner gehören zu meinen Lieblingstieren», schwärmt Sandra Blättler. Immer wieder bleibt sie stehen, richtet ihr Fernglas auf die Felsen und scannt geduldig das Gelände, während Wandernde an ihr vorbeiziehen.

«Wer Tiere fotografieren will, darf es nicht eilig haben», bestätigt Oliver Blättler. Die Motive sind oft klein, gut getarnt – oder sofort wieder verschwunden. Bis das perfekte Bild gelingt, können Wochen, manchmal sogar Jahre vergehen. «Meine Frau weiss durch ihre Beobachtungen genau, wann und wo welcheTiere am besten zu fotografieren sind», sagt er. Die gemeinsame Leidenschaft führte das Paar auf zahlreiche Wanderungen mit ebenso vielzähligen Tiersichtungen. Sandra Blättler führt darüber ein digitales Tagebuch mithilfe eines Programms, welches ihr Mann als Softwareentwickler selbst geschrieben hat.

Bei besonders scheuen Arten kehren sie oft allein zum Ort der Beobachtung zurück – bei gutem Licht, ausgerüstet mit Tarnversteck und viel Geduld. «Einmal habe ich am Balzplatz von Birkhähnen stundenlang ausgeharrt. Plötzlich setzte sich ein Hahn direkt auf mein Tarnversteck – so nah, dass ich fast vergass zu atmen», erzählt Sandra Blättler. Solche Erlebnisse sind es, welche die beiden Fotografen antreiben. Wenn dabei auch noch gute Bilder entstehen, ist dies die sprichwörtliche Kirsche auf dem Sahnehäubchen.

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Mit Zelt und Zeit

Die Fotoleidenschaft der Blättlers ist 2015 bei einer Neuseelandreise entstanden. «Die Vögel dort waren überhaupt nicht scheu», erzählt Oliver Blättler. Zurück in der Schweiz musste das Ehepaar jedoch feststellen, dass die einheimischen Vögel sich wesentlich schwerer ein gutes Foto abringen lassen. Trotzdem fassten die beiden einen ambitionierten Plan: Die schönsten und faszinierendsten Vögel und Säugetiere des Berner Oberlands in einem Bildband festzuhalten. «Viele unserer Freunde sind überrascht, welche Tierarten hier überhaupt vorkommen», sagt Oliver Blättler. «Wir möchten den Menschen die Schönheit der Natur näherbringen – als Gegenentwurf zur Resignation. Trotz Artensterben: Es ist noch nicht zu spät. Unsere Natur lässt sich immer noch schützen.»

In fast jeder freien Minute sind der Softwareentwickler und die Klavierlehrerin mit der Kamera unterwegs. Oft begleitet sie ihr Sohn Silvan – und lernt dabei schon früh, die Natur und ihre Bewohner zu schätzen. So weiss er zum Beispiel: Wenn ein Murmeltier nur einmal pfeift, lohnt sich ein Blick in den Himmel. «Murmelis warnen mit einem einzelnen Pfiff vor einer naheliegenden Gefahr, oft auch bei Bedrohung aus der Luft», erklärt Sandra Blättler. Ist sie schnell genug, gelingt ihr dann auch mal ein Schnappschuss eines Steinadlers oder Bartgeiers.

Verantwortung vor Reichweite

Seit Kurzem stellen die Blättlers ihre Bilder auch online. Den Aufnahmeort verraten sie jedoch nie. «Naturfotografen folgen einem strengen Ehrenkodex, um die Tiere zu schützen», betont Sandra Blättler. «Gerade im Berner Oberland gibt es viele sensible Arten. Ein Massenandrang von übermotivierten Beobachtenden würde ihnen schaden.» Als Fotograf hat man daher auch eine grosse Verantwortung sowie eine Vorbildfunktion. Auch wenn die Verlockung gross ist, so gehen auch die Blättlers zum Beispiel nie querfeldein durch ein Naturschutzgebiet und halten auch sonst alle Regeln ein, die zu einer verantwortungsvollen Fotopirsch gehören. Das Anfüttern ist dabei ebenso Tabu wie das Anlocken von Tieren, indem man ihnen die Rufe von Artgenossen vorspielt.

Auf dem Niederhorn ist dies auch gar nicht nötig. Der Berg ist für die Steinböcke bekannt, welche die Scheu vor Menschen scheinbar gänzlich verloren haben und seelenruhig direkt neben dem Wanderweg grasen. Hier ein Foto von zwei kämpfenden Böcken zu schiessen, ist vergleichsweise einfach. Schneehühner dagegen interessieren kaum jemanden – und sie zu entdecken, ist ungleich schwieriger. Lediglich ein Warnruf verrät ihre Anwesenheit. Zu Gesicht bekommen die beiden Fotografen die gut getarnten Vögel heute trotzdem nicht, geschweige denn vor die Linse. Stattdessen entstehen Bilder einer Alpenbraunelle, die ihr fast schon flügge gewordenes Junges eifrig mit Insekten füttert, einer Alpendohle, die versucht, etwas vom Mittagessen der Blättlers zu erbeuten, sowie einer Ringdrossel, die ihre Strophen in die sommerliche Bergluft schmettert. Heute hat sich das scheue Alpenschneehuhn nicht gezeigt. Da es aber zu Sandras Lieblingen gehört, hat sie schon viele Bilder im Archiv. Es sind aber noch einige Arten auf der Wunschliste, wie zum Beispiel Raufusskauz, Mönchsgeier, Waldkauz, Uhu oder Waldschnepfe. Noch am Abend wird Sandra Blättler in ihrer Datenbank nachsehen, wohin der nächste Ausfluggehen könnte, um die letzten Lücken zu schliessen.

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Tipps für Anfänger

  • Unauffällige Kleidung tragen, am besten in Natur- und Tarnfarben. Ziel: Teil der Landschaft sein.
  • Sich langsam bewegen und immer wieder stehenbleiben und ruhig abwarten.
  • Mit Geduld und Ausdauer beobachten, um die Gewohnheiten der Tiere zu lernen.
  • An Orten beginnen, an denen Tiere zutraulich oder leicht zu sehen sind. Zum Beispiel bei den Murmeltieren in Saas-Fee, den Steinböcken auf dem Säntis oder den Eisvögeln in La Sauge.
  • Internet zur Recherche nutzen. Zum Beispiel ornitho.ch für Tiersichtungen.
  • Eine kleine Kamera reicht für den Anfang. Gut sind Bridge-Kameras mit bis zu 300 mm Zoom.