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Die Entwicklung des Zürcher Pferderennsports

Der Rennverein Zürich und die Pferderennbahn Dielsdorf feierten im 2022 ihr 150- respektive 50-Jahr-Jubiläum. Der Rennverein Zürich entwickelte sich nicht nur punkto Infrastruktur weiter, sondern auch in der artgerechten und nachhaltigen Haltung und Nutzung der tierischen Athleten.

Lockeren Schrittes ziehen drei braune Vollblüter und ein Schimmel ihre Aufwärmrunden im Führring des Dielsdorfer Horse Park. Die Jacken der Reiter und die Satteldecken der Pferde leuchten in sattem Bordeauxrot. An der Ausstattung ist unschwer zu erkennen, dass es sich um Athleten aus dem Stall des Erfolgstrainers Andreas Schärer handelt, der in der Mitte der Bahn steht und seine Schützlinge aufmerksam begutachtet. «Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, die Pferde und ihre Bewegungsabläufe genau zu beobachten. So kann ich ihre Form, Eignung und Gesundheit überprüfen», erklärt der grossgewachsene ehemalige Rennreiter.

Die Moral des Pferdes spielt eine grosse Rolle

Herauszuspüren, ob ein junger Vollblüter eher als Sprinter oder auf langen Distanzen eingesetzt werden soll, darauf komme es an. Und die vierbeinigen Sportler dürfen im Training weder physisch noch psychisch überfordert werden. Eine besonders wichtige Rolle spielt nämlich die Moral des Rennpferdes. Fehlt die Motivation, lässt sich kein Rennen gewinnen. «Deshalb achte ich stets darauf, meinen Schützlingen während den Trainingseinheiten Erfolgserlebnisse zu bescheren», erklärt Schärer, während die vier Jockeys ihre Pferde Richtung Rennbahn dirigieren, wo sie dann im flotten Galopp davonziehen.

Cross Rennen
Erst Ende der 1960er Jahre fand sich ein für die Pferderennen exklusiver Standort.

Rennpferde werden als Leistungsmaschinen verheizt, so das gängige Vorurteil. Anton Fürst, der Direktor der Pferdechirurgie an der VetSuisse Fakultät der Universität Zürich, erklärt, wie die heutigen Trainingsmethoden diesem Bild widersprechen: «Forschungen haben gezeigt, dass es mehr Sinn macht, kurze Reize zu setzten und weniger intensive Galopptrainings einzuplanen. So kann das Verletzungsrisiko reduziert werden.» Wichtig sei zudem, immer wieder Erholungsphasen einzubauen und die Eignung des Pferdes zu berücksichtigen. Genau nach diesem Ansatz strukturiere er das Training seiner Pferde, bestätigt Andreas Schärer. Sehe er beispielsweise, dass sich ein Nachwuchsgalopper in einem Wachstumsschub befindet, ordnet er sofort eine Trainingspause an. Und als Ausgleich geht es für seine Vollblüter nach dem Training nicht zurück in die Einzelbox, sondern auf Sandpaddocks, wo sie sich wälzen dürfen und über den Zaun hinweg mit ihren Artgenossen Kontakt aufnehmen können.

Der Pferderennsport kommt nach Zürich

Beim Betreten des Stallgeländes wird man aufgeregt vom Hengst Pont des Arts begrüsst. Dieser imposante Vollblüter ist Beweis dafür, wie das Trainingskonzept, bei dem die natürlichen Veranlagungen, aber auch Bedürfnisse der Pferde berücksichtigt werden, aufgeht. Er prägte den Schweizer Pferderennsport von 2006 bis 2013 und hält noch immer den Rekord als gewinnreichster Galopper hierzulande. Auch mit seinen achtzehn Jahren steckt er offensichtlich voller Tatendrang. Während viele Rennpferde bereits mit sechs Jahren aus dem Sport ausscheiden, war Pont des Arts bis zu seinem zehnten Lebensjahr auf der Rennbahn aktiv. Danach wurde er nach Frankreich gebracht, um seine Dienste in der Zucht zu erbringen. Der mächtige Braune erwies sich jedoch als unfruchtbar, und Andreas Schärergelang es, den Schützling, zu dem er eine so innige Verbindung hat, zurück in seinen Stall zu holen. Hier im Horse Park Dielsdorf hat der dominante Kraftprotz die Aufgabe gefasst, seine jüngeren Kollegen als Führpferd durchs Training zu begleiten.

