Unser Wald ist ein Multifunktionskünstler. Er dient als Holzlieferant, Wasserreservoir, Lunge sowie als Erholungsraum und schützt vor Lawinen. Er ist Heimat für fast die Hälfte unserer Pflanzen und Tiere. Rund ein Drittel der Schweiz ist mit Wald bedeckt. Doch der Wald steht unter Druck. Alle wollen etwas von ihm. Holz als CO2-Speicher ist im Rahmen des Klimawandels verstärkt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Während der Pandemie haben gleichzeitig die Ansprüche an die Erholungsfunktion des Waldes zugenommen. Und während der Energiekrise wollen viel mehr Menschen wieder mit Holz heizen. Daneben stellen weitere Gruppen Ansprüche an den Wald im Bereich Wasserfilterung, Schutz vor Naturgefahren und Biodiversität.
Welche Erwartungen bestehen an den Schweizer Wald? Wie werden diese Interessen vereint? Welche Ansprüche können erfüllt werden? Was kostet deren Umsetzung? Diesen Fragen gingen Führungskräfte aus den Bereichen Forst, Naturschutz, Industrie, Forschung sowie aus Verwaltung und Politik am ersten Schweizer Waldkongress im September in Bern nach. Der Anlass wurde organisiert von Wald Schweiz, dem Verband der Schweizer Waldeigentümer, und stand unter dem Titel «Holznutzung und Ökosystemleistung – Widerspruch oder Synergien?».
Forstbetriebe schreiben Verluste
«Wir sind auf das Ökosystem Wald angewiesen», stellt Dr. Katrin Schneeberger, Direktorin des Bundesamtes für Umwelt, gleich zu Beginn des Kongresses in ihrem Referat klar. Sie gab die Ziele des Bundes wieder, der die Sicherstellung der Ökosystemleistungen mittels eines Drei-Dimensionen-Konzepts der Nachhaltigkeit durch Waldbewirtschaftung gewährleisten will. Im Bereich Gesellschaft und Soziales stehen Freizeit,Erholung, Erhaltung des Landschaftsbildes sowie Schutz vor Naturgefahren im Fokus.
Der Punkt Ökologie beinhaltet genetische Vielfalt, Artenvielfalt, Lebensräume und natürliche Prozesse – damit der Wald weiterhin als CO2-Speicher funktionieren kann. Unter dem ökonomischen Gesichtspunkt soll die Ressource Holz auch weiter genutzt werden, um Arbeitsplätze zu sichern. Auch Laubholz soll gefördert werden, um das Potenzial auszuschöpfen. Laut Katrin Schneeberger schreiben die Forstbetriebe in der Schweiz seit Jahren hohe Verluste.

2020 betrugen diese 44 Millionen Franken. Zwei wichtige Gründe dafür sind: Das ausländische Holz ist einfach zu billig und die Bergwälder sind für die Bewirtschaftung schlecht erschlossen. «Die aktuelle Waldbewirtschaftung funktioniert nur, weil der Bund jährlich Geld spricht», führt die Direktorin des Bundesamtes für Umwelt aus. «Um auch die weiteren Herausforderungen wie Versorgungssicherheit, Klimawandel, Bevölkerungsdruck anzugehen, soll vorausschauend und gemeinsam gehandelt werden.
Ökologie darf dabei aber nicht gegen die Ökonomie ausgespielt werden», stellt Katrin Schneeberger klar. Der Wald der Zukunft braucht eine gemeinsame Strategie aller Beteiligten. Einen Ansatz, um sowohl die Holznutzung als auch die Ökosystemleistung des Waldes honoriert zu erhalten, präsentierte Irene Seling, Hauptgeschäftsführerin Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände. «Bei uns findet ein Paradigmenwechsel statt. Wir schauen die Ökosystemleistung des Waldes als Finanzierungsgrundlage der Zukunft an», erläuterte sie am Waldkongress.
Der Wald ist ein Klimaschützer
«Wald und Holz binden in Deutschland pro Jahr 127 Millionen Tonnen CO2 – das ist alles, was unser Verkehr ausstösst.» Aufgrund der Hitzesommer der vergangenen Jahre beträgt die Schadenfläche in Deutschland rund 400 Millionen Hektaren. Um die deutschen Wälder zu vitalisieren und zu stabilisieren, sollen unter anderem Mischbestände etabliert und die Produktionszeit reduziert werden. «1,8 Millionen Waldbesitzer kommen kaum nach mit Aufforsten, riesige Flächen sind vergrast.
