Zu viele Zehen

Katze mit zu vielen Zehen
Polydaktylie
Manche Katzen leben auf grossem Fuss. An den Büsi mit den zusätzlichen Zehen findet jedoch nicht jeder Gefallen.

Normalerweise haben Katzen 18 Zehen: je fünf an den Vorder- und je vier an den Hinterpfoten. Es gibt aber auch Katzen, die mehr Zehen besitzen. Die sogenannte Polydaktylie, nach dem griechischen Wort für «Vielfingrigkeit», tritt besonders häufig in Teilen Englands und den USA auf. «Polydaktylie bei Katzen wird oft als Hemingway-Mutation bezeichnet, da der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway einige Poly-Katzen besessen haben soll», sagt Raymonde Harland.

Seit Jahren zählt die Hamburgerin auch in der Schweiz zu den führenden Referentinnen über Katzengenetik. «Verantwortlich an dieser Mutation ist ein dominantes Gen, das als Pd im Gencode bezeichnet wird.» Wie alle dominanten Gene vererbe es sich in die nächste Generation. «Reinerbige Katzen vererben es zu 100 Prozent und bei mischerbigen steht die Chance statistisch bei 50 Prozent, wenn nur ein Elternteil es hat.» Vorkommen könne Polydaktylie bei allen Haus- und Rassekatzen.

Am häufigsten ist die Vielzehigkeit bei den Rassen Maine Coon und Pixiebob zu finden. «Die Ursprungskater der Rasse Pixiebob waren polydaktyl, weshalb Vielzehigkeit bei dieser Rasse sehr häufig vorkommt und auch anerkannt ist», erklärt Harland. Der genaue Ursprung der Polydaktylie bei Maine Coons hingegen ist unbekannt. Erste Aufzeichnungen gehen zurück bis ins späte 19. Jahrhundert, als Maine Coons noch keine Rassekatzen im heutigen Sinne waren. Ihr Anteil in der amerikanischen Maine-Coon-Population lag in den 1950er-Jahren laut einer damaligen Erhebung bei rund 40 Prozent. Als die sanften langhaarigen Riesen in unsere Häuser Einzug hielten, wurden die überzähligen Zehen als Schönheitsfehler erachtet und nicht in den Zuchtstandard aufgenommen.

«Nur selten haben Katzen gleich an allen vier Pfoten zusätzliche Zehen.»
Raymonde Harland
Katzengenetik-Exerptin

Maximal sieben Zehen pro Pfote
Dies scheint sich gerade zu ändern. «Einige Maine-Coon-Züchter meinen, dass Polydaktylie zu einer Maine Coon gehört und im Standard als erlaubtes Merkmal geführt werden sollte», sagt Harland, die selbst seit knapp dreissig Jahren Maine Coons züchtet. Eine polydaktyle Katzen hat sie nicht. «Katzen sollten nicht auf dieses Merkmal hin gezüchtet werden.» Dennoch lassen sich in vielen europäischen Ländern und den USA Züchter finden, die nebst normalzehigen auch polydaktyle Maine Coons einsetzen. Nicht jeder Zuchtverband akzeptiert allerdings die vielzehigen Tiere, auch wenn bereits zahlreiche internationale Rassenausstellungen sie in der Champion-Klasse zulassen.

Halterin einer polydakylen Maine Coon ist die ehemalige Züchterin und Tierpsychologin Katharina Aeschimann aus Winterthur ZH. Ihrer Ansicht nach gehört Polydaktylie zu den Merkmalen dieser Rasse. Ihre polydaktyle Pixie war eine Wunschatze. «Eine meiner Zuchtkätzinnen hatte einen Poly-Vater und ich war fasziniert von den breiten Pfoten.» Pixie wurde aber aus anderem Grund nie zur Zucht eingesetzt. Das Wissen zu polydaktylen Maine Coons habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, sagt Aeschimann. «Früher vermutete man, dass bei der Verpaarung von zwei Poly-Katzen zu viele Zehen entstehen könnten.» Heute wisse man, dass es maximal nur sieben Zehen pro Pfote gibt. «Es handelt sich nicht um einen direkten Gendefekt wie ursprünglich angenommen.» 

Deshalb sei die Zucht nicht mehr untersagt und auch Verpaarungen mit zwei Poly-Katzen sei erlaubt. In der Tat ist die Polydaktylie der Maine Coon auf eine Punktmuta­tion an einem Steuerungselement für das sogenannte Sonic-Hedgehog-Gen zurückzuführen. Das ist unter anderem für die Ausbildung der Zehen zuständig. Das Kommando «stopp» erreicht das Gen schlichtweg zu spät, sodass meist auf der Seite des Daumens Zehen weitergebildet werden. «Nur selten haben Katzen gleich an allen vier Pfoten zusätzliche Zehen», sagt Genetikexpertin Raymonde Harland. «In der Regel sind nur die Vorderpfoten von der Vielzehigkeit betroffen.» Stets tritt die Überzahl symmetrisch auf. Im Stammbaum werden diese Tiere dann neben dem Namen mit einem zusätzlichen «P» für Polydaktylie an zwei und «PP» für Polydaktylie an allen vier Pfoten gekennzeichnet.

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