Mischwesen für die Medizin

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Der Zentaur ist ein Mischwesen aus Pferd und Mensch.
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Forschung
In den USA will die oberste Behörde für biomedizinische Forschung Versuche mit Mensch-Tier-Mischwesen nach einem Moratorium wieder fördern. In der Schweiz ist die Herstellung solcher «Chimären» verboten.

Mensch-Tier-Mischwesen bevölkern seit Menschengedenken die Welt der Sagen und Mythen. Feuerspuckend wirbeln sie die Weltordnung durcheinander und rufen Helden auf den Plan. So etwa die Chimaira, ein landverwüstendes und menschentötendes Mischwesen aus Löwe, Ziege und Schlange. Königssohn Bellerophon streckte das Ungetüm laut dem griechischen Dichter Homer todesmutig mit einem Pfeil nieder.

Doch nun ist Chimaira wiederauferstanden. Genauer gesagt verleiht sie ihren Namen künstlich geschaffenen Wesen, welche die Zellen unterschiedlicher Lebewesen in sich tragen. Die Zellen dieser Chimären können von derselben Art oder von zwei unterschiedlichen Spezies stammen. Beispiel «Geep»: 1984 bildeten Forscher durch die Fusion zweier Embryonen eine Schaf-Ziegen-Chimäre. «Geep» (zusammengesetzt aus «Goat» und «Sheep») trug gekrauste Schafwolle an den Beinen und glattes Ziegenfell am Rücken. Sie verhielt sich eher wie eine Ziege, doch am wohlsten fühlte sie sich unter Schafen.

Organfabriken in Tier-Embryos
Die Entdeckung menschlicher embryonaler Stammzellen in den Neunzigerjahren ebnete den Weg zu Mensch-Tier-Chimären. Embryonale Stammzellen können sich in sämtlichen verschiedenen Zelltypen des menschlichen Organismus ausbilden: Blutzellen, Hautzellen, Muskelzellen und so weiter. Seit 10 Jahren kann man sie sogar künstlich herstellen. Indem man im Labor solche menschlichen Stammzellen in den Embryo eines Tieres einschleust und den Embryo in den Leib der Tiermutter einpflanzt, entstehen «vermenschlichte» Tiere.

Zwar wurden schon länger einzelne menschliche Gene und Genpakete zu Forschungszwecken in tierische «Modellorganismen» übertragen. Seit den 1980er-Jahren schufen Forscher beispielsweise Mäuse, in die menschliche Krebsgene eingefügt wurden, um die Krankheit zu studieren. Doch erst die Chimärentechnik ermöglichte die Kreation von Wesen, die der mythologischen Chimaira noch viel näherkommen. Seither lassen sich die Entwicklung menschlicher Zellen, sich ausbildende Organe und deren Zusammenspiel gezielt ausserhalb der Petrischale im Tierkörper studieren.
Forscher in den USA arbeiten beispielsweise an folgendem Szenario: Menschliche Stammzellen werden in Schaf- und Schweineembryos übertragen. Dies in der Hoffnung, in den Tierkörpern massgeschneiderte, menschliche Organe für die Transplantationsmedizin zu «züchten». Zudem erwartet man, mit der Chimärenforschung bessere Chancen auf Medikamente etwa gegen Alzheimer und Parkinson zu schaffen.

Doch im Herbst 2015 verhängte die wichtigste Behörde für biomedizinische Forschung in den USA, die NIH (National ?Institutes of Health) ein Moratorium zur ?Finanzierung solcher Forschungsprojekte. Hintergrund ist, dass Forscher bislang nicht punktgenau steuern können, wo die eingeschleusten menschlichen Zellen überall mitwirken. Die verwendeten menschlichen Stammzellen sind pluripotent, das heisst, «zu vielem fähig». Was bedeutet, dass sie eine Vielzahl von Geweben und Organen ausbilden, also auch den Weg in das sich entwickelnde Gehirn finden könnten. Umso mehr gilt dies, wenn menschliche Gehirnzellen in ein Tier in der Embryonalentwicklung injiziert werden. Keiner weiss, ob nicht ein allzu menschliches Tier dabei herauskommen könnte.