Sehenswertes

Der White Turf in St. Moritz bietet ein besonderes Erlebnis; an den Wochenenden vom 4./5., 11./12.und 18./19. Februar 2023 ist der gefrorene See für die edlen Rennpferde und ihr illustres Publikum reserviert.whiteturf.ch In Fehraltorf werden jeweils die traditionellen Osterrennen abgehalten. fehralturf.ch Auch im Thurgau gibt es eine Rennbahn. Die Renntage in Frauenfeld sind dieses Jahr bereits über die Bühne gegangen. rennverein.ch

Dass Pont des Arts und zahlreiche andere Vollblüter im Raum Zürich trainiert und bei Rennen vorgestellt werden können, ist einigen alteingesessenen Bürgern zu verdanken, die sich im Frühling 1872 im Zunfthaus zur Saffran zusammensetzten. Sie waren es, die einen der ältesten Sportclubs der Stadt Zürich aus der Taufe hoben: den Kantonal zürcherischen Rennverein. Seinen Auftrag beschrieb der Club folgendermassen: «Die Pflege der Reitkunst und Förderung der Interessen für Pferde und der Leistung durch Unterstützung zweckdienlicher Bestrebungen.» Im Zentrum stand, und daran hat sich bis heute nichts geändert, die Durchführung von Pferderennen zur Verbesserung der Pferdezucht.

Rund hundert Jahre nachdem in England, der Wiege des Pferderennsports, das erste Rennen durchgeführt wurde, kämpften auf der Allmend in Wollis-hofen die ersten Galopper um den Sieg. Obwohl das Spektakel Tausende Schaulustige anzog, rang die Veranstaltung von Beginn an um Anerkennung. Während die gleichzeitig in Yverdon-les-Bains VD aufkommenden Rennen mit der ländlich geprägten Pferdezucht eng verbunden waren, wurden die Zürcher Rennen als purer Zeitvertreib der begüterten Oberschicht abgetan. Nicht nur deshalb standen die Wettkämpfe in der Kritik. Bereits bei der ersten Durchführung wurde ein Augenmerk auf das Tierwohl gelegt. Um dieses sei es nicht zum Besten bestellt, war man sich beim Anblick der peitschenschwingenden Reitknechte einig. Einzig den militärischen Reitern des Offiziersrennens bescheinigten Pressevertreter eine gute Leistung, da diese Herren ihre Pferde vortrefflich behandelten.

Schärer mit Pont des Arts)
Andreas Schärer mit seinem 18-jährigen Schützling Pont des Arts. Der ikonische Vollbluthengst Pont des Arts erweist auch mit18 Jahren noch als Führpferd seine Dienste auf der Heimanlage in Dielsdorf.

Fast endlose Suche nach Rennbahngelände

Während das Militär bezüglich Tierwohl als löbliches Vorbild diente, stand es den Rennveranstaltungen ein Stück weit im Weg. Da der Exerzierplatz auf der Wollishofer Allmend für militärische Übungen genutzt wurde, konnte die Renninfrastruktur jeweils nur temporär aufgestellt werden. Der Auf- und Abbau verschlang zu viel Geld, weshalb ein Gelände für eine permanente Rennbahn gefunden werden sollte. Doch die Suche gestaltete sich alles andere als einfach. Rund sechzig Projekte mussten wieder begraben werden, da das erwünschte Gelände zu teuer war, Wohnbauprojekten oder dem Erweiterungsbau des Flughafens zugesprochen wurde. Erst nach rund hundertjähriger Suche, Ende der 1960er-Jahre, zeichnete sich eine Lösung ab. Die Gemeinde Dielsdorf im zürcherischen Unterland willigte ein, 250 000 Quadratmeter ihres Landes zum Bau eines Trainingsgeländes für Rennpferde zur Verfügung zu stellen. Vor ziemlich genau fünfzig Jahren konnte die schweizweit erste Pferderennanlage in Betrieb genommen werden.

Nach diesem Meilenstein verlief die Geschichte des Zürcher Rennvereins nicht ohne Turbulenzen. Anfang der 2010er-Jahre war man finanziell am Anschlag und der Zahn der Zeit begann an der schönen Parkanlage zu nagen. Dank grossem Engagement des nachmaligen Präsidenten Anton Kräuliger konnte 2012 die Eröffnung des Horse Park Dielsdorf gefeiert werden. Aus dem Zentrum für Galopprennpferde wurde eine Anlage zur polyvalenten pferdesportlichen Nutzung. Heute treffen sich auch Dressur- und Springpferde, Freizeitreiter und Voltigiererinnen in Dielsdorf. Die Rennpferde haben jedoch nach wie vor die Nase vorne. Auf der Anlage stehen hundert Vollblüter im Training, etwa halb so viele Warmblüter sind hier zu Hause. Einen grösseren Pferdesportpark gibt es nur in der Westschweiz. Ende der 1990er-Jahre öffnete das Institut Équestre National d’Avenches (IENA) seine Tore. Dort finden beinahe ganzjährig Galopp- und Trabrennen statt.

