ABO

«Insekten sind nicht flauschig, aber cool.»

Véronika Mischitz ist Wissenschaftskommunikatorin. Sie bringt den Menschen komplexe Themen bei – in Form von Comics. Weshalb sich das Medium so gut eignet und wieso ihr Herz für eklige Viecher schlägt, erklärt sie im Interview.

Frau Mischitz, Sie sind Wissenschaftskommunikatorin. Was tun Sie genau?

Wir verstehen uns als Brückenbauer, als Vermittler zwischen der allgemeinen Öffentlichkeit und denForschungsinstitutionen. Mithilfe verschiedener Medien versuchen wir, die Wissenschaft für alle zugänglich zu vermitteln. Dafür gibt es viele Wege: Journalismus, Podcasts, Videos und eben Comics, für die ich mich entschieden habe.

Wieso gerade Comics?

Einerseits verbinde ich so meine Leidenschaft fürs Zeichnen mit jener für die Wissenschaft. Andererseits kann ich bei Comics auf eine ganz eigene Sprache zurückgreifen, jene der Bilder. Es handelt sich um eine Art intuitiven Wortschatz, den alle Menschen miteinander teilen. Zudem funktioniert viel über Storytelling: Ich kann die Geschichte so schreiben, dass die Leute reingezogen werden. Vielleicht interessieren sie sich gar nicht so sehr für das Thema, nehmen es aber trotzdem mit. Im Idealfall erzähle ich ihnen eine gute Geschichte und sie lernen etwas dabei, ganz nebenbei.

«Insekten sind nicht flauschig, aber cool.»
«Versteht man ein Tier, findet man es nicht mehr doof»

Also steht bei ihrer Arbeit der Spass im Fokus, auch wenn es sich um ein trockenes, wissenschaftliches Thema handelt?

Die Freude am Lesen ist sicher ein wichtiger Faktor. Comics sind ein niederschwelliges Medium, bei ihnen muss ich keine Angst haben, überfordert zu werden. So sind Comics ursprünglich auch entstanden: AlsBildergeschichten für Leute, die nicht lesen konnten. Gleichzeitig ist es meine Aufgabe, den Menschen zu zeigen, dass es sich bei der Wissenschaft eben nicht um etwas Trockenes handelt. Der Trick dabei ist, einen emotionalen Anknüpfungspunkt zu bieten, damit der Leser das Thema mit sich selbst verbinden kann.

Trotzdem: Forschungsgebiete sind oft sehr detailreich und kompliziert. Wie meistern Sie die Balance zwischen wissenschaftlich korrekt und visuellansprechend?

Über die Jahre habe ich mir verschiedene Strategien erarbeitet. Das ist eben das Gute am Comic: Ich muss nichts kompliziert erklären, sondern kann es zeigen. Ich nutze die Bildsprache unseres Alltags und verknüpfe sie mit dem richtigen Text. Unumgänglich ist aber sicher eine aufwändige Recherche. Ich steige selber so weit in das Thema ein, dass ich weiss, was ich weglassen kann und was erzählt werden muss. Das mache ich ungern allein, sondern ich schaue, dass ich so oft wie möglich mit Forschenden zusammenarbeiten kann. Sie erklären mir ihr Gebiet und schauen am Schluss, ob ich es richtig umgesetzt habe.

Ihre Themenvielfalt ist riesig: Von Quantenphysik über die RNA-Impfung bis hin zur EU-Wahl haben Sie schon fast alles behandelt. Gibt es nichts, vor dem Sie zurückschrecken?

Bisher habe ich noch kein Thema abgelehnt. Natürlich gab es immer wieder Dinge, worauf ich nicht so Bock hatte. Dann lese ich aber das wissenschaftliche Papier durch, beschäftige mich mit der Person hinter der Theorie, suche nach einem Zugang – und lecke dann irgendwann Blut. Beispielsweise habe ich mich einmal mit der «Farbzahl der Ebene» beschäftigt, einem sehr komplizierten mathematischen Problem. Ich musste die Publikation sicher ein Dutzend Mal lesen, bevor ich sie verstanden habe. Entstanden ist schlussendlich eine düstere Crime Noire Story im Stil von «Sin City». Eine meiner besten Arbeiten bisher.