Sturm, Dürre, Käfer wirken wie eine Todesspirale. Da stellte sich die Frage, wie wir die Aufforstung finanzieren sollen», führt Irene Seling weiter aus. Gemäss dem Konzept für das neue Förderinstrument «Honorierung der Ökosystemleistung des Waldes und von klimaangepasstem Waldmanagement» sollen die Leistungen der Waldbesitzer sowie des Waldes bis 2026 rund 900 Millionen Euro wert sein. Die Fördergelder sollen an jene Waldbesitzer gehen, welche 12 Kriterien wie Verzicht auf Kahlschläge, Düngungen und Pflanzenschutzmittel sowie die Förderung von Totholz, der Sukzession und der Vorausverjüngung erfüllen. Die Fördervorlage falle laut Irene Seling auf politisch fruchtbaren Boden.
Schon Gewusst?
- Zirka 557 Millionen Bäume (dicker als 12 Zentimeter) stehen im Schweizer Wald. - Es gibt über 130 Baum- und Straucharten, die im Wald heimisch sind.Nadelhölzer machen 2/3 des Holzvorrates aus. - Die drei häufigsten Bäume sind Fichte (Rottanne), Buche und Weisstanne. 76% des Holzvorrates werden durch diese drei Baumarten abgedeckt. - Die ältesten Bäume der Schweiz (Eiben) werden auf etwa 1500 Jahre geschätzt. - Der grösste Baum der Schweiz, eine Douglasie, ist 61 Meter hoch. - Eine 100-jährige Buche hat zirka 500000 Blätter. Eine 40 Meter hohe Fichte trägt ungefähr 15 Millionen Nadeln.
Ohne intakten Wald keinen Tourismus
In der Schweiz fliessen jährlich 25 Millionen Franken Unterstützungsgelder vom Bund für konkrete Vorhaben wie Schutzwälder und Wiederaufforstungen in die Kassen von Waldbesitzern. Dieser Support ist Daniel Fässler, Ständerat der Mitte-Partei und Verbandspräsident von Wald Schweiz, zu verdanken. Er fordert, die Holzförderung in Schweizer Wäldern zu verstärken. Es sei möglich, mehr Holz zu gewinnen.
Doch auch die Öffentlichkeit soll einen Beitrag an den Wald und deren Besitzer bezahlen, fordern die Waldbesitzer. Denn diese können den Wald jederzeit gratis geniessen, der von den Waldbesitzern gepflegt und gesichert wird. Oftmals seien sich die Besucher nicht bewusst, dass jedes Stück Wald einen Besitzer hat, und verhalten sich wenig rücksichtsvoll.
In stark touristisch genutzten Gebieten wie der Lenzerheide machen sich auch Touristiker Gedanken über die Finanzierung der Waldnutzung: «Die Menschen befriedigen ihre Bedürfnisse in den Wäldern teils gedankenlos», berichtet Bruno Fläcklin, Leiter Destinations-, Angebots- und Produktentwicklung der Ferienregion Lenzerheide. Sie versuchen nun, die Gäste zu sensibilisieren, ihr Bewusstsein zu schärfen und die Schutzflächen auszuweiten.
«Denn ohne eine intakte Landschaft gibt es keinen Tourismus», so Bruno Fläcklin. Derzeit würden verschiedene Entschädigungsmodelle für den Unterhalt der Wege diskutiert. «50 Franken pro Tag Parkieren käme unseren Unkosten etwa gerecht», so der Touristiker. Davon würde ein Beitrag an den Wald gehen, verspricht Bruno Fläcklin.
Mehr Waldreservate müssen her
Waldbesitzer durch die Erlöse aus Parkgebühren auf Waldparkplätzen zu entschädigen, ist eine Lösung. Es müssen aber nicht gleich 50 Franken sein, auch fünf würden reichen. Während der Diskussion kam sogar der Vorschlag auf, einen Betrag gleich beim Kauf eines Bikes für den Wald einzukassieren.
