Seit zwölf Jahren wird im «Campus Galli» mitten im Wald gebaut. Doch Hydraulikbagger, Betonpumpen und andere Hightech-Geräte sucht man auf dieser Baustelle unweit des Bodensees vergeblich: Mit Werkzeugen von anno dazumal entsteht hier Tag für Tag ein Stück Mittelalter. Genauer: Ein Kloster, das Mönche des Klosters Reichenau vor 1200 Jahren auf Pergamentpapier gezeichnet haben. Der St. Galler Klosterplan, auf dem rund 50 Gebäude und eine grosse Abteikirche vorgesehen sind, dient dabei als Vorlage. Doch nicht nur das Vorhaben ist spektakulär, sondern auch der Plan an sich: Es handelt sich um die älteste überlieferte Architekturzeichnung Mitteleuropas, die heute in der St. Galler Stiftsbibliothek aufbewahrt wird.
Zeitintensive Handarbeit
Ursprünglich wurde der Plan für St. Gallen erstellt, im dortigen Stiftsbezirk aber nicht umgesetzt. Es war die Idee des mittlerweile verstorbenen deutschen Geschäftsmanns Bert Geurten, das Vorhaben über tausend Jahre später im süddeutschen 8500-Seelendorf zu realisieren. Doch das Projekt wächst auch ohne ihn Tag für Tag weiter – dank vielen Freiwilligen, die das Publikum auf Zeitreise mitnehmen und mit ihrem Wirken das Leben im neunten Jahrhundert greif- und fassbar machen. Die rund 50 Personen, die auf dem Gelände bauen, schmieden, töpfern oder die Felder bestellen, verrichten nicht nur schweisstreibende Arbeit, sondern erklären den Besuchenden ihr Handwerk auch direkt vor Ort.
Was schnell ersichtlich wird: «Alles war mühsamer und langsamer als heute – aber vielleicht auch erfüllender und befriedigender», sagt Sonja Fecht, die Besuchende durch die Baustelle führt. Die Museumspädagogin gerät auch nach über zehnjähriger Mitwirkung noch immer ins Staunen ab dem frühmittelalterlichen Leben: «Es ist zutiefst beeindruckend, zu sehen, wie aufwendig es war, die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung, Schutz und Wärme zu befriedigen. Das schafft Respekt für die Leistungen unserer Vorfahren, die ohne die heutigen technischen Errungenschaften den Alltag bestreiten mussten.»
Auch wenn das Projekt nur langsam voranschreitet, ist der Baufortschritt seit Projektstart im Juni 2013 heute gut ersichtlich: Mittlerweile steht eine aus Holz gebaute Kirche, eine Scheune, ein Hühnerstall und ein erstes Wohnhaus. Gärten und Felder wurden angelegt, Werkstätten gebaut, Tiere grasen auf den Weiden, bestellen Äcker und transportieren schwere Lasten.

Weisse statt oranger Karotten
Für die Landwirtschaft nach mittelalterlichem Vorbild stehen 6 ha Land zur Verfügung; davon sind rund1 ha Bienenweide, 4 ha Grünland und 1 ha Ackerland. «Auf den Feldern bauen wir alte Getreidearten, Hülsenfrüchte, Gemüse und Faserpflanzen mit Methoden des neunten Jahrhunderts an», erklärt Sonja Fecht. Nicht nur die mittelalterlichen Anbaumethoden mit Hacken und Holzrechen sind anspruchsvoll, auch die Recherchen im Hintergrund verlangen den Projektverantwortlichen viel ab. «Der St. Galler Klosterplan ist eine zweidimensionale Zeichnung mit kleineren Texten zur Erklärung», so die Museumspädagogin. Doch über vieles schweigt er sich aus. Mit welchen Werkzeugen wurde gearbeitet, welchen Ertrag brachten die Feldfrüchte ein? «Tag für Tag sind wir auf der Baustelle mit zig solchen Fragen konfrontiert, auf die das Ausgangsdokument keine Antworten bereithält», gibt Fecht zu bedenken. Was für Besuchende nicht prima vista sichtbar ist: Im Hintergrund sind umfangreiche Recherchen notwendig, um historisches und archäologisches Wissen für die Klosterstadt zusammenzutragen – unter anderem mit Hilfe eines wissenschaftlichen Beirats.