Zur Person

Veronika Mischitz ist 41 Jahre alt, zweifache Mutter und gebürtige Düsseldorferin. Nach ihrem Biologiestudium machte sie sich als Illustratorin selbstständig, zuerst hauptsächlich für Schul- und Kinderbuchverlage. Von 2014 bis 2018 gestaltete sie für die Helmholtz-Gemeinschaft den monatlich erscheinenden Blog «Klar soweit?». Damals galt sie als erste deutsche Wissenschaftskommunikatorin, die Comics als Medium nutzte. Neben ihren drei veröffentlichten Büchern arbeitet Mischitz immer wieder an verschiedenenProjekten sowie als Dozentin für Wissenschaftskommunikation an der Universität Luxemburg. blogs.helmholtz.desciencecomics.uni.lu

Sie zeichnen nicht nur Comics, sondern illustrieren auch Bücher. Ihr neustes heisst «Insektenwelt für Ahnungslose». Was fasziniert Sie an den krabbelnden Viechern?

Das hat letztendlich viel mit dem Zugang zu tun, den ich als Kind zu Insekten hatte. Als ich noch ein kleines Kind war, eröffnete in Düsseldorf in der Nähe meines Wohnorts der Aquazoo – eine Mischung aus Zoo und Naturkundemuseum. Dort war ich sehr oft mit meiner Familie, auch wenn es bis auf Insekten, Amphibien, Reptilien, Fische und ein paar Pinguine eigentlich nicht viel zu sehen gab. Irgendwann kannte ich jedes Tier, hatte jede Tafel durchgelesen. Die Insekten haben mich besonders fasziniert – etwa der Gelbrandkäfer oder die Ameisen. Sie sind zwar auf den ersten Blick weder niedlich noch flauschig, aber doch ziemlich cool, wenn man sie sich genauer anschaut.

«Insekten sind nicht flauschig, aber cool.»

Das Buch ist eine Art Anleitung zum Entdecken der Insektenwelt. Gleichzeitig gehen Sie auch auf ernste Themen ein, wie das Insektensterben. Ist das nicht etwas abgedroschen?

Die Problematik ist gerade sehr präsent, das stimmt. Viele Menschen sind sich des Themas bewusst, und doch herrscht viel Unwissenheit. Da möchte ich aufklären. Es wird beispielsweise sehr viel gemacht, das helfen soll, in Wahrheit aber gar nichts bringt. Zum Beispiel die Blühstreifen, die alle so toll finden. Zugegeben, man sieht darin zwar viele Insekten. Dafür werden aber auch oft Pflanzen aus anderen Ländern genutzt, die den Tieren nicht so viel bringen wie unsere heimischen Waldkräuter. Und auch wenn sich die Konzerne damit profilieren, reichen ein paar Blühstreifen niemals aus, um die vielen Landwirtschaftsflächen zu kompensieren. Das ist Augenwischerei und vonsolchen Taktiken dürfen wir uns nicht blenden lassen.

«Insekten sind nicht flauschig, aber cool.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich in einem Buch mit missverstandenen Kreaturen beschäftigen. Eines Ihrer ersten Werke hiess «Fiese Viecher». Weshalb dieser Einsatz?

Das bin wohl einfach ich. Ich kaufe auch immer die eingedrückten Milchpackungen im Supermarkt (lacht). Nein, ernsthaft: Von der biologischen Seite her gibt es kein Gut und Böse, kein Richtig und Falsch. Alles ist irgendwie miteinander verbunden. Wenn überhaupt, haben die Tiere aus historischen Gründen einen schlechten Ruf. Füchse wurden früher etwa wegen der Ansteckungsgefahr mit Tollwut gemieden. Tauben wiederum gelten als unsauber, obwohl sie extrem schlau und einfach saucool sind. Wussten Sie zum Beispiel, dass sie Pioniersiedler sind? Weil Tauben so lange Strecken fliegen können, gehörten sie oft zu den ersten Arten, die eine neue Insel besiedelten. Manchmal hilft es zu verstehen, was ein bestimmtes Tier kann und was nicht. Dann findet man es gar nicht mehr so doof.

Schmöckerecke

Eine Anleitung zum Entdecken, Bestimmen und Verstehen der Insektenwelt: Véro Mischitz: «Insektenwelt für Ahnungslose. Krabbeltiere sehen und lieben lernen» 128 Seiten mit 250 Zeichnungen, Kosmos-Verlag

Weiterlesen