«Das Pferd darf weder überfordert noch unterfordert werden.»

Sowohl in Avenches als auch in Dielsdorf ist einezunehmende Fokussierung auf das Pferdewohl spürbar. Bereits beim ersten Rennen in Zürich 1872 wurde der Peitscheneinsatz kritisiert, in heutiger Zeit hinterfragt die breite Öffentlichkeit ethische Aspekte noch deutlich stärker. «Dass es um das Wohlergehen der Rennpferde nicht schlecht bestellt ist, zeigt sich auch daran, dass Stereotypien wie Koppen oder Weben äusserst selten vorkommen», berichtet einer der Rennreiter. Mit Ersterem bezeichnen Profis die Verhaltensstörung, Luft zu schlucken, mit Letzterem das Hin- und Herpendeln auf den Vorderbeinen. Der Jockey namens Mäx, der nur mit Vornamen erwähnt werden möchte, sieht den Grund dafür in der bedürfnisgerechten Fütterung und der guten Beschäftigung der Vollblüter. Ein wichtiger Faktor sei sicher auch, dass die Galopper immer in Gruppen trainiert werden, was ihrem natürlichen Verhalten als Herdentier entgegenkommt. «Die Kunst ist, den Mittelweg zu finden – das Pferd darf nicht überfordert, aber auch nicht unterfordert werden», kann Mäx aus Erfahrung sagen.

Der ikonische Vollbluthengst Pont des Arts erweist auch mit18 Jahren noch als Führpferd seine Dienste auf der Heimanlage in Dielsdorf.
DEr Horse Park Dielsdorf wurde im Jahr 2012 eröffnet.

Struktur und Ruhe

Im Alltag der sensiblen Vollblüter und für ihre Entwicklung müsse viel Zeit einplant werden, Hektik sei Gift im Umgang mit den Rennpferden, weiss Rennreiter Mäx. Deshalb findet er es gut, dass in der Schweiz die Zweijährigen erst in der zweiten Jahreshälfte in Rennen eingesetzt werden und nicht wie im Ausland bereitsim Frühjahr, wenn viele von ihnen noch nicht mal 24 Monate alt sind. Dass Vollblüter bereits ab zweijährig Rennen laufen und dafür im zarten Alter von eineinhalb eingeritten werden, wird oft kritisiert. Warmblutpferden gewährt man rund ein zusätzliches Jahr unbeschwerte Fohlenzeit auf der Koppel. Langjährige Studien haben jedoch aufgezeigt, dass die Sportkarriere von Rennpferden, die bereits im jungen Alter trainiert werden, länger ist als von solchen, die vergleichsweise spät in den Sport kommen. Bei früherem Trainingseinstieg vermag sich die Knochenbildung besser an die Belastung anzupassen.

schmökerecke

Anlässlich der drei Jubiläen, 150 Jahre Rennverein Zürich, 50 Jahre Rennbahn Dielsdorf und 10 Jahre Horse Park Dielsdorf, wurde ein reich bebildertes Sachbuch herausgegeben. Chronologisch wird darin die Entwicklung des Pferderennsportes in Zürich nachgezeichnet, aber auch eindrückliche Geschichten von richtungsweisenden Rennpferden und ihren Menschen werden erzählt. Stiftung Grosser Preis der Stadt Zürich und Rennverein Zürich: «150 Jahre Rennverein Zürich, 50 Jahre Rennbahn Dielsdorf, 10 Jahre Horse Park Dielsdorf.» 176 Seiten mit zahlreichen Abbildungen Verlag Kyburz AG

Gelingt es, denn Stress vollkommen rauszunehmen, klappt es auch, einen Galopper in ein verlässliches Reitpferd zu transformieren. Rémy P. Giger, Rennpferdebesitzer und Präsident des Scala Racing Clubs, hat diesbezüglich gute Erfahrungen gemacht. «Unsere ehemaligen Galopper sind im Springsport, im Distanzreiten, ja sogar als Polo- oder Westernpferd aktiv», gibt er Auskunft. Mit vielen aktuellen Besitzerinnen stehe er in Kontakt und erfahre so, wie die ehemaligen Rennpferde ihren zweiten, durchaus aktiven Lebens-abschnitt verbringen. Sie liefern den Beweis, dass sich der Schweizer Rennzirkus nicht nur punkto Infrastruktur weiterentwickelt hat, sondern auch zunehmend auf eine artgerechte und nachhaltige Nutzung und Haltung der tierischen Athleten Wert legt. Ein übertriebener Peitscheneinsatz ist heute übrigens nicht mehr möglich. Höchstens drei Peitschenschläge pro Rennen sind erlaubt. So scheinen Pferdewohl und Leistungssport vereinbar.

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