Auch bei der Wahl der Nutzpflanzen wurde zuerst akribisch recherchiert; in der Literatur über Ausgrabungsfunde, in schriftlichen Quellen und Abbildungen. «Wir bauen nur Arten an, die damals genutzt wurden», erklärt Fecht. So wachsen auf den Feldern der Klosterstadt weisse statt der heute marktüblichen orangen Karotten. Beim Getreide dominieren Roggen, Hafer und Gerste. Ein Grossteil der Ernte wird als Saatgut zurückbehalten, der Rest in museumspädagogischen Programmen verarbeitet. Und auch im Obst-, Küchen- und Heilkräutergarten erfolgte der Anbau nach frühmittelalterlicher Manier.
Ein Leben von und mit der Natur
Der zeitliche Rückschritt ist in mancher Hinsicht auch ein Fortschritt: «Wir können vieles von unseren Vorfahren lernen: Sie lebten viel mehr im Einklang mit der Natur, als wir es heute tun», führt die Museumspädagogin weiter aus. Regional, biologisch, nachhaltig: Was heute in der Werbung als besondere Eigenschaft hervorgehoben werde, sei früher normal gewesen. «Obwohl die Menschen auf den heutigen Komfort nicht verzichten wollen, sind viele mittelalterliche Verfahren aufgrund ihrer Nachhaltigkeit heute wieder interessant und gefragt», sagt Fecht und verweist auf Kleidung aus Wolle und Leinen oder Hauswände mit Lehmputz.
Auch die Natur blüht dank der schonenden, frühmittelalterlichen Bewirtschaftung förmlich auf: Auf den Weideflächen rund um die Klosterstadt ergiesst sich bis zum ersten Schnitt ein Meer der Farben. Dank dem spärlichen Düngen entstehen hier magere Böden, die sich als ideale Lebensräume für seltene Pflanzen erweisen. Letztere wiederum sind ein gefundenes Fressen für viele Insekten.
Ein Blick auf die Nutztiere zeigt: Auch hier erfolgte die Auswahl konsequent. Auf dem «Campus Galli» weiden Waldschafe, eine gefährdete, alte Hausschafrasse, und in einem weiteren Gehege suhlen sich stark behaarte Schweine – eine Mischung aus dem Duroc-Schwein und dem Bentheimer Landschwein. Dann sind da noch die Altsteirer, die im kürzlich errichteten Hühnerstall gackern und glucksen.
Ein Ende der Bautätigkeit ist noch lange nicht in Sicht: Um die Karolingische Klosterstadt nach dem Originalplan in Handarbeit zu erstellen, dürften mehrere Jahrzehnte von Nöten sein. Noch in diesem Jahr soll der Bau des Novizen-Klosters aufgenommen werden, der aus einer Kirche sowie Wohnräumen, Schlaf- und Esszimmer, Wärmeraum, Bad und Küche besteht. «Es bleibt spannend und herausfordernd», sagt Sonja Fecht mit sichtlicher Begeisterung.
Familien- und hundefreundlich
Der «Campus Galli» ist vom 1. April bis am 2. November geöffnet (ausser montags). Für Familien gibt es viele Thementage und eine Entdeckertour. Auch Hunde an der Leine sind willkommen. Die öffentlichen Führungen finden zweimal täglich statt. Saisonale Sonderführungen:28. / 29. Juni: Klosterapotheke – Kräutergarten und Wildkräuter 14. September: Wiese, Wasser, Waldrand – Artenvielfalt damals, heute und zuhause

