Für gesunde Beisser

Zahnpflege
Haustiere
Die Zähne von Hund und Katze sollten täglich geputzt und regelmässig untersucht werden. Ein Tierzahnarzt erklärt, warum es mit der Entfernung von Zahnstein meist nicht getan ist und wieso die Tiere dafür narkotisiert werden müssen.

Wer schon mal Zahnschmerzen hatte, weiss, wie unangenehm das sein kann. Während wir Menschen beim ersten Anzeichen sofort handeln können, haben Hunde und Katzen keine Möglichkeit, sich bei Zahnproblemen zu Wort zu melden. Bevor das Haustier vor lauter Schmerzen nicht mehr frisst, beisst es sich in der Regel sprichwörtlich durch, während sich der Zustand der Zähne zunehmend verschlimmert.  

Wie das enden kann, weiss Zahntierarzt Gottfried Morgenegg. Der Veterinär hat sich auf Zahnmedizin bei Hund und Katze spezialisiert und bietet in seiner Praxis in Obfelden ZH ausschliesslich zahnmedizinische Untersuchungen und Behandlungen an. 

Doku: Zahnreinigung beim Hund

Zähne von Hund und Katze hätten ähnliche Probleme wie die von uns Menschen, erklärt der Experte. Wenn Futterreste und die Bakterien im Speichel zwischen den Zähnen liegen bleiben, kommt es zu Entzündungen. Bakterien bilden unsichtbare Taschen im Zahnfleisch und zerstören im Untergrund den Zahnhalteapparat, was zuletzt den Kieferknochen nachhaltig schadet. 

Problem liegt meist im Verborgenen
Dabei werden nicht nur Mund und Kiefer der Tiere gefährdet, wie Morgenegg betont. «Die Millionen von Bakterien in den Zahnfleischtaschen können in den Magen und in die Blutbahn des Tieres gelangen und so den ganzen Körper gefährden.» Was in der Humanmedizin schon tausendfach beschrieben wurde, gelte auch in der Tiermedizin: Dass  innere Organe und Gelenke als Folge eines Zahnproblems erkranken können. 

Haustierbesitzer müssen jedoch nicht warten, bis ihr Liebling an Herzproblemen leidet, um zu erkennen, dass etwas im Argen liegt. Es gibt nämlich ein untrügliches und auch leicht wahrzunehmendes Anzeichen, dass im Maul des Hundes oder der Katze etwas nicht stimmt: Mundgeruch! «Studien haben gezeigt, dass, wenn der Atem des Haustieres unangenehm riecht, in 98 Prozent der Fälle Erkrankungen in der Maulhöhle dahinterstecken», sagt Morgenegg. Als weitere Anzeichen, dass mit den Zähnen etwas nicht stimmt, nennt er gerötetes Zahnfleisch und Zahnbeläge. 

Ein blosser Blick auf die Zähne reicht jedoch nicht, um festzustellen, wie es um die Gesundheit der Tiere steht, wie Morgenegg erklärt. Die Ursache für Zahnprobleme liegen selten nur bei der Zahnkrone. «Weitaus häufiger betroffen ist die Hälfte des Zahns, die nicht sichtbar ist, nämlich dessen Wurzel und der Zahnhalteapparat, auch Parodont genannt.» Wie sehr der äussere Eindruck täuschen kann, habe er erst kürzlich bei Hund Nicki feststellen können: Seine Zähne waren auf den ersten Blick gesund. Erst auf den Röntgenbildern wurde erkennbar, dass einer der Zähne bis in die Wurzel krank war. «Unbehandelt kann so ein Fall früher oder später zu einem Kieferbruch führen», sagt der Tierzahnarzt. 

Mehr als bloss Zahnsteinentfernung
Besteht der Verdacht auf eine Erkrankung der Zähne, befreit Morgenegg die Zahnkrone des Hundes oder der Katze mit einem speziellen Ultraschallgerät von Zahnstein. Dann wird die Zahnrinne gereinigt, mit Spezialinstrumenten die Zahnfleischtaschen gereinigt und gespült. Danach wird die aufgeraute Oberfläche der Zähne poliert.

Anders als viele Tierbesitzer annehmen, ist es mit der Zahnstein­entfernung aber nicht getan. «Sie ist bloss der erste Schritt einer Zahnbehandlung, um einen freieren Blick auf die Zähne zu haben», sagt Morgenegg. «Dann erst kann die eigentliche Untersuchung und Behandlung beginnen.»

Mit einer spitzen Sonde untersucht der Tierzahnarzt dann, ob alle Zähne intakt oder Löcher vorhanden sind. Und mit einer abgerundeten Sonde wird dann der Zahnhalteapparat nach Taschen hin untersucht. Findet er beschädigte Zähne oder vertiefte Taschen, fertigt Morgenegg ein Röntgenbild an, um zu schauen, wie tief das Problem geht. 

Diese Untersuchung und Behandlung sind beim wachen Tier nicht möglich, eine Narkose also unumgänglich. «Kaum ein Hund oder eine Katze ist bereit, sich der unangenehmen Untersuchung zu unterziehen. Und wenn sich das Tier wehrt, ist das Verletzungsrisiko sowohl fürs Tier als auch für uns zu gross.»

Er habe zwar Verständnis, wenn Besitzer aufgrund des Riskos vor einer Narkose ihres Tieres zurückschrecken, sagt Morgenegg. Eine Narkose sei zwar nie zu 100 Prozent sicher, aber mit den heutigen Methoden könne das Risiko stark minimiert werden. «Das Durchschnittsalter unserer Patienten liegt bei zwölf Jahren», betont der Tierzahnarzt. «Der älteste Hund war fast 20 Jahre alt und kann seither schmerzfrei leben.» 

Ohne Narkose bloss Kosmetik
Dass inzwischen vor allem in Hundesalons mit einer Methode geworben werde, Zahnstein bei Hund und Katze ohne Narkose zu entfernen, sei mit Vorsicht zu geniessen, sagt Morgenegg. Meist würden dabei lediglich die Zähne mit einer Ultraschallzahnbürste gereinigt. «Natürlich sehen die Zähne nach einer Zahnreinigung ohne Narkose wieder weiss aus, oft ist auch der Mundgeruch stark reduziert», sagt der Tierzahnarzt.

Zwar gebe es durchaus verantwortungsbewusste Hundesalons, die ihre Klienten zum Tierarzt schicken, falls sie feststellen, dass mehr als die blosse Reinigung nötig ist. Andernfalls lasse das die Tierbesitzer sich in falscher Sicherheit wiegen. Dem Hund oder der Katze werden weder Zahnschmerzen genommen noch kehrt man Folgeerkrankungen vor. Ausserdem kann die massgebende Zone unter dem Zahnfleischrand so nicht untersucht werden. 

Auch die Europäische Vereinigung der Veterinär-Zahnärzte spricht sich für die Notwendigkeit einer Narkose bei Zahnbehandlungen aus. «Einfaches Entfernen des sichtbaren Zahnsteins oberhalb des Zahnfleischrands ist weder effektiv noch zweckdienlich in der Bekämpfung von Zahnerkrankungen. Es ist eine kosmetische Behandlung, welche die Zähne besser aussehen lässt», heisst es in einer offiziellen Stellungnahme von 2013. 

Um zu verhindern, dass die Zähne des Haustieres überhaupt erst krank werden, gilt laut Morgenegg: Zähneputzen, und zwar jeden Tag 30 Sekunden. «Das ist das Beste, das man als Besitzer für die Zahngesundheit seines Tieres machen kann.» 

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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