Aktuelle Forschung
Wie frühe Landwirtschaft die Artenvielfalt förderte
Landwirtschaft gilt heute oft als Gefahr für die Biodiversität. Eine neue Studie der Universität Basel zeigt jedoch: Während Jahrtausenden schufen Ackerbau und Viehzucht in der Schweiz vielfältige Lebensräume für Pflanzen, Tiere und Insekten. Erst die intensive Landwirtschaft der letzten Jahrzehnte brachte den grossen Einbruch.
Wer an Landwirtschaft und Artenvielfalt denkt, hat schnell Bilder von grossen Monokulturen, gedüngten Wiesen und verschwundenen Hecken im Kopf. Doch der Blick zurück in die Geschichte zeigt: Das Verhältnis zwischen Bauernland und Biodiversität war lange Zeit deutlich positiver, als man heute vermuten könnte.
Forschende der Universität Basel haben anhand von Seesedimenten aus dem Schweizer Mittelland rekonstruiert, wie sich die Pflanzenvielfalt während rund 7000 Jahren entwickelte. Ihr Ergebnis: Die frühe, kleinräumige Landwirtschaft förderte die Biodiversität über lange Zeit. Erst seit der starken Intensivierung ab der Mitte des 20. Jahrhunderts nimmt die Vielfalt deutlich ab.
Pollen erzählen die Geschichte der Landschaft
Für ihre Studie untersuchten die Forschenden Sedimentkerne aus drei Schweizer Seen: dem Moossee bei Bern, dem Burgäschisee im Kanton Solothurn und dem Hüttwilersee im Thurgau. In diesen Ablagerungen sind winzige Pollenkörner erhalten geblieben. Sie zeigen, welche Pflanzen früher in der Umgebung wuchsen.
So entstand ein erstaunlich genaues Bild der Landschaftsgeschichte: dichte Wälder vor der Jungsteinzeit, erste Rodungen, Felder, Weiden, Hecken, Waldsäume und später Obstgärten. Gerade dieses Mosaik verschiedener Lebensräume war für viele Pflanzenarten wertvoll – und damit auch für zahlreiche Insekten, Vögel und andere Tiere.
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Warum alte Kulturlandschaften so artenreich waren
Frühe Landwirtschaft bedeutete nicht grossflächige Einförmigkeit, sondern Vielfalt auf kleinem Raum. Wo Menschen Wald öffneten, entstanden sonnige Lichtungen, Wiesen, Äcker und Übergangszonen. Solche Strukturen boten Lebensraum für Arten, die in geschlossenen Wäldern kaum vorkamen.
Davon profitierten nicht nur Pflanzen. Blütenreiche Wiesen und Ackerränder sind auch für Wildbienen, Schmetterlinge und andere Bestäuber wichtig. Hecken und Obstgärten bieten Vögeln Nistplätze, Nahrung und Deckung. Die Studie zeigt damit: Eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft kann ein Hotspot der Biodiversität sein.
Besonders spannend ist ein Befund aus Krisenzeiten. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches oder während der grossen Pestwellen wurden viele Felder und Weiden aufgegeben. Wälder breiteten sich wieder aus – und die Pflanzenvielfalt nahm ab.
Das klingt zunächst überraschend. Doch aus Sicht der Biodiversität ist nicht jeder Wald automatisch vielfältiger als eine reich strukturierte Kulturlandschaft. Wenn offene Lebensräume verschwinden, verlieren auch viele darauf spezialisierte Arten ihren Platz.
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Der Bruch kam mit der Intensivierung
Die grosse Wende setzte erst vor rund 80 Jahren ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Landwirtschaft zunehmend mechanisiert und intensiviert. Kleine Felder wurden zusammengelegt, Landschaftselemente verschwanden, Dünger und Pflanzenschutzmittel kamen stärker zum Einsatz.
Damit gingen viele jener Strukturen verloren, die über Jahrtausende Lebensraum geschaffen hatten. Die Folge: Die Pflanzenvielfalt nahm stark ab. Wo früher Hecken, Säume, extensive Wiesen und kleine Ackerflächen nebeneinanderlagen, dominieren heute vielerorts grössere, einheitlich bewirtschaftete Flächen.
Die Ergebnisse sind auch für die heutige Naturschutzdiskussion wichtig. Sie zeigen, dass Landwirtschaft und Biodiversität kein unauflösbarer Gegensatz sein müssen. Entscheidend ist, wie eine Landschaft bewirtschaftet wird.
Extensiv genutzte Wiesen, artenreiche Weiden, Hecken, Ackerrandstreifen, Hochstammobstgärten und naturnahe Säume können Pflanzen, Insekten, Vögeln und Kleinsäugern wertvolle Lebensräume bieten. Eine biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft knüpft damit in gewisser Weise an eine alte Stärke der Kulturlandschaft an: Vielfalt statt Einförmigkeit.
Hoffnung für Pflanzen, Tiere und Menschen
Die Studie macht deutlich, dass der heutige Verlust der Artenvielfalt nicht einfach Schicksal ist. Landschaften können sich verändern – zum Schlechten, aber auch wieder zum Besseren. Wenn wieder mehr Strukturen, Blütenflächen und extensive Lebensräume entstehen, können viele Arten profitieren.
Für die Schweiz bedeutet das: Wer Biodiversität fördern will, muss nicht nur Schutzgebiete betrachten. Auch das Kulturland entscheidet darüber, wie viele Pflanzen, Wildbienen, Schmetterlinge, Vögel und andere Tiere in unserer Landschaft eine Zukunft haben.
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