Egal, wohin man in der Wohnung geht: Wie ein Schatten folgt einem der eigene Hund auf Schritt und Tritt. Was auf den ersten Blick nach rührender Anhänglichkeit aussehen mag, kann auf Dauer stressig werden – für Mensch und Tier. Zumeinen möchte der Mensch vielleicht hin und wieder etwas Privatsphäre. Noch wichtiger aber ist, dass der Hund durch das permanente Beobachten und Verfolgen des Menschen nicht genügend Schlaf und keine Ruhe bekommt. Auf 16 bis 18 Stunden sollte ein erwachsener Hund täglich kommen. Sind es dauerhaft weniger, können Gesundheit und Verhalten darunter leiden. Ausserdem: Kann der Hund den Menschen nicht einmal für wenige Minuten aus den Augen lassen, wird das mehrstündige Alleinsein für ihn erst recht zur Qual.

Doch was motiviert einen Hund, seinen Menschen wenn nötig bis aufs WC zu verfolgen? Die möglichen Ursachen sind vielfältig und nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Manchmal ist es ein (unbewusst) falsches Training. Hunde sind zwar soziale Tiere, die die Nähe des Menschen suchen. Wer seinem Hund jedoch in jedem Moment volle Aufmerksamkeit schenkt, fördert dadurch seine Verfolgungsmotivation. Denn was lernt der Hund? Wo der Mensch ist, ist die Party. Die logische Folge ist daher, dass der Hund ihm permanent erwartungsvoll hinterherläuft.

Andererseits kann auch ein zu geringes Mass an Aufmerksamkeit zu Problemen führen. Dann nämlich, wenn der Hund im Alltag stark unterfordert und gelangweilt ist. Hier gilt es ein gesundes Mittelmass zu finden und dem Hund eine dem Alter und der Rasse entsprechende körperliche und geistige Auslastung zu ermöglichen.

Trennungsangst: Nicht ohne meinen Menschen!

Eine weitere mögliche Ursache für das unentwegte Verfolgen des Menschen ist die Trennungsangst. Haben Hunde nie gelernt, alleine zu bleiben, kann ihre Angst davor so gross sein, dass sie ihre Bezugsperson niemals aus den Augen lassen möchten. Sie fühlen sich dann komplett überfordert und werden nervös.

Trennungsangst kann aber nicht nur aus einemErfahrungsdefizit entstehen. Sie kann sich auch im Laufe des Hundelebens entwickeln. Beispielsweise bei plötzlichen Veränderungen im Alltag (ungewohntes Alleinsein in neuer Umgebung) oder aufgrund traumatischer Erfahrungen während des Alleinseins (Gewitter, Feuerwerk etc.). Da es sich hierbei um eine existenzielle Angst handelt, ist sie nicht einfach zu therapieren und braucht ein behutsames, geduldiges Training.

Kontrollzwang: Du kannst nicht ohne mich!

Während es manche Hunde stresst, ohne ihren Menschen klarzukommen, werden andere nervös, weil sie glauben, dass ihr Mensch nicht ohne sie klarkommt. Gerade Rassen mit einem starken Wach- und Schutztrieb leiden häufig unter einem sogenannten Kontrollzwang. Sie wurden schliesslich dafür gezüchtet, nach Gefahren Ausschau zu halten und ihr Rudel davor zu beschützen. Das Problem beginnt, wenn Hunde nun diese Veranlagung an der Seite ihres Besitzers ausleben dürfen. Kann der Vierbeiner dem Menschen also vom ersten Tag an nonstop folgen, sieht er es mit der Zeit als seine Pflicht an und fühlt sich für die Sicherheit der Familie zuständig. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, darf ihm nichts entgehen. Folglich ist er unentwegt «auf dem Sprung» und kommt höchstens dann zur Ruhe, wenn der Mensch längere Zeit an einem Ort bleibt.

