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Textilrecycling: Wie Fabric Loop den Kleiderkreislauf schliessen möchte

Nur ein Bruchteil der Alttextilien wird heute recycelt – das will Fabric Loop ändern. Die Branchenorganisation plant ein schweizweites System für Sammlung, Sortierung und Wiederverwertung von Bekleidung und Heimtextilien. Geschäftsführerin Simone Alabor erklärt im Interview, welche Ziele dahinterstehen und welche Hürden noch zu überwinden sind.

Frau Alabor, ab dem 19. Juli dürfen grosse Modehersteller in der EU ihre unverkauften Waren nicht mehr vernichten. Was halten Sie davon und betrifft dies auch Modehersteller in der Schweiz?

Simone Alabor: Das Vernichtungsverbot wird in der Schweiz nicht in Kraft treten, dieses betrifft nur die EU. Da aber Schweizer Textilunternehmen in die EU exportieren, sind sie durchaus vom Verbot betroffen. Für uns bei Fabric Loop sind jedoch die EU-Regulierungen vom Frühling 2028 bedeutsamer: Ab dann müssen in jedem Mitgliedstaat Branchenorganisationen existieren und operativ tätig werden. In ganz Europa besteht spätestens dann der Zwang für die Branche, im Sinne eines Kleiderrecyclingsystems tätig zu werden und die Stoffkreislaufschliessung zu organisieren und zu finanzieren. Aus diesem Grund wurde auch Fabric Loop Ende 2024 von Swiss Textiles und Unternehmen aus der Textilbranche gegründet.

Nur ein Prozent der Alttextilien werden weltweit hochwertig recycelt. Wie will Fabric Loop den Anteil steigern, zumindest in der Schweiz?

Auch für die Schweiz gehen wir von einem solch niedrigen Anteil aus. Bei der heutigen Sammlung handelt es sich um ein Handelssystem. Es finanziert sich vom Weiterverkauf von Textilien und ist nicht darauf ausgerichtet, ein hochwertiges Faser-zu-Faser-Recycling zu fördern. Wir planen, die Sammlung auf Materialien auszuweiten, die für ein Recycling spannend sein könnten, wie etwa ein löchriger Matratzenbezug, der aus wertvollen Baumwollfasern besteht. Damit ein Recycling möglich wird, werden wir die Sortierung neu ausrichten müssen. Zuerst würde man aussortieren, was wiederverwendet werden könnte und in einem zweiten Schritt, was man recyclen könnte. Erst wenn beides nicht möglich ist, würde man das Alttextil in einer Schweizer Kehrichtverwertungsanlage verbrennen.

Wie können diese Vorhaben in der Schweiz umgesetzt werden?

Die Produzenten der Textilien müssen die Verantwortung für die Kreislaufschliessung ihrer in Umlauf gebrachten Materialien übernehmen. Dafür braucht es eine solide Finanzierung. Die Idee wäre, einen vorgezogenen Recyclingbeitrag auf Textilien zu erheben, wie er etwa bei Kühlschränken und PET-Flaschen bereits existiert. Konsumentinnen und Konsumenten würden den niedrigen Betrag im Rappenbereich nicht spüren. Heute werden die Kosten vermehrt über Steuergelder finanziert, was auch nicht verursachergerecht ist. Damit das Vorhaben jedoch funktioniert, müssten sämtliche Produzenten diesen Beitrag erheben.

Aber wie kann dies umgesetzt werden, wenn ein Grossteil aus dem Ausland importiert wird?

Das ist die Knacknuss. Es ist besonders wichtig, dass eine faire Finanzierung besteht. Eine faire Finanzierung heisst, dass jegliche Marktteilnehmer ihren Anteil leisten. Es kann nicht sein, dass Schweizer Unternehmen den Aufbau des Systems finanzieren, während ausländische Anbieter nichts dazu beitragen. Wir haben im Schweizer Textilmarkt momentan die Situation, dass über 30 Prozent der Menge von ausländischen Onlineplattformen wie Zalando, Temu und Shein stammen. Das Ganze würde daher nur funktionieren, wenn alle es mitfinanzieren. Hierzu gibt es politische Bestrebungen, dass dies auch verpflichtend wird.

Sie wollen ein Recyclingsystem aufbauen. Gibt es bereits ein ähnliches System, welches Ihnen als Vorbild dient?

Vom Systemdesign her ist ganz klar PET-Recycling Schweiz unser Vorbild und eine Art Blaupause. Die Idee wäre, dass im Zentrum ein nicht gewinnorientierter Verein wäre, welcher einen klaren Zweck hätte: die Koordination und Organisation des Systems der Stoffkreislaufschliessung. PET-Recycling Schweiz besitzt hohe Sammel- und Verwertungsquoten und ist damit sehr erfolgreich. Besonders eindrucksvoll war auch, dass, nachdem die Inverkehrbringer die Verantwortung übernommen hatten, auch ihr Produktdesign vermehrt auf die Verwertung abgestimmt wurde. Eine solche Anpassung wäre für Textilien ebenso wichtig.

Welche Ziele hat sich Fabric Loop gesteckt?

Werden politisch die Rahmenbedingungen auch in der Schweiz bis 2028 geschaffen, wollen wir bis 2035 klare Ziele erreichen. Einerseits betrifft dies eine hundertprozentige Sortierung in der Schweiz. Nur mit einer hiesigen Sortierung können die Ströme kontrolliert werden. Das zweite Ziel sieht 60 Prozent an Recycling und Wiederverwertung vor, was eine 80-prozentige Sammelquote benötigt. Das dritte Ziel betrifft Null Prozent Deponie – ein sehr ambitioniertes Ziel, gerade was die Transparenz angeht. Um dies umsetzen zu können, müssen wir aber auch wissen, wo die gesammelten Materialien landen. Das vierte Ziel wäre die jährliche Veröffentlichung eines Berichtes über die Stoffflüsse und Finanzen. Transparenz ist für uns ein sehr wichtiger Faktor, der heute de facto fehlt. Es existieren so gut wie keine Daten, wo die Textilien heute landen und was mit ihnen geschieht.

Was könnte unter Fabric Loop mit den Textilien geschehen?

Neben den angesprochenen Bestrebungen wollen wir Fiber-to-Fiber-Recycling fördern. Während Open-Recycling bereits existiert – also etwa die Herstellung von Putzlappen und Dämmmaterial aus Alttextilien –, fehlt eine grossangelegte Herstellung von Textilien aus Alttextilien. Mit einer Branchenorganisation wird dies jedoch kommen, denn dann besteht auch die Zusicherung von einer hohen Menge in verlässlicher Qualität, mit welcher skaliert werden kann. Nur unter diesen Bedingungen wird es für die Unternehmen interessant, in neue Recyclinganlagen zu investieren.

Textilrecycling: Wie Fabric Loop den Kleiderkreislauf schliessen möchte
Simone Alabor ist ausgebildete Betriebswirtin und war als Geschäftsführerin für verschiedene Unternehmen im Bereich der Kreislaufwirtschaft tätig. Vor ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin von Fabric Loop war sie Vizepräsidentin bei «RecyPac», der Branchenorganisation für Kunststoff-Verpackungen und Getränkekartons.

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