In der Schweiz fallen jährlich über mehrere Hunderttausend Tonnen tierischer Nebenprodukte an, die aus Schlachthöfen, lebensmittelverarbeitenden Betrieben oder verendeten Nutztieren stammen. Anstatt sie als blossen Abfall zu betrachten, werden sie sinnvoll weiterverwertet. Das spart Ressourcen, schont die Umwelt und bringt vielseitige Nutzungsmöglichkeiten mit sich. So landen Knochen etwa nicht nur als Gelatine in Gummibärchen, sondern auch als wert-voller Phosphorlieferant in Düngemitteln. Sie werden unter anderem zu Knochenmehl verarbeitet, das als Langzeitdünger dient. In der Industrie werden sie zudem für die Herstellung von Aktivkohle genutzt, die in der Wasseraufbereitung ihre Anwendung findet. Eine Untersuchung der ETH Zürich aus dem Jahr 2021 ergab, dass Knochenmehl in der Landwirtschaft erheblich zur Bodenverbesserung beiträgt und Phosphor in einer nachhaltigen Form bereitstellt.

Blut hingegen wird zu eiweissreichem Futter verarbeitet, das Tieren essenzielle Nährstoffe liefert. Es enthält viele Aminosäuren und Eisen, die besonders für die Tierzucht wichtig sind. Blutmehl dient ausserdem als hochwertiger Stickstoffdünger und sorgt für kräftiges Pflanzenwachstum. In der Medizin wird Blut zur Herstellung von Plasma-Derivaten genutzt. Laut einer 2022 veröffentlichten Studie des Bundesamts für Landwirtschaft könnte eine breitere Nutzung von Blut als Düngemittel helfen, synthetische Stickstoffdünger zu reduzieren und damit klimaschädliche Emissionen zu senken. Und eine Studie der Berner Fachhochschule aus dem Jahr 2023 besagt, dass die Verarbeitung von Nebenprodukten das Potenzial hat, die gesamten Treibhausgasemissionen der Schweineschlachtung auszugleichen.

Von Leder bis Biokraftstoff

Leder aus Tierhäuten gehört längst zur Modewelt, doch es spielt auch in der Landwirtschaft eine Rolle – von robusten Sattelriemen bis zu widerstandsfähigen Halftergurten. Darüber hinaus wird Haut zur Produktion von Gelatine genutzt, die in der Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie unverzichtbar ist. Kosmetikprodukte profitieren ebenfalls von Kollagen aus Tierhaut. Eine 2020 durchgeführte Untersuchung der Universität St. Gallen zeigte, dass nachhaltige Lederproduktion aus tierischen Nebenprodukten langfristig die CO2-Bilanz der Lederindustrie verbessern könnte.

Aber auch Federn sind mehr als nur fluffige Überreste: Sie stecken als Federmehl voller Proteine für Tierfutter oder werden zu Daunendecken verarbeitet. In der Landwirtschaft dienen sie als natürlicher Stickstofflieferant für Böden. Die Verarbeitung von Keratin aus Federn bietet Potenzial für die Biotechnologie. In einem 2021 veröffentlichten Bericht des Fraunhofer-Instituts wurde festgestellt, dass Keratin aus Federn in der Herstellung biologisch abbaubarer Kunststoffe genutzt werden kann, was die Umweltbelastung durch synthetische Materialien verringern könnte.

Ein Geheimtipp für Gärtner!

In Form von Hornspänen sind Hufe und Hörner ein hervorragender Langzeitdünger. Sie setzen Nährstoffe langsam frei und verbessern so langfristig die Bodenfruchtbarkeit. In der Industrie werden sie zudem für die Herstellung von Knöpfen, Kämmen und Kunsthandwerksprodukten verwendet. Eine Studie der Universität Zürich von 2023 belegte, dass Hornspäne einen positiven Einfluss auf die Humusbildung haben und so langfristig die Fruchtbarkeit landwirtschaftlicher Flächen steigern. Und Organe? Sie stecken in Arzneien, Enzymen und Hormonen, die in der Medizin unverzichtbar sind. Insulin, gewonnen aus der Bauchspeicheldrüse von Tieren, ist ein bekanntes Beispiel. Darüber hinaus finden tierische Organe in der Heimtierfutterproduktion und als wertvoller Rohstoffe für Enzympräparate Verwendung.

Biokraftstoffe und neue Technologien

Sogar Biokraftstoffe können aus tierischen Fetten gewonnen werden – ein nachhaltiger Kreislauf, der Abfall reduziert und wertvolle Rohstoffe nutzt. Tierische Fette werden zur Produktion von Biodiesel eingesetzt, der fossile Brennstoffe ersetzen kann. Zudem sind sie in der Seifenherstellung ein bewährter Grundstoff. Eine Studie der Technischen Universität München aus dem Jahr 2022 untersuchte die Effizienz von tierischen Fetten als Biodieselquelle und kam zu dem Schluss, dass ihre Nutzung die CO2-Emissionen im Transportsektor um bis zu 15 Prozent senken könnte.

Ein weiteres sehr spannendes Forschungsfeld ist die Umwandlung tierischer Nebenprodukte in Biokunststoffe. Wissenschaftler der Universität Freiburg arbeiten an einem Verfahren, das Proteine aus Schlachtabfällen in biologisch abbaubare Kunststoffe umwandelt. Diese könnten künftig als Alternative zu herkömmlichen Verpackungsmaterialien dienen. Weitere zukünftige Innovationen in der Nutzung tierischer Nebenprodukte könnten dazu beitragen, die Abfallmenge noch weiter zu reduzieren und gleichzeitig nachhaltige Materialien für verschiedene Industrien bereitzustellen.