Solothurn löst dieses «Problem» schon seit langer Zeit ziemlich elegant mit dem Waldfünfliber. Jede Einwohnerin und jeder Einwohner bezahlt durch die Steuern fünf Franken an den Wald, um die Leistungen seiner Wälder für die Bevölkerung zu sichern. Dazu kommen Beiträge des Kantons, der pro Jahr zwischen 30 und 50 Franken für jede Hektare Wald ausschüttet. Insgesamt fliessen so jährlich rund 2,5 Millionen Franken an die Waldeigentümer.
«Eine intakte Biodiversität ist die Basis für all diese Nutzungsansprüche», weiss Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter Pro Natura. Auch die Naturschutzorganisationen heissen die Idee gut, den Wald für seine Ökosystemleistung zu entschädigen. Damit sollen jedoch eine umweltfreundliche und naturnahe Bewirtschaftung sowie Pflege gewährleistet werden. Weiter soll seiner Meinung nach in keinem Kanton mehr Holz genutzt werden, als nachwächst. «Wir befinden uns im sechsten grossen Massensterben, in einer Biodiversitätskrise, welche wir miteinander angehen müssen.» Leugger-Eggimann fordert, Waldreservate und lichte Wälder auszubauen, um die Biodiversität zu fördern. Dies führe zu starken, resilienten Wäldern. «Zwanzig statt derzeit sechs Prozent der Waldfläche sollte eine natürliche Dynamik ausweisen», findet Pro Natura.
Von zehn Prozent benötigten Waldreservaten spricht die Basler Ständerätin Maya Graf. Doch auch sie mahnt zur Eile: «Der Klimawandel schreitet im Alpenraum schneller voran als in anderen Regionen Europas.» Der Schweizer Wald bindet im Waldboden, in Wurzeln, den Bäumen sowie im Totholz 925 Millionen Tonnen CO2. Mit Absterben und Verbrennen entweicht der Kohlestoff wieder. Mit angepasster Waldbewirtschaftung und entsprechender Kaskadennutzung können weitere zwei Millionen Tonnen gespeichert werden.

Dies sei jedoch nur erreichbar mit einem möglichst hohen Zuwachs an Biomasse in langlebigen Holzprodukten. Auch Katharina Lehmann fordert eine dauerhafte Anwendung von Holz in Gebäuden vor einer energetischen Nutzung. Die Inhaberin und CEO der Lehmann Group sagt, dass Holznutzung zur Verstärkung der Ökosystemleistung beiträgt und nicht per se zu Verlust der Biodiversität führt. Holznutzung sei Voraussetzung, um den Wald klimatauglich umzubauen. Als Beitrag zur Erreichung der Klimaziele seien Klimaeffekte von Wald und Holz in einem Gesamtsystem zu optimieren.
Wald der Zukunft braucht eine Strategie
«Holznutzung und Ökosystemleistungen stehen nicht in Widerspruch», findet auch Maya Graf. «Anstatt zu importieren, soll einheimisches Holz genutzt und auch gefördert werden. Wir müssen aber in längeren Zeiträumen denken und auch Laubbäume verarbeiten.» Wie diese besser genutzt werden können, forschen Studierende an der ETH und an Fachhochschulen.
Um Ökosystemleistungen gerecht in Wert zu setzen, fordert der WWF zudem, dass der Waldschutz nicht aufgeweicht werden darf, das Stehenlassen alter Bäume auch im Wirtschaftswald, mehr Totholz und dass Subventionierungen im Wirtschaftswald an ökologische Leistungen wie Reservate, Totholz und Aufwertungsprojekte zu koppeln sind. Zudem sei eine Förderung der Baumvielfalt mittels klimaangepassten einheimischen Arten wie Eiche, Ahorn, Linde und Kastanie unumgänglich.
Für den Wald der Zukunft benötigt es laut Maya Graf eine Strategie mit der gemeinsamen Umsetzung aller Beteiligten. Sie schlägt vor, eine Wertschöpfungsgemeinde Schweizer Wald zu gründen, um die Interessen aller Stakeholder auszugleichen. Womit sie das Votum aller Referenten nochmals aufnahm: Der Wald braucht uns alle, es geht nur gemeinsam in die Zukunft.

