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Zooführungen für Menschen mit Demenz

Mehrmals pro Jahr führt der Zoo Zürich zusammen mit Alzheimer Zürich spezielle Führungen für Menschen mit Demenz und Angehörige durch. Die TierWelt war im April bei einem dieser einstündigen Rundgänge mit dabei.

Ein Tag von der edelsten Sorte: strahlende Sonne bei frühlingshaften Temperaturen, ideales Ausflugswetter. Vor dem Zoo formiert sich neben zahlreichen Schulklassen eine Gruppe mit vorwiegend älteren Menschen. Die beiden Co-Geschäftsleiterinnen von Alzheimer Zürich, Beatrice Gfeller und Caroline Grünwald, begrüssen Neuankömmlinge, schütteln Hände und weisen die 27 Personen, die sich kurz vor 14 Uhr vor dem Zooeingang einfinden, einer der drei Gruppen zu.

Dann öffnen sich die Tore. Die Guides brechen in gemächlichem Tempo in unterschiedliche Richtungen auf, jeweils gefolgt von rund zehn Personen. Patrizia Wunderlin, Tierärztin und Zooführerin, zeigt auf den Weissstorch, der über die Köpfe segelt und einen der Horste im Zoogelände ansteuert, wo die Tiere Jahr für Jahr brüten. Doch schon stiehlt ein Pfau, der an der Gruppe vorbeistolziert, dem Überflieger die Show. Ebenso imposant: die riesige Baustelle beim Eingang, wo die Zooführerin den ersten Stopp einlegt. Die mit grossen Gucklöchern und Informationen zur Pantanal-Voliere versehene Ummantelung gibt den Blick frei auf Kräne, Gerüste und tonnenschwere Baumaschinen. «Kennen Sie diesen Vogel?», fragt Patrizia Wunderlin und zeigt auf die fliegenden blauen Tiere, die auf der Baustellenabdeckung abgebildet sind. Mehrere nicken. «Die Hyazintharas werden in der neuen, 35 Meter hohen Voliere frei herumfliegen. Diese grösste Papageienart aus Südamerika züchtet der Zoo Zürich, weil sie in freier Wildbahn gefährdet sind», erklärt die Zooführerin gut hörbar und in deutlich artikulierten Worten. Im Jahr 2028 werden in dem hier geplanten Feuchtgebiet auf 11 000 m² die Bagger einer bunten Schar von gefährdeten Tierarten weichen – Chileflamingos, verschiedenen Papageienarten, Löwenäffchen, Flachlandtapiren, Ameisenbären u.v.m.

Hören, fühlen, sehen, riechen

Schon steht die Gruppe im Australienhaus vor dem Lebensraum der Exuma-Wirtelschwanzleguane. «Hier passiert gerade nicht viel, aber wir sind schliesslich bei den Reptilien», so Wunderlin. «Auch diese majestätischen Kriechtiere, die wegen des Tourismus und illegalen Wildtierhandels in der freien Wildbahn bedroht sind, gehören zum Artenschutzprogramm des Zoos.»

Bei den Regenbogenloris ist es mit der Ruhe vorbei, die hyperaktiven Papageien übertönen mit ihrem Gekrächze die Zooführerin, die jetzt darlegt, wie die bunten Kreaturen mit ihren Zungen zum begehrten Nektar vordringen. Nächste Station: die begehbare Aussenanlage, wo Bennett-Wallabys und mannshohe Emus auf ihren kräftigen Beinen den Besucherweg kreuzen.Patrizia Wunderlin reicht ein dunkelgrünes Ei herum, das die Teilnehmenden interessiert begutachten und sorgfältig in andere Hände geben. Derweil erklärt die Zooführerin, wie die Rollenteilung bei diesem flugunfähigen Vogel funktioniert. Dass das Weibchen sich nach der Eiablage aus dem Staub macht, das Männchen ganze zwei Monate im Nest sitzt, ohne Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, und nur dank seiner Fettreserven überlebt, sorgt bei einigen für ein Schmunzeln.

Dann zückt sie zwei Federn aus der Tasche, damit die Anwesenden den Unterschied zwischen einer Bussard- und einer Emufeder ertasten und aus nächster Nähe begutachten können. Beim Ausgang dann nochmals ein Innehalten. Alle lauschen. Was dieses Geräusch sein könnte, das sich wie eine afrikanische Buschtrommel anhört, fragt Patrizia Wunderlin, um wenig später die Auflösung zu präsentieren. Dank einer speziellen Öffnung im Hals kann der Emu mit solch tiefen, dröhnenden Rufen mit Artgenossen über Distanzen von bis zu zwei Kilometern kommunizieren.

Erinnerungen wecken

Spontaner Zwischenstopp bei den Wildbienen, die in ihrem Hotel ein und aus schwirren, bevor es zur letzten Station auf diesem einstündigen Rundgang geht.«Jumbo!», ruft eine ältere Frau begeistert und zeigt auf die imposante Kreatur mit Panzer, die trotz hohem Besucheraufkommen genüsslich vor sich hindöst. Mit seinen über 200 Kilos ist er die mit Abstand grösste und schwerste Galapagos-Riesenschildkröte im Zoo Zürich.

