Orchideen bevorzugen magere Kost

Manns-Knabenkraut
Das Manns-Knabenkraut täuscht seine Bestäuber mit Duftstoffen.
Björn S.../flickr.com/cc-by-sa
Exkursion
Einheimische Orchideen werden immer seltener: Der Mensch überbaute ihre Lebensräume oder wandelte sie um in gedüngte Wiesen. Auf einem Lehrpfad in Erlinsbach AG kann man bis zu 20 Arten entdecken – wenn man genau hinschaut.

«Oh, das ist ein sehr schönes Exemplar», sagt Thomas Ulrich und geht in die Knie, um die Blume am Wegrand genauer zu betrachten. «Vier, fünf, sechs, sieben, acht … sie wird sicherlich zehn Blüten haben!» Ein in den Boden gestecktes Metallschild verrät, dass wir eine Kleine Spinnen-Ragwurz vor uns haben – eine einheimische Orchideen-Art, die bereits im April zu blühen beginnt, jeweils als Erste auf dem Orchideen-Lehrpfad im aargauischen Erlinsbach.

Der Lehrpfad besteht aus mehreren schmalen Trampelpfaden, die sich durch ein steiles Stück Wiese oberhalb des Dorfes und den Rand des angrenzenden Föhrenwaldes ziehen. Über dem Kugelfang eines ehemaligen Schiessplatzes gelegen, wird die Magerwiese seit 1977 weder genutzt noch gedüngt, sondern von der Arbeitsgruppe Einheimische Orchideen Schweiz (AGEO) gepflegt. Wegen der steilen Hanglage und dem lehmigen Boden, der im Sommer stark austrocknet, war sie für intensive Graswirtschaft sowieso nicht interessant. «Der Boden kann hier im Sommer über 50 Grad heiss werden», erklärt Ulrich. «Für viele Orchideen ist das kein Problem: Sie überdauern den Hochsommer als Knollen im Untergrund.» 

Ulrich und seine Frau Beate Waldeck engagieren sich seit 25 Jahren bei der AGEO: In ihrer Freizeit kartieren sie einheimische Orchideen in der ganzen Schweiz, halten die Homepage des Vereins aktuell und im Herbst helfen sie mit, die Wiese in Erlinsbach zu mähen und das geschnittene Grüngut den Hang hinunterzutragen, damit nicht zu viele Nährstoffe in den Boden gelangen.

Dünger und Überbauungen 
Wird ein Boden zu nährstoffreich, bedeutet dies für viele Orchideenarten das Aus, weil dann die Wurzelpilze im Boden sterben, mit denen sie in engem Austausch leben. «Es ist erschreckend, wie stark einheimische Orchideen nur schon in der Zeit zurückgegangen sind, in der wir sie beobachten», sagt Ulrich. Und Waldeck erinnert sich: «Früher konnten wir bei einer Fahrt durch den Jura oft schon von der Strasse aus unzählige Orchideen sehen.» Heute werde Gülle mit Schläuchen selbst auf Wiesen an steilen Jurahängen ausgebracht, die mit Maschinen nicht befahrbar seien. Auch rund um Erlinsbach sind die meisten Blumenwiesen intensiven Weiden oder Rapsfeldern gewichen – oder Häusern.

Mit dem Lehrpfad ist es gelungen, eine artenreiche Wiese zu erhalten. Grosse gelbe Polster aus Löwenzahn und Hahnenfuss fehlen hier. Dafür findet man laut Ulrich auf einer Fläche von zehn auf zehn Metern bis zu 60 verschiedene Pflanzenarten, darunter viele geschützte. Je nach Jahreszeit tauchen Kreuzblumen, Färber-Ginster, Hirschwurz, Bergaster und Silberdistel die Wiese in unterschiedliche Farben. Und von Mitte April bis Ende Juli sind hier fast 20 der gut 70 einheimischen Orchideen-Arten anzutreffen. «Um alle zu sehen, muss man allerdings mehr als einmal hierherkommen», sagt Ulrich. Denn nicht alle blühen zur selben Zeit (siehe Kasten). «Und man muss sich genügend Zeit nehmen und ganz genau hinschauen», ergänzt Waldeck. Denn anders als die farbenfrohen tropischen Orchideen aus dem Blumengeschäft sind die meisten einheimischen Arten klein und unscheinbar.

ThomasUlrich
Thomas Ulrich mit einer Kleinen Spinnenragwurz.
Bild: Martina Huber

Bestäuber werden getäuscht
So auch die Kleine Spinnen-Ragwurz am Wegrand, die ein AGEO-Mitglied letzte Woche für die Besucher mit einem beschrifteten Metallschild versehen hat. Die symmetrisch geformten Blüten entlang des Stängels sind knapp so gross wie ein Daumennagel und mehrheitlich grün, sodass sie sich kaum von den sie umgebenden Gräsern und Kräutern der Wiese abheben. Das Blütenblatt unten in der Mitte – die sogenannte Lippe – ist grösser als die anderen, braun-schwarz und geformt wie Kopf und Körper einer Biene. Etwas dunklere, glänzende Flecken gaukeln sogar Flügel vor. «Damit lockt sie Bienenmännchen an», erklärt Ulrich, «sie halten das Blütenblatt für ein Weibchen und versuchen, es zu begatten.» Dabei bleiben Pollenpakete auf dem Insekt kleben, die es zur nächsten Blüte weiterträgt.

