Gefahrenquelle Gülle

Hund wälzt sich auf Wiese
Botulismus
Wenn der Bauer seine Felder düngt, ist für Hunde Gefahr im Verzug. In der Gülle tummelt sich nämlich ein Bakterium, das Vierbeinern den Tod bringen kann.

Die Tage werden länger, die Temperaturen wärmer und die Vögel lauter. Der Frühling ist jedoch nicht nur spür- und hör-, sondern auch riechbar. Dabei kündigt neben Schneeglöckchen und Primeln auch ein ganz anderer Duft den Frühling an: derjenige von frischer Gülle auf den Feldern.

Während wir Menschen deswegen höchstens angewidert die Nase rümpfen, scheinen manche Hunde vom Jauchegestank geradezu magisch angezogen. Am liebsten würden sie übers Feld rennen, sich im stinkenden Nass wälzen und die braunen Pfützen aufschlabbern. 

Doch Hundehalter tun gut daran, ihre Vierbeiner davon abzuhalten. Nicht nur, um später das Sofa nicht mit einem übel riechenden Hund teilen zu müssen. Die Gülle kann weitaus mehr anrichten, als bloss den Hund zum Stinken zu bringen. Im schlimmsten Fall kann ein Ausflug ins Güllefeld für den Vierbeiner tödlich enden. Dann nämlich, wenn der Hund durch die Gülle mit dem Gift des Bakteriums Clostridium botulinum in Berührung kommt. 

Das sogenannte Botulinumtoxin gilt als das stärkste Nervengift überhaupt. In der Humanmedizin ist es unter dem Sammelbegriff «Botox» bekannt. Da es die Verbindung zwischen Nerven und Muskulatur unterbricht, wird es in der Kosmetik in kleinsten Dosierungen zur Hautstraffung gespritzt. Denn durch die Lähmung der darunterliegenden Muskulatur werden automatisch die darüberliegenden Falten geglättet. 

Im Gegensatz zur Botox-Spritze ist das Botulinumtoxin in der Gülle nicht so dosiert, dass es ungefährlich bleibt. Die Wirkung auf Hunde ist also die gleiche – einfach in verheerendem Ausmass. Gemäss Angaben des Instituts für Veterinärpharmakologie und ‑toxikologie der Universität Zürich zeigen sich die Symptome des sogenannten Botulismus ein bis zwei Tage, nachdem das Gift aufgenommen wurde. In dieser Zeit hat sich das Botulinumtoxin in den äusseren Nerven­enden angereichert.

Vorsicht vor Pellets und Spritzmitteln

Felder werden nicht nur mit Gülle gedüngt. Häufig tragen Bauern auch Dünger in Form von kleinen Pellets auf. Auch sie können den Hunden gefährlich werden, wenn sie sie aufnehmen. Dasselbe gilt für Spritzmittel. Die junge Getreidesaat sieht für Laien aus wie Gras und wird auch von vielen Hunden gerne gefressen. Wurde das Feld vorher mit Düngemitteln gespritzt, nehmen Hunde auch diese auf, was zu Vergiftungen führen kann. Zudem kann das Spritzmittel auch durchs Lecken an den Pfoten und am Fell aufgenommen werden. Das Spritzmittel gelangt oft auch wegen unsachgemässer Anwendung auf die Feldwege und damit in Pfützen.

Nährboden für Giftentwicklung
In der Folge beginnt der Hund von hinten her zu lahmen. Die Lähmung der quergestreiften Muskulatur setzt sich schleichend über den gesamten Körper fort und gipfelt letztlich in einer Zungenlähmung, die dem Hund die Aufnahme von Wasser und / oder Futter verunmöglicht. Bis er schliesslich durch eine fortschreitende Atemlähmung erstickt. 

Dass das Botulinumtoxin in der Gülle vorhanden sein kann, hat mit den Eigenschaften des Bakteriums zu tun. Das kommt weltweit in Erd-, See- und Meeresböden vor und kann in Form von Sporen während langer Zeit überleben, wie das Bundesamt für Gesundheit auf einem Merkblatt festhält. Viele Wildtiere, Vögel und Haustiere tragen das Bakterium in sich. Sie sind davon zwar nicht beeinträchtigt, agieren jedoch als Übermittler. Gerät das Bakterium jedoch unter Luftausschluss und in Temperaturen zwischen 25 und 40 Grad, entstehen die gefährlichen Giftstoffe. Als besonders idealer Nährboden gelten Kadaver. 

So wird denn auch klar, wie das Botulinumtoxin in die Gülle kommt. Die wird auf Bauernhöfen in der Regel in unterirdischen Gruben gesammelt, die wegen der Gasentwicklung nie zu 100 Prozent geschlossen sind. Ertrinken nun beispielsweise Mäuse und Ratten in den Jauchegruben, ist das ein idealer Nährboden für das Botulinumtoxin. Genauso wie die Gülle aus der Haltung von Geflügelhöfen, die aus Sägemehl, Geflügelkot und den Kadavern von Eintagsküken besteht. 

Welche Menge des Gifts für den Hund tödlich endet, ist unklar. Auch die Frage, ob das Wälzen in Gülle alleine bereits für eine Vergiftung ausreicht, wird kontrovers diskutiert. Trotzdem warnen viele Tierärzte derzeit ihre Kunden davor, Hunde auf frisch gegüllten Wiesen herumtollen zu lassen. Das dürfte indes auch den Bauern freuen, der die Felder ja düngt, damit etwas wächst – und nicht damit Hunde daran verenden.

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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