Im Vergleich zu Hunden mit Verlustangst neigen solche mit Kontrollzwang dazu, ihren Besitzer wie ein ungehorsames Kind zu massregeln. Sie schränken z.B. seine Bewegungsfreiheit ein, indem sie sich häufig vor seine Füsse legen oder stellen. Hat sich der Mensch im Alltag «unerlaubterweise» entfernt (und seiner Kontrolle entzogen!), zeigen sie ihm bei seiner Rückkehr ihren Unmut, indem sie ihn rüpelhaft anspringen oder gar nach ihm schnappen.

Auch draussen kann man einen «Kontroletti» häufig schon von Weitem erkennen. Da er sich auch dort für seinen Besitzer verantwortlich fühlt respektive ihm nichts zutraut, will er auch an der Leine das Zepter in die Hand nehmen. Die Folge ist meist heftiges Pöbeln gegen Artgenossen und Passanten. Will der Mensch das Verhalten korrigieren, wird er es schwer haben, sich durchzusetzen. Aus Sicht des Hundes kann er schliesslich nicht einmal alleine durch die Wohnung gehen. Wie sollte er da fremde Hunde oder Passanten in Schach halten?

Egal, ob aus Trennungsangst oder Schutztrieb: In beiden Fällen muss der Hund als Erstes lernen, stressfrei eine gewisse Distanz zum Menschen zu halten. Als Übung wird er auf eine ihm vertraute Decke gebracht. Diese liegt an einer ruhigen Stelle, von wo der Hund möglichst nicht den ganzen Raum einsehen kann (z.B. in einer Zimmerecke). So ist er gezwungen, seine Kontrollfunktion aufzugeben beziehungsweise Verantwortung an den Menschen abzugeben. Wichtig: In seiner «Ruheoase» schenkt ihm der Mensch keinerlei Aufmerksamkeit (kein Anfassen, Anschauen oder Ansprechen).

Verlässt der Hund die Decke und kommt angelaufen, wird er unaufgeregt zum Platz zurückgeschickt oder -gebracht und die Übung beginnt von vorne. Als Hilfsmittel kann anfangs auch eine Hausleine oder eine vertraute Box dienen, in der der Hund räumlich begrenzt wird. Je nachdem wie stark der Verfolgungsdrang ausgeprägt ist, kann es etwas dauern, bis der Hund gelernt hat, seinen Platz zu halten und zur Ruhe zu kommen. Nach einiger Trainingszeit sollte sich der Mensch immer weiter entfernen oder auch kurz das Zimmer verlassen können. Dabei ist es wichtig, sowohl beim Gehen als auch bei der Rückkehr entspannt zu sein und den Hund zu ignorieren. Wie auch beim Alleinseintraining soll der Hund lernen, dass es etwas vollkommen Normales ist, dass sein Mensch erstens sich selbstständig entfernt und er zweitens immer zurückkommt.

Regeln und Grenzen schaffen Sicherheit

Der Kontrollzwang hängt in erster Linie mit der Mensch-Hund-Beziehung zusammen. Wer seinen Vierbeiner im Alltag wie einen König bedient, ihm alles erlaubt und auf jede Annäherung eingeht, wird nicht als souveräner Rudelführer wahrgenommen. Ranghohe Hunde verhalten sich gegenüber ihren Rudelmitgliedern eher ignorant. Sie strahlen Ruhe aus und sorgen für Sicherheit. Ähnlich sollten sich auch Hundebesitzer positionieren und verbindliche Regeln und Grenzen vorgeben. Diese bilden nicht nur den Rahmen, in dem sich der Hund sicher bewegen kann. Sie fördern auch sein Vertrauen in den Menschen als verlässlichen Sozialpartner, dem man gerne Verantwortung überträgt.

Welpen: Folgetrieb aus SelbstschutzBei Welpen beruht das Verfolgen der Bezugsperson auf einem angeborenen Verhalten. Auch ohne Leine laufen sie ihrem Menschen instinktiv bis etwa zur 16. Lebenswoche überall hinterher. Schliesslich wäre der junge Hund ohne seinen Schutz aufgeschmissen. Dennoch sollte man bereits Welpen an das Alleinsein gewöhnen, indem man beispielsweise den Raum kurz verlässt, die Tür schliesst und sofort wieder zurückkommt. Je weniger Aufhebens man dabei macht, desto besser.