Noch schwerer zu entdecken als die Kleine Spinnen-Ragwurz ist das Grosse Zweiblatt, doch Ulrich weiss genau, wo eines nahe beim Wegrand wächst. Zwischen zwei breiten Blättern am Boden – den sogenannten Rosetten-Blättern – wächst ein Stängel empor, der in seiner oberen Hälfte zahlreiche kleine, grüne Blüten trägt. Sie erinnern ein wenig an Maiglöckchen, die noch nicht blühen, nur dass das Zweiblatt bereits in voller Blüte steht: Entlang der schmalen Lippe fliesst Nektar. «Anders als viele Orchideen belohnt sie ihre Bestäuber», erklärt Ulrich.

Das tut auch die Langspornige Handwurz, die zum jetzigen Zeitpunkt erst die Rosetten-Blätter gebildet hat. In ein paar Wochen schon wird sie Stängel austreiben und den Insekten nektargefüllte, duftende Blüten bieten, die in der Wiese Farbtupfer von weisslich rosa bis lila bilden werden. 

Winzige Samen
Am oberen Ende der Wiese, im Schatten einer Föhre, wachsen gleich mehrere Orchideen, die mit ihren leuchtenden Violett-Tönen selbst einem Laien ins Auge stechen: Es sind Manns- und Helm-Knabenkräuter. «Sie bilden nur Duftstoffe, aber keinen Nektar», sagt Ulrich. Ein Zitronenfalter kommt angeflattert, fällt auf die Täuschung rein und lässt sich auf einer Blüte nieder, um seinen Rüssel tief in den Kelch zu stecken. Er verweilt aber nicht lange genug, als dass Ulrich ihn fotografieren kann. Und ohne einen dazugehörenden Bestäuber fotografiert er nur noch selten Orchideen.

So packt er die Kamera wieder weg und zeigt auf die Rosetten-Blätter einer Spinnen-Ragwurz, die bereits braune Ränder bekommen. «Bald werden sie ganz verschwunden sein», sagt er. «Das Blattgrün im Stängel und Nährstoffe aus der Knolle geben der Pflanze genügend Energie, um aus den bestäubten Blüten Samen zu bilden.» Denn Orchideen packen keine Nährstoff-Vorräte in ihre Samen, von denen das künftige Pflänzchen zehren könnte. Sie brauchen einen Wurzelpilz, der sie mit Nährstoffen versorgt, bis sie selbst die ersten Blätter bilden und fortan Sonnenlicht in Zucker umwandeln können. Dafür kann der Wind die Winzlinge kilometerweit tragen. So könnten sich die Orchideen von Erlinsbach aus auch wieder ausbreiten – sofern geeignete Böden vorhanden sind, auf denen sie keimen können.

Diese 20 Orchideenarten blühen auf dem Lehrpfad

Mit etwas Glück und Geduld können Besucher auf dem Lehrpfad in Erlinsbach folgende Orchideen entdecken:

April bis Mai: Kleine Spinnen-Ragwurz, Helm-Knabenkraut, Manns-Knabenkraut.

Mai bis Juni: Fliegen-Ragwurz, Hummel-Ragwurz, Puppenorchis, Grünliche Waldhyazinthe, Langblättriges Waldvögelein, Weisses Waldvögelein, Vogelnestwurz. Mai bis Juli: Grosses Zweiblatt, Langspornige Handwurz.

Juni bis Juli: Wohlriechende Handwurz, Bienen-Ragwurz, Pyramidenorchis, Fuchs-Fingerwurz, Braunrote Stendelwurz, Müllers Stendelwurz.

Juli bis August: Übersehene Stendelwurz.

Bis Mitte Juni sind an Wochenenden und Feiertagen jeweils Mitglieder der Arbeitsgruppe Einheimische Orchideen Schweiz vor Ort, um Interessierten Auskunft zu erteilen. Auf Anfrage sind auch Führungen für Gruppen möglich.

Wichtig: Die Wege nicht verlassen, keine Pflanzen zertreten oder mitnehmen! Bei schlechtem Wetter sollte der Lehrpfad nicht besucht werden, da die schmalen, lehmigen Wege rutschig werden und wenig Halt bieten. Eine Wegbeschreibung, ein Plan des Lehrpfads sowie weitere Infos zu einheimischen Orchideen finden sich unter: www.ageo.ch

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