Das Huhn mit der Stimme einer Wachtel
Die Schreckensvision: ein Mensch, gefangen in der Haut eines Tieres. In Gedanken wird das Szenario einer Chimäre durchgespielt, die mit der Pfote im Morsecode S.O.S. an die Glaswand ihres Geheges klopft. Besonders mögliche Versuche mit menschenähnlichen Schimpansen lösen ein flaues Gefühl in der Magengrube aus. Denn dass Hirnexperimente in der Realität durchaus Verhaltens- und eventuell auch Wahrnehmungsänderungen hervorrufen können, zeigte sich schon 1980: Forscher übertrugen einen kleinen Teil Gehirn von embryonalen Wachteln in die sich entwickelnden Gehirne von Hühnern. Äusserlich waren die Vögel ganz Huhn. Doch als sie die Schnäbel öffneten, ertönte kein träges Gackern, sondern ein munteres Trällern.

In den USA dürfen Chimären-Forscher nun aller Bedenken zum Trotz auf Geld hoffen, denn bereits ab diesem Monat könnte die NIH sie wieder mit staatlichen Geldern ausstatten. Zu den geförderten Projekten sollen solche gehören, bei denen menschlichen Zellen substanziell zur Bildung von Tiergehirnen beitragen oder diese funktional substanziell modifizieren könnten.

Anders als in den USA ist die Herstellung von Chimären in der Schweiz verboten. «Das Verbot ist sowohl in der Bundesverfassung als auch im Stammzellenforschungs- und dem Fortpflanzungsmedizingesetz verankert», sagt Matthias Bürgin, Experte beim Bundesamt für Gesundheit im Bereich Biomedizin. Aber in der globalisierten Welt schweben auch hierzulande ethisch-moralische Fragen über dem Thema. Beispielsweise: Wie wären künstlich gezeugte Mensch-Tier-Wesen rechtlich, ethisch und moralisch zu bewerten und zu behandeln? Anders gefragt: Wer entscheidet aufgrund wessen darüber, ob sie leben und mit Puppen spielen oder in einen Stall gesteckt und irgendwann getötet würden?

In der Schweiz äusserten sich die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) sowie die Ethikkommission für Tierversuche der Akademien der Wissenschaften Schweiz zu der Chimärenforschung. Eine Mehrheit der NEK lehnt die Herstellung von Mensch-Tier-Chimären ab. In einer Stellungnahme von 2006 heisst es: «Wenn menschliche Zellen im Tier (z.B. in einem Affen-Embryo) die Kontrolle über die Entwicklung übernehmen und im Tier menschliche Züge oder menschliche Eigenschaften entstehen, ist die Grenze des Tolerierbaren aus Gründen des Schutzes der tierischen und menschlichen Würde überschritten.»

Die Ethikkommission für Tierversuche stellt die Chimärenbildung in einer Stellungnahme zu Interspezies-Mischwesen von 2009 demgegenüber nicht grundsätzlich infrage. Es seien allerdings die Vorgaben der Tierschutzgesetzgebung zu beachten und einschränkende Auflagen einzuhalten. Besonders sorgfältig abzuschätzen sei unter anderem, welche Folgen die Einführung einer Vielzahl von Zellen etwa des Menschen für das Wohlergehen der Tiere haben und inwiefern die Chimärenbildung seine Würde beeinträchtigen könne.

Maschinen oder gefühlvolle Wesen?
Neuere verhaltensbiologische Erkenntnisse zeigen, dass Tiere uns viel näher sind, als angenommen. Sie haben Gefühle, gebrauchen Werkzeuge, schliessen Freundschaften und sind genauso unverwechselbare Individuen wie wir selbst. Es handelt sich um ein aktives Forschungsfeld, von dem weitere Erkenntnisse zu erwarten sind.

Ist es im Lichte dessen dem Tier zuzumuten, im grossen Stil in den Labors zurechtgebastelt zu werden, um als «vermenschlichtes» Testobjekt für medizinische Therapien und lebende Organbanken zu dienen? Oder ist das Tier als durchgestyltes technisches «Objekt» nicht vielmehr ein unheilvoller Anklang an die Philosophie René Descartes, der propagierte, die Tiere seien Maschinen und man dürfe sie als solche bedenkenlos für die Interessen des Menschen instrumentalisieren?

In der griechischen Mythologie erschlug Bellerophon die Chimaira, um die natürliche Ordnung der Welt wiederherzustellen. In der Realität sind wir längst daran, unsere eigene grundlegend zu verändern.

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