Solarstrom
Mit der Energie vom Himmel
Kaum eine Energieform hat sich in der Schweiz so dynamisch entwickelt wie die Solarenergie. Rekordjahre beim Ausbau und bei der Stromproduktion unterstreichen ihre Bedeutung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Rolle sie künftig in einem Stromsystem spielen kann, das vor grossen Herausforderungen steht.
Noch vor 16 Jahren spielte Solarstrom in der Schweiz kaum eine Rolle. 2010 lag die jährliche Stromproduktion lediglich bei rund 100 Gigawattstunden – gerade mal genug, um etwa 43'000 Haushalte zu versorgen. 14 Jahre später und das bisherige Rekordjahr im Ausbau der Solar-energiegewinnung sollte Geschichte schreiben: Rund 8200 Gigawattstunden Solarstrom wurden im Jahr 2024 produziert, rechnerisch ausreichend für nun etwa 3,7 Millionen Haushalte. Damit hat sich die Photovoltaik von einer Nischentechnologie zu einem relevanten Faktor der Stromversorgung in der Schweiz entwickelt, die etwa 14 Prozent davon ausmacht – für 2026 geht man gar schon von 17 Prozent aus.
Dieser rasante Ausbau spiegelt sich auch in den Installationszahlen. «Bis und mit 2024 ist der Zubau in allen Segmenten stark angewachsen», sagt Wieland Hintz, Verantwortlicher Solarenergie vom Bundesamt für Energie. Seit dem Frühjahr 2025 habe sich die Nachfrage allerdings etwas beruhigt. «Seitdem ist ein leichter Rückgang der rekordhohen Nachfrage von 2024 von 15 bis 20 Prozent zu beobachten. Somit wird der Zubau 2025 etwa auf dem Niveau der Jahre 2022 oder 2023 liegen.» Als Grund dafür sieht Hintz eine gewisse Sättigung der Nachfrage nach Solarenergie.
Von einem ausgeschöpften Potenzial kann dennoch keine Rede sein. Der Branchenverband Swissolar weist darauf hin, dass rund 90 Prozent der geeigneten Gebäudeflächen in der Schweiz noch ungenutzt sind. Auch aus Sicht des Bundesamts für Energie liegt hier versäumtes Potenzial: «Solarenergie kann im bereits bebauten Bereich technisch einfach und sehr günstig umgesetzt werden – es benötigt auch keinen zusätz-lichen Flächenverbrauch», so Hintz.
Auf Dächern statt in der Landschaft
Immer wieder wird kritisiert, Solaranlagen gefährdeten Ortsbilder oder Landschaften. Aus Sicht des Bundes relativieren die Zahlen diese Sorge deutlich. «Denn denkmalgeschützte Gebäude machen nur einen Bruchteil der Bestandsgebäude aus», sagt Hintz. Und auch das Landschaftsbild bleibe weitgehend unberührt: «98,5 Prozent der installierten Leistung befindet sich auf Dächern.» Anlagen auf freien Flächen spielen damit in der Schweiz praktisch keine Rolle. Dennoch zeigt sich die Photovoltaik zunehmend vielseitig. Neben klassischen Dachanlagen werden vermehrt Fassaden genutzt oder Infrastrukturen wie Schallschutzwände und Lawinenverbauungen. Der Vorteil: Unterschiedlich ausgerichtete Flächen ermöglichen eine über den Tag verteilte Stromproduktion. Selbst Ost- oder Westdächer können wirtschaftlich betrieben werden. International steht die Schweiz damit gut da – Ende 2024 belegte sie weltweit Rang acht beim Pro-Kopf-Ausbau von Photovoltaik.
Trotzdem bleibt Solarenergie allein wetter- und saisonabhängig. «Solarenergie kann nicht allein als Stromquelle genügen», betont Hintz. «Die Kombination mit Wasserkraft – steuerbar und flexibel einsetzbar, wenn es wenig Sonnenschein hat – und Windenergie für den Winterstrom ist ideal.» Entsprechend wird ein diversifiziertes, vollständig erneuerbares System angestrebt. Auf die Frage nach dem idealen Energiemix nennt Hintz ein klares Zielbild: 50 Prozent Wasserkraft, je 25 Prozent Wind- und Solarenergie. «Solarenergie soll zu einer tragenden Säule des Schweizer Energiesystems werden.»
Gegen den Stromhunger der Zukunft
Der Umbau auf ein solch nachhaltiges Energiesystem fällt jedoch in eine Zeit steigender Nachfrage. «Das künftige Schweizer Energiesystem baut auf Elektri-fizierung», betont Wieland Hintz. Elektroautos, Wärmepumpen, Digitalisierung und neue industrielle Anwendungen lassen den Stromverbrauch bis 2050 um rund 50 Prozent auf etwa 91 Terawattstunden steigen. Gleichzeitig sollte der gesamte Energieverbrauch sinken, weil Strom fossile Energieträger effizient ersetzt.
Wie fragil die Energiewende ist, zeigt der kürzlich erstmals veröffentlichte Stromversorgungs-Index des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE. Für das Jahr 2050 erreicht die Schweiz darin nur 69 von 100 Punkten. Besonders kritisch ist das Winterhalbjahr, wenn wenig Solarstrom produziert wird, die Nachfrage aber hoch ist. Ursachen sind unter anderem die unzureichende Winterproduktion aus erneuerbaren Energien, der stockende Netzausbau, eingeschränkte Importmöglichkeiten und der geplante Ausstieg aus der Kernenergie ab 2040.
Im Zuge der Veröffentlichung des neuen Indexes warnt Michael Frank, Direktor des VSE: «Die Ergebnisse sind ein Weckruf: Ohne rasches Handeln droht der Schweiz eine Versorgungslücke – vor allem im Winter.» Er betont zudem, dass nur mit Tempo beim Ausbau von Produktion, Speichern und Netzen die Energiewende gelingen kann: «Sonst wird die Energiewende zur Versorgungskrise.»
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