Doch auch das Weibchen zu seiner Rechten hält einen Rekord: Mit ihren über 91 Jahren gilt Nigrita als die weitaus älteste Zoobewohnerin und «ist länger als alle da, die hier arbeiten», witzelt Patrizia Wunderlin, während sie einen Panzer weiterreicht, den die Anwesenden von allen Seiten mustern. «Die Riesenschildkröten fühlen Berührungen am Panzer sehr gut, weil darunter viele Nerven und Blutgefässe verlaufen», gibt sie zu bedenken. Einige der Teilnehmenden haben sich den kleinen Schildkröten zugewandt – dem Kindergarten des Zoos, wo bereits über 125 Galapagos-Riesenschildkröten geschlüpft sind. Die Stunde ist nun um und endet bei einem gemütlichen Zusammensein im Restaurant; die Getränke wie auch die Zooeintritte werden von der Zürcher Kantonalbank offeriert.

Weniger ist mehr

Zeit für eine Nachbesprechung des heutigen Rundgangs zwischen dem Zoo Zürich und Alzheimer Zürich. Man ist sich einig: Die heutigen Teilnehmenden seien körperlich und geistig äusserst fit gewesen, viele hätten sich an frühere Zoobesuche erinnert, Tiere wiedererkannt und Rückfragen gestellt. Das ist nicht immer so: Patrizia Wunderlin lässt sich auf jede Gruppe neu ein, passt sowohl Erzählstil als auch Informationsdichte an und stimmt die Route und die Zwischenstopps auf die Bedürfnisse der Anwesenden ab. Was diese Rundgänge für Menschen mit Demenz von den regulären abhebt? «Jede Führung ist wieder anders», reflektiert die Tierärztin. Auf den Rundgängen mit Demenzbetroffenen sei es aber besonders wichtig, flexibel zu sein, alle Sinne anzusprechen, das Tempo zu drosseln und sich viel Zeit zu nehmen.

«Weniger ist mehr», pflichtet Beatrice Gfeller von Alzheimer Zürich bei. Viele Menschen mit Demenz seien still und wirkten abwesend, fährt sie fort. Aber: «Oft kommt mehr an, als man denkt.» Nach über20 Führungen für Menschen mit Demenz hat sich viel Erfahrungswissen angehäuft. So führen die Rundgänge heute nicht mehr durch die Masoala-Halle, weil sich die Tiere dort oft verstecken oder im vielen Grün nur schwer erkennbar sind. Grosse, bekannte Tiere in übersichtlichen Anlagen erweisen sich für Menschen mit Demenz als die bessere Wahl, gehen die Verantwortlichen einig.

Menschen und Tiere betroffen

Demenz ist der Oberbegriff für mehr als 100 verschiedene Krankheiten, welche die Funktion des Gehirns beeinträchtigen. Besonders die kognitiven Fähigkeiten wie das Denken, das Gedächtnis, die Orientierung und die Sprache sind dabei betroffen. Bei Haustieren zeigt sich die Erkrankung ähnlich wie beim Menschen: Das Orientierungsvermögen nimmt ab, das Sozialverhalten verändert sich und auch der Schlaf-Wach-Rhythmus gerät aus dem Takt. Während gewisse Tiere ständig herumlaufen und immer wieder die gleichen Bewegungen machen, wirken andere ängstlich oder lethargisch.

Lichtblick im Alltag

Die Rückmeldungen zu den Führungen, die die Vereinigung seit 2018 anbietet, sind laut Alzheimer Zürich immer wieder berührend. Die Tiere an sich, die vielen taktilen Reize während der Führung und die lebendige Entourage im Zoo sorgen für kleine, aber wichtige Momente des Glücks für Betroffene und ihre Begleitpersonen. «Der begleitete Zoorundgang ist nicht nur ein Lichtblick in einem oft belastenden Alltag, sondern auch eine Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen», sagt Caroline Grünwald.

Am Tisch der Teilnehmenden wird derweil weiter geplaudert. Vor allem die Schildkröten sorgen für Gesprächsstoff. Eine Frau, die heute von ihrer Tochter begleitet wird, erzählt von den Schildkröten, die sie als Kind gehalten hat. Eine Angehörige aus Schaffhausen wiederum zeigt sich glücklich, dass sie mit ihrem erkrankten Mann einen freudigen, ereignisreichen Nachmittag verbringen konnte. Ein weiteres Ehepaar verabschiedet sich, um den Zoo noch auf eigene Faust zu erkunden.

Informationen

Die nächsten Führungen finden am 19. August und am 18. September um 14 Uhr statt. Anmeldung unter info@alz-zuerich.ch oder telefonisch unter Tel. 043 499